Jesabel

Irène Némirovsky war für mich eine echte Entdeckung. Ihr Stil ist ausgezeichnet, ihre Geschichten sind spannend und ungewöhnlich. Das erste Buch, das ich von ihr las, war Jesabel.

Eine Frau steht wegen Mordes vor Gericht. War der junge Mann ihr Liebhaber? Wie konnte diese schöne und begehrte Frau aus den besten Kreisen zur Mörderin werden? Spannend und zunächst vom Ende her erzählt der Roman die Geschichte von Gladys Eisenach, die anscheinend die ewige Jugend gepachtet hat. Doch ihre vermeintliche Alterslosigkeit ist nicht einfach ein Geschenk der Natur, es ist ihr Wahn: Sie will mit allen Mitteln verhindern zu altern, da sie glaubt, nicht ohne das Begehren der Männer und den Neid der Frauen, nicht ohne die Macht, die damit einhergeht, leben zu können. Dabei opfert sie familiäre Bindungen ebenso selbstverständlich wie alte Freundschaften. Denn wer sie lange kennt, weiß natürlich ungefähr, wie alt Gladys in Wirklichkeit ist, und könnte es ausplaudern. Das jedoch will Gladys in ihrem Jugendwahn und ihrer Gefallsucht unbedingt verhindern.

Interessanterweise entwickelt man beim Lesen nicht nur negative Gefühle für Gladys, sondern Mitleid mit dieser Frau, die nie begriffen hat, worum es im Leben geht und warum das Altern ein wichtiger und schöner Prozess ist.

Jesabel kann auch als Abrechnung mit der Mutter der Autorin gelesen werden, die ebenfalls um jeden Preis für jung gehalten werden wollte, Irène Némirovskys Jugend war geprägt von dem Jugendwahn und der Lieblosigkeit ihrer Mutter. Was die Schriftstellerin nicht mehr erfahren sollte: Nachdem sie und ihr Mann 1942 von den Nazis abgeholt wurden und ihre beiden Töchter Elisabeth und Denise nach dem Krieg die Hoffnung verloren hatten, ihre Eltern wiederzusehen, standen sie eines Tages vor der Tür ihrer Großmutter. Diese hatte den Krieg unbeschwert und komfortabel in Nizza überlebt. Doch die Großmutter öffnete ihnen nicht einmal die Tür und empfahl ihnen, sich an ein Waisenhaus zu wenden, da ihre Eltern ja gestorben seien. Die Großmutter starb übrigens 1989 uralt mit 102 Jahren in ihrer Pariser Wohnung …

Rezension erstmals erschienen in „Der virtuelle literarische Salon“, Nr. 37 (2007).

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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