Suite française

Viele von euch kennen ihn vielleicht, den hervorragenden Roman Suite française, der leider unvollendet blieb.

In diesem Roman, der ursprünglich auf fünf Teile angelegt war, erzählt Irène Némirovsky im ersten Teil von der Flucht der Pariser vor der Ankunft der Deutschen. Im zweiten Teil geht es um ein französisches Dorf, das von den Deutschen besetzt wird, und darum, wie die Einwohnerschaft mit der neuen Situation umgeht.

Fesselnd und am Beispiel einiger weniger Hauptfiguren führt die Autorin vor, wie eine extreme Situation das wahre Gesicht der Menschen zeigt. Die Bedrohung, die Hindernisse, die Angst, der Hunger treiben die Hauptfiguren – je nach Charakter – dazu, hilfsbereit und verantwortungsvoll zu handeln, oder egoistisch nur den eigenen Vorteil zu suchen: Es gibt Menschen, die ihre weltlichen Besitztümer auf ihre Wagen geladen haben, und nie auch nur ein Stück abladen würden, um Platz für einen Flüchtling zu machen, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Andere schaffen es, mithilfe ihres Reichtums selbst in den schwierigsten Situationen noch an Zimmer und Gänseleberpastete zu kommen. Wieder andere geben die Flucht auf und kehren nach Paris zurück, wo sie feststellen, dass ihre Stadt trotz des Einmarschs der Deutschen noch immer steht und die Flucht im Grunde überflüssig war.

Im zweiten Buch stehen wieder einzelne Schicksale im Vordergrund. Es gibt Frauen, die sich aus den verschiedensten Gründen mit deutschen Soldaten einlassen, und solche, deren unversöhnlicher Hass jede Kommunikation mit den Besatzern unmöglich macht. Die Soldaten werden nicht als unmenschliche Kriegsautomaten beschrieben, man spürt ihren Wunsch, mit der Dorfbevölkerung in Kontakt zu treten, ihnen zu beweisen, dass man nicht der skrupellose Feind ist, für den einen alle halten. Sie scheinen selbst die Unsinnigkeit der Verbote, denen sich das Dorf beugen muss, zu bedauern. Doch eines Tages wird einer der Offiziere ermordet. Ausgezeichnet geschrieben und sehr empfehlenswert.

Sehr erhellend waren die angehängten Notizen der Autorin, Tagebuchauszüge, in denen sich zeigt, wie viel ihrer Lebenswirklichkeit in den Roman eingeflossen ist, und wie sie gedachte, den Roman weiterzuführen. Doch dazu gab ihr das Schicksal keine Zeit mehr. Die ebenfalls angehängte Korrespondenz ihres Mannes, in der er versucht, möglichst viele positive Gutachten zu sammeln, um das Leben seiner Frau zu retten, und die Antworten, die von der Hochachtung vor ihrer literarischen Leistung und ihrer Person zeugen, sind sehr bewegend.

Rezension erstmals erschienen in „Der virtuelle literarische Salon“, Nr. 37 (2007).

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Suite française

  1. Tintenelfe schreibt:

    Hallo Petra,
    waren die angehängten Notizen und Tagebuchauszüge in der Ausgabe, die Du gelesen hast, als Anhang dabei? Ich hatte die Ausgabe vom „Welttag des Buches“, Da gab es so etwas nicht. Wenn ja, würde ich mir glatt noch mal eine andere Ausgabe zulegen.
    Grüße von der Tintenelfe

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, liebe Tintenelfe, meine TB-Ausgabe enthält ihre „Notizen über den Zustand Frankreichs und ihr Projekt Suite française„, Korrespondenz aus den Jahren 1936 bis 1945 (nicht nur von ihr) sowie ein Nachwort. Fand ich alles sehr lesenswert, die Anschaffung lohnt sich meiner Meinung nach.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s