Scherz, Coup oder Betrug?

Gesine von Prittwitz hat kürzlich auf ihrem lesenswerten Blog SteglitzMind zwei sehr interessante Beiträge um die Debatte zu jenem Krimi verfasst, der angeblich aus schwedischer Hand stammen sollte, in Wirklichkeit aber eine Koproduktion eines deutschen Autors und eines deutschen Feuilletonisten war. In ihrem ersten Beitrag, „Ein Sturm im Wasserglas. Zum Sommertheater Steinfeld und Co“ betrachtet sie das Thema vor allem im Blick auf die Inszenierung. Im folgenden Artikel, „Gezielte Irreführung. Ein Nachtrag zum Sommertheater um Steinfeld und Co“ geht sie mit dieser Inszenierung härter ins Gericht.

In meinem Wasserglas ist weit und breit kein Sturm zu sehen.

Ich muss gestehen, dass das Thema vorher für mich eher ein Stürmchen war, das sich nicht in meinem Wasserglas abspielte, da ich sowieso kaum Krimis lese. Die Frage aber, ob sich das Lesepublikum nun ernsthaft und bös veräppelt vorkommen muss, finde ich interessant. Treue Leserinnen und Leser meines Blogs wissen, dass ich mich schon öfter mit dem Thema „Literarischer Scherz“ befasst habe. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Hans Traxlers Die Wahrheit über Hänsel und Gretel und William Boyds fiktiver Künstlerbiographie Nat Tate. Hier wird das Lesepublikum aber jeweils im Klappentext bzw. im Nachwort darüber informiert, dass es sich nicht um „Wahrheit“ handelt, die präsentiert wird. Dennoch konnte Nate Tate die New Yorker Kunstszene erst mal ordentlich nasführen, worüber die keinesfalls glücklich gewesen sein dürfte, zumal Künstler wie Jeff Koons und David Bowie in den Schwindel eingebunden waren.

Aufgeklärt über einen Zoologenscherz wird man dagegen nicht bei Bau und Leben der Rhinogradentia von „Professor Dr. Harald Stümpke“. Doch das ist bei der haarsträubenden Thematik und den vielen witzigen Beigaben auch nicht nötig. Kein noch so geneigter Leser wird aufgrund des Buches, das übrigens in einem Wissenschaftsverlag erschien, von der Entdeckung der Nasenschreitlinge überzeugt gewesen sein.

Bei dem Krimi liegt der Fall aber anders: Kein Klappentext verweist auf den köstlichen Scherz, den sich da die Schreiber und der Verlag erlaubt haben. Dass ein „Exeget“ sich selbst am Romanschreiben versucht, ist ja nichts Neues und zunächst auch nicht verwerflich. So schrub beispielsweise der us-amerikanische Literaturwissenschaftler Erich Segal, der ganz genau wusste, welche Ingredienzien ein erfolgreicher Liebesroman enthalten sollte, den überaus erfolgreichen Liebesroman Love Story. Da fühlt sich niemand geschüttelt, höchstens gerührt. So ähnlich war es wohl auch bei dem Feuilletonisten, Exeget von Berufs wegen, der wusste, was alles zu einem schwedischen Krimi typischerweise gehören sollte. Und das hat er dann eben mit einem Co-Autor umgesetzt. Wer nun die Leiche ist oder sein soll und ob man das geschmacklos findet oder nicht – nun ja.

Ich frage mich nur: Taugt denn eigentlich das Artefakt als Krimi etwas oder ist es wirklich nur ein „Machwerk“, das die Leserinnen und Leser nicht nur aufgrund der unrühmlichen Vorgeschichte ärgern könnte, sondern auch, weil es schlecht geschrieben ist? Da ich, wie gesagt, so gut wie nie Krimis lese, werde ich diese Frage vermutlich auch künftig nicht beantworten können, aber vielleicht jemand von euch?

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Scherz, Coup oder Betrug?

  1. puzzle schreibt:

    Nö. Kann und will ich nicht beantworten, aber ich habe deinen Artikel sehr genossen und würde das auch tun, wollte sich herausstellen, „du“ bzw. dein Geschriebenes wären Produkt der Phantasie einer ostfriesisch-österreichischen experimentalliterarischen Webkommune.
    Es gibt genug Schriftsteller, die seit Jahrzehnten vollkommen ohne Schamgefühle Kooautoren beschäftigen und verschleissen, genau wie bereits zu Rembrandts Zeiten die bildnerischen Kunstwerke in regelrechten Werkstätten unter den Händen fleissiger Vorarbeitender entstanden sind.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Liebe Puzzle, hiermit erkläre ich, dass ich keine Produkt der Phantasie einer ostfriesisch-österreichischen experimentalliterarischen Webkommune bin und mich sehr freue, wenn du meine Artikel genießt : )
      Mir geht es eigentlich ähnlich, wenn das Ergebnis was taugt, ist das werbetechnische Drumrum mir relativ wurst. Wenn es witzig ist, wie bei Traxler und Co. – umso besser. Ich glaube aber, dass man sich im Falle des besagten Krimis doch „mehr“ veräppelt vorkommen könnte (sofern einen denn diese ganze Story drumrum überhaupt interessiert). Was du zur Kunst sagst: Auch da stimme ich dir zu, was übrigens auch im Blick auf neuzeitliche Kopisten wie Beltracchi gilt, der ja immerhin kreativ genug war, nicht einfach zu kopieren, sondern im Stile von zu malen. Verurteilt gehören dann höchstens die, die sich an seinen Coups bereichert haben. Denn er war ja in der Tat schöpferisch tätig.

  2. IngridW schreibt:

    Ich lese durchaus gern Krimis und würde mich schon hereingelegt fühlen, hätte ich einen Schwedenkrimi gekauft, der keiner ist. War durchaus geschäftstüchtig, Schweden zu wählen – Schwedenkrimis sind hierzulande sehr beliebt. Nun ja, Publicity hat das Buch ja nun reichlich. Ich hoffe, es hilft nicht.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke für deinen Kommentar, liebe Ingrid : ) Wenn das Buch als solches von guter Qualität ist, also spannend/unterhaltend geschrieben, mit interessantem Plot und ebensolchen Charakteren etc., ist’s ja okay. Es gibt viele deutsche Autoren, die sich beispielsweise einen englisch klingenden Namen zulegen, in der Hoffnung, dass das besser zieht. Oder ihre Bücher in anderen Ländern spielen lassen etc. Das ist alles in Ordnung. Am Ende kommt es auf das Buch an sich an, ob es was taugt – oder eben nicht.

      • IngridW schreibt:

        Ich sehe das Geschehen insgesamt doch etwas kritischer. Mittlerweile ist ja auch bekannt, dass es den Autor Jean-Luc Bannalec des Krimis „Bretonische Verhältnisse“ gar nicht gibt, sondern dahinter jener Fischer-Verlagsleiter Jörg Bong steckt, unter dessen Verantwortung „Der Sturm“ von „Per Johansson“ erschienen ist. In den „Bretonischen Verhältnissen“ heißt es im Klappentext des Verlags KIiepenheuer & Witsch u. a.: „Jean-Luc Bannalec wurde 1967 in Brest geboren“. Das ist eine glatte Irreführung. Lt. Internet (Homepage der Goethe-Universität) wurde er = Jörg Bong 1966 in Bad Godesberg geboren. Den Wahrheitsgehalt der anderen Aussagen über den vermeintlichen Autor Bannalec habe ich nicht recheriert, traue ihnen aber nicht (mehr). Es kann doch wohl nicht sein, dass um Authentizität vorzugaukeln, Biografien erfunden werdenerfunden

  3. Mila schreibt:

    Warum ist es eigentlich kein Schwedenkrimi? Spielt doch in Schweden, oder?
    Auch wenn der Buchmarkt so funktioniert (Schublade auf, Buch rein), hasse ich Labels. Gestern in der Buchhandlung: Ein bluttriefendes Cover bei den Krimis neben dem anderen. Langweiliger geht’s nimmer. Deshalb mag ich Blogs. Da entdecke ich das ein oder andere Buchschätzchen, von dem ich sonst nie gehört hätte, und lasse die Schweden- und Blutkrimis einfach liegen. (Danke auch für den Hinweis auf Nat Tate, klingt spannend! Ich habe gerade „Die Naziliteratur in Amerika“ von Roberto Bolano gelesen. Alles fiktiv. Einschließlich seitenlanger Personenregister und Literaturlisten.) Lg Mila

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Gute Frage, liebe Mila : ) Vermutlich muss ein Schwedenkrimi auch aus schwedischer Feder geflossen (oder von schwedischer Hand getippt worden) sein, um das Label zu „verdienen“. Ansonsten wäre die Aufregung vielleicht nur halb so groß und würde sich auf die angeblich im richtigen Leben identifizierte Leiche beschränken.
      Nat Tate ist wirklich klasse und das Buch an sich ist sehr schön gemacht. Danke für den Roberto-Bolano-Tipp, das klingt für mich wiederum super interessant!

  4. kormoranflug schreibt:

    Wenn der Mörder ein Schwede ist, könnte der Krimi doch auch als Schwedenkrimi durchgehen?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Wie gesagt, es kommt wahrscheinlich einfach auf die Kriterien an, die erfüllt sein müssen, um einen Krimi als Schwedenkrimi durchgehen zu lassen. Manche sind da strenger, manche lockerer. Eigentlich finde ich die Bezeichnung gar nicht so toll, wäre doch interessanter, die Qualität an anderen Merkmalen als am Herkunftsland oder an den Autoren festzumachen. Richtig cool ist es, wenn der Krimi, die Art, der Stil etc. direkt mit dem Autorennamen verbunden ist, wie z. B. bei Agatha Christie oder Edgar Wallace, das weiß man, was man hat ; ) Aber vermutlich ist die Krimilandschaft heute nicht mehr übersichtlich genug, da muss man eben nach anderen Merkmalen clustern …

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