Willy Puchner zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten

Vor knapp zwei Jahren habe ich euch Willy Puchners Bildband Illustriertes Fernweh empfohlen – und dachte damals schon, wie gern ich ihn für mein Blog interviewen würde. Kürzlich fand er dann zufällig den Weg zu meinem Blog und ich konnte ihn für ein Interview gewinnen, worüber ich mich sehr freue. Inzwischen ist übrigens auch seine Welt der Farben im Residenz Verlag erschienen, Jarg hat darüber bereits auf seinem Blog berichtet.

Foto: © Willy Puchner

Der Künstler und Autor Willy Puchner, geboren 1952, besuchte zunächst die Abteilung Fotografie der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, unterrichtete dort auch und studierte anschließend Philosophie, Geschichte und Soziologie. Seit 1978 ist er freischaffender Fotograf, Zeichner und Autor. Im Interview erfahrt ihr mehr über seine Lese- und Reisegewohnheiten.

Wie man deinem wunderschönen Bildband Illustriertes Fernweh entnehmen kann, bist du bisher schon sehr viel gereist. Ein Satz im Klappentext zu diesem Bildband gefiel mir besonders, nämlich dass du weißt, „dass die wahren Reisen im Kopf stattfinden – in der Vorfreude und in der Erinnerung“. An welche Reise oder Reisen erinnerst du dich besonders gern und warum?

Willy Puchner: Ich erinnere mich gerne an lange Spaziergänge, entweder am Meer entlang oder auch endlos lange durch diverse Dörfer oder Städte in Indien, Japan oder auch Schwarzafrika, an Situationen, in denen Gehen, Schauen und somit auch Reisen eins wurden, wo ich auf gewisse Art und Weise leicht wurde, fast schwebend. In diesen Momenten fühlte  ich mich eins mit dem Draußen, mit der Umgebung, bin wach, offen, gehe auf Menschen zu. Das ist der Teil, wo ich auch gelegentlich fotografiere oder mein Reservoir in meinem Kopf fülle.

Gibt es ein Sehnsuchtsziel, das du irgendwann unbedingt bereisen willst?

Willy Puchner: Es gibt einige Ziele der Sehnsucht, das sind nicht unbedingt konkrete Orte, eher Bilder, Bilderfolgen, imaginierte Bewegungen, Kopffilme. Zum Beispiel möchte ich einmal einen langen Marsch mit Elefanten unternehmen, so wie es manchmal in Indien stattfindet …

Oder ich möchte Teil einer Prozession sein, die laut und bunt ist, in der die Menschen verkleidet sind …

Dann wiederum sind es ganz stille Orte, da sitze ich – vorerst noch in meiner Phantasie – ganz lange an einem schönen Platz und betrachte alles ganz genau, verlangsame meinen Blick, werde innerlich ruhig. Das habe ich auf vielen Reisen gemacht, es ist wie eine Meditation des nach außen und innen Schauens.

Wie gründlich bereitest du dich auf eine Reise vor – einfach buchen und los oder mit Reiseführern, Internet etc.?

Willy Puchner: Oft habe ich mich so gründlich auf eine Reise vorbereitet, dass ich das Gefühl hatte, ich bin schon lange vor meiner Abreise angekommen. Da ich auf all meinen Reisen meine Materialbücher führe, mache ich mir Notizen, sammle Wissenswertes, mache Zeichnungen, lese Bücher, Zeitschriften, suche ausgefallene Dinge in Reiseführern und im Internet, häufe Material an, dass ich wie durch ein Filter auf meine Art und Weise zurechtbiege.

Liest du auch auf Reisen, falls ja, was am liebsten?

Willy Puchner: Ich lese vorher und auf Reisen. Am liebsten habe ich es, wenn mich ein Roman und damit die Figuren des Romans begleiten, da ergeben sich Parallelwelten, die manchmal in meinen Reisebüchern einfließen.

Gibt es Reiseschriftsteller, die du besonders schätzt?

Willy Puchner: Jules Michelet, vor allem mit seinem Buch über Das Meer. Ich mag auch sehr gerne Bruce Chatwin und seinen Standpunkt, dass die eigentlichen Reisen zwischen Begegnungen von Menschen stattfinden, Hans Jürgen Heinrichs, wenn Reisen auch noch eine Metaebene braucht und wenn ich noch mehr abgehoben herumflaniere, Claude Levi Strauss oder Gaston Bachelard. Wenn ich mit gewaltigen Bildern und schönen Worten verreisen möchte, nehme ich Christoph Ransmayr, Paul Auster oder Cees Noteboom in meinen Rucksack, um einige Namen herauszugreifen.

Wie man in dem Bildband sehen kann, schreibst und zeichnest du auch auf Reisen – zum Glück für deine Leserinnen und Leser. Diese Zeichnungen sind sehr witzig, verspielt, manchmal skurril. Sind sie typisch für deinen Blick auf die Welt oder siehst du auch Unterschiede verglichen mit deinem Zeichnen (und Schreiben) zu Hause? Wie würdest du selbst deinen Blick auf die Welt beschreiben?

Willy Puchner: Ich glaube, dass meine Zeichnungen EINE Zugangsweise sind neben meinen Fotografien, die auch einen Blick auf die Welt zeigen. Ich versuche mir auf verschiedene Art und Weise die Welt „anzueignen“. Wenn ich zum Beispiel fotografiere, gehe ich mehr nach „draußen“, wenn ich zeichne, gehe ich mehr nach „innen“. Der Blick auf die Welt drückt sich durch dieses Wechselspiel aus.

Wie sind diese Reisezeichnungen entstanden, hast du erst unterwegs skizziert und dann die Zeichnungen, beispielsweise in Ruhe daheim, ausgearbeitet oder sind sie komplett auf Reisen entstanden?

Willy Puchner: Ich zeichne in verschiedenen Situationen. Früher hatte ich sogar ein „mobiles Büro“. Das bestand aus einem speziellen Rucksack, in dem hatte ich meinen „Kritzelbedarf“ eingepackt, zum Beispiel Bleistifte, Malfarben, Radiergummi, eine Wasserflasche, kleine Schüsseln, Papier oder mein aktuelles Reise-Materialbuch und vor allem ein weißes Tuch, auf dem ich meine Malutensilien auflegte. Von dem bin ich etwas abgekommen. Was ich beim Reisen unbedingt brauche ist ein Hotelzimmer mit einem Tisch, je größer je besser, auf dem ich mehr oder weniger die gleichen Dinge wie beim „mobilen Büro“ auflege. Wenn ich dann von unterwegs wieder „nach Hause“ ins Hotelzimmer komme, habe ich alles bereit. Da zeichne ich dann in meine Bücher oder arbeite an meinen Bilderbriefen. Da ich in letzter Zeit oft mit meiner Phantasie reise, habe ich zu Hause, das ist in Wien oder in einem Bauernhaus in Südburgenland, eine Art Luxus-Arbeitsraum, in dem habe ich alle Varianten vom „Kritzelbedarf“ bis hin zur Kopfbandlupe. Im Vergleich dazu ist mein „mobiles Büro“  gerade lächerlich verschwindend. Da ich in letzter Zeit auch das Zeichentablett für Computer entdeckt habe, verfeinere ich die Zeichnungen gerne noch am Bildschirm.

Willy Puchner bei der Feinarbeit, Foto: © Willy Puchner

Gibt es ein Land, eine Landschaft, eine Reise, die dich in besonderem Maße inspiriert hat, mehr als alle anderen?

Willy Puchner: Was mich besonders inspiriert hat und noch immer inspiriert, ist jede Art von Küste, Strand, Orte, bei  denen ich mich ins Meer bewegen kann. Da fühle ich mich wie eine Art Reptil, eine Art denkendes Kriechtier, das neben seinem schon erwähnten Kritzelbedarf auch noch Bücher liegen hat. Da verweile ich sehr lange, eher in abgelegenen Buchten und schaue aufs Meer, in die Bücher, schwimme, schnorchle, kühle mich ab, krieche wieder aufs Land. Tage- oder wochenlang reicht mir diese Kulisse. Ich bin fasziniert von der großen weiten Fläche, die vielleicht eintönig erscheint und so dem ungeachtet aufregend und vielfältig ist. Da erlebe ich ein Spektrum an Farben, Gerüchen und Gedanken. Da spüre ich das Salz auf meinem Körper, auf meiner Zunge. Ganz besonders schön ist es, wenn die Strandlandschaft in einer abgesonderten Bucht noch einen Baum zu bieten hat, dann wechsle ich zwischen Sonne und Schatten.

Ist das Thema „Zeichnen auf Reisen“ nun mit jenem Bildband für dich abgeschlossen oder könntest du dir vorstellen, dazu ein weiteres Buch herauszubringen? Sprich, hast du weiteres Material für einen Bildband, der in diese Richtung gehen könnte?

Willy Puchner: Vor etwa einem Jahr ist das Buch von der Welt der Farben erschienen. Im Grunde ist das ein Reisebuch, welches ich durch eine Art schelmischer Farbenlehre bereichere.

Das Thema „Zeichnen auf Reisen“ ist auf keinen Fall abgeschlossen. Vor wenigen Tagen ist mein Kinderbuch Ein Hase auf Reisen erschienen (siehe Buchcover). Es ist ein Buch, in dem der Protagonist Billy, ein roter Hase, durch die Welt reist. In seinen Träumen trifft er den kleinsten Tiger des Universums, entdeckt einen roten Seestern, fliegt mit den Möwen, und begegnet schließlich Dilly, einer roten Häsin. Es ist eine Art Traum-Reise.

Weiters plane ich ein Buch, in dem ich viele meiner Leidenschaften verbinden möchte. Es ist ein Briefbuch, in dem an ein Kind schreibe, Briefe, die einerseits mit konkreten Orten zu tun haben, andererseits mit Orten der Phantasie.

Und zum Schluss: Was darf in deinem Reisegepäck, von Kleidung, Hygieneartikeln etc. einmal abgesehen, niemals fehlen?

Willy Puchner: In meinem Reisegebäck sollten immer Neugier und der Wunsch nach Fremden verpackt sein.

Ich danke Willy ganz herzlich für das Interview. Mehr über ihn findet ihr auch auf seiner Seite unter www.willypuchner.com.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Willy Puchner zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten

  1. Mila schreibt:

    Ich will auch einen Luxusarbeitsraum. Schönes Interview, liebe Petra. LG Mila

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ich auch! ; ) Danke dir, liebe Mila!

  3. Lakritze schreibt:

    Tolles Interview — danke!
    Und wieder ein interessanter Tip … Schrecklich. ,)

  4. Willy Puchner schreibt:

    Liebe Petra, vielen Dank!
    An Mila, Dina und Petra: ein Luxusarbeitsraum bedeutet auch, dass ich mich darin wohl fühle, da habe ich halt die Arbeitsutensilien und einen permanenten Tisch zur Verfügung. Natürlich wünsche ich euch auch einen Luxusarbeitsraum…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, lieber Willy, wohlfühlen bei der Arbeit mit allem, was man braucht und in schöner Umgebung – das ist wirklich ein sinnvoller Luxus! Den sollten wir uns eigentlich alle gönnen : )

  5. Rosemarie Liermann schreibt:

    Ich habe schon selbst Interviews mit Willy Puchner gemacht. Es ist das reinste Vergnügen mit diesem Mann, der soviel im Kopf hat, zuunterkeilen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr – zu gern würde ich mich auch mal persönlich und ausführlicher mit ihm unterhalten, aber Wien ist ja leider von hier aus nicht um die Ecke. Doch wer weiß, vielleicht ergibt sich einmal die Gelegenheit.

  6. Ein informatives, spannendes, unterhaltsames Interview von Dir! Den Namen des Autorenmalers habe ich mir gleich auf ein Memo-Kärtchen notiert – seine Zeichnungen sind hinreißend schön. Und erst das, was er zu erzählen hat…

  7. haushundhirschblog schreibt:

    Das hier ist sehr fein und trifft unseren Geschmack!
    Danke Willy Puchner und Petra!
    LG dm und mb

  8. Jarg schreibt:

    Vielen Dank für die Verlinkung … und vor allem für den wundervollen Artikel über Willy Puchner!

  9. Frau Blau schreibt:

    ich kann mich alldem nur noch anschließen und ja… auch ich habe jetzt einen neuen Zettel für den Kasten, darauf steht Willy Puchner und an erster Stelle ein Hase auf Reisen… es ist die Traumreise, die mich neugierig macht und die Bilder….
    „Willy Puchner: In meinem Reisegebäck sollten immer Neugier und der Wunsch nach Fremden verpackt sein.“ JA, aber auch im AlleTagerucksack 😉

    herzlichen Dank und Gruß an dich, Petra und natürlich an dich, Willy

    Frau Blau

  10. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Oh, wie schön, liebe Frau Blau, wo geht’s den hin? Ich wünsch dir einen tollen Urlaub : )

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