Das Spiel des Engels

Wie so viele andere war auch ich von Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes begeistert. Bis ich den Roman Das Spiel des Engels las, ließ ich mir ziemlich viel Zeit, da ich fürchtete, er könnte meine hohen Erwartungen enttäuschen. Aber (Zafón ist eben wirklich ein grandioser Schriftsteller und keine Eintagsfliege) der Roman ist ebenso faszinierend wie der erste, wenn auch wesentlich leichter, amüsanter und ein bisschen ironisch. Allerdings sollte man eine Vorliebe für Schauergeschichten mitbringen, denn dazu entwickelt sich der Roman rasch. So versammelt er auch alle Zutaten des Genres: eine Femme fatale, ein geheimnisvoller Fremder, eine unschuldige Geliebte, ein finsteres Haus, das der Traum aller Gothic-Novel-Liebhaber sein dürfte, ein Pakt mit dem Teufel, Grabmale und dunkle Gassen, flackernde Kerzen und jede Menge Blut. Überdies ist die Handlung reichlich verästelt, was zwar auf den 711 Seiten des Schmökers kein Problem ist, beim Versuch, sie nachzuerzählen aber schon. Jedenfalls treffen wir unter anderem den Friedhof der Vergessenen Bücher wieder und sogar Daniel, den Erzähler aus Der Schatten des Windes.

Barcelona, 1917: Der siebzehnjährige David Martín arbeitet bei einer Zeitung als Mädchen für alles und schreibt in seiner Freizeit blutrünstige Romane. Eines Tages bekommt er die Gelegenheit, eine Geschichte in der Zeitung zu veröffentlichen. Sie wird ein Erfolg und von da an schreibt er „eine operettenhafte Abenteuerserie“ mit dem Titel Die Geheimnisse von Barcelona. Er erweckt das Interesse eines mysteriösen Fremden, der ihn seiner Bewunderung versichert und ihn zu einem amourösen Abenteuer mit einer Frau einlädt, die der dunklen Heldin seiner Geschichten überraschend ähnelt. Einer von vielen Hinweisen auf die Verschränkung von Fiktion und Realität, die den Leser immer mal wieder an der Glaubwürdigkeit des Erzählers zweifeln lassen. Ist mit David vielleicht nur die Fantasie durchgegangen? Doch David weiß die Leserzweifel stets zu zerstreuen.

Nach ein paar Jahren verlässt er die Zeitung und verdient sich sein Brot mit einer Groschenromanserie des Titels Die Stadt der Verdammten, die er unter einem Pseudonym verfasst. Überhaupt will es ihm einfach nicht gelingen, einen großen Erfolgsroman unter seinem eigenen Namen zu schreiben. Den größten Erfolg hat ein Buch, das er für seinen väterlichen Freund und Gönner Pedro Vidal verfasst. Er kauft sich ein Haus, auf dem ein dunkles Geheimnis lastet, und der Unbekannte, von dem er mittlerweile weiß, dass er Andreas Corelli heißt und Verleger ist, macht ihm ein verlockendes Angebot: Für hunderttausend Francs soll er ein Buch schreiben, das eine neue Religion begründet. David verkauft seine Schriftstellerseele, doch bald geht ihm auf, dass dies keine gute Idee war. Aber wie soll er aus diesem Vertrag wieder herauskommen? Wie kann er Cristina, seine große Liebe, für sich gewinnen, die inzwischen mit Pedro verheiratet ist? Und vor allem: Wird er sein Leben retten, das mittlerweile auch der Polizei keinen Pfifferling mehr wert ist? Denn bei seinen Recherchen nach der wahren Identität Corellis passieren jede Menge Morde und David ist der Hauptverdächtige.

Bei aller Düsternis ist der Roman überraschend humorvoll, vor allem die Dialoge. Dies und die rasante Handlung machen ihn zu einem prima Schmöker, den man kaum aus der Hand legen mag.

Rezension erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Wie ich gerade bei Siri las, gibt es ab 25. Oktober 2012 den dritten Band Der Gefangene des Himmels in deutscher Übersetzung zu lesen. Wunderbar, ich freue mich darauf!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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15 Antworten zu Das Spiel des Engels

  1. Siri Buchfee schreibt:

    Liiiiiebe Petra,
    Danke, super!, dass du meinen Beitrag auf Masterchens Blog zu Zafón verlinkt hast.

    In der Buchfeenschule werden wir immer angehalten, darauf zu achten, wann welche Geschichten Beachtung finden. Da frage ich dich einfach mit all meiner Feenkühnheit: „Wie bist du gerade jetzt auf den schauerlichschönen Zafón gekommen?“ Weißt du, warum ich frage? Es ist ein Geheinnis, aber psssst, nur für dich: Bei mir war`s reiner Zufall. Masterchen benötigte einen neuen Beitrag und etwas Geschreibsel lag über die drei Bücher Zafóns schon vor und so hab ich das zu einem Beitrag flugs gemacht und veröffentlicht. Mir war gar nicht klar, dass Zafón so aktuell ist. Ist er nämlich bei uns in England nicht.
    Und großes Feenlob, du hast toll die komplexe Handlung und Stimmung des Romans herübergebracht.

    Huch, jetzt kommt Masterchen vom Reparieren der Wassertonne im Garten zurück. Ich muss Schluss machen.
    Liiiiebe Grüße von mir und meiner Schwester Selma
    Siri Buchfee 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Siri, das hab ich doch gern gemacht : ) Und der Anlass, dass ich den Zafón hier auf dem Blog gepostet habe, war tatsächlich deine Empfehlung mit der Zusatzinfo, dass es den 3. Band bald auf Deutsch geben wird. Darauf freu ich mich schon jetzt! Hier in Deutschland fanden die beiden anderen Bände auch reges Interesse, wobei ich aus den diversen Rezensionen herauslas, dass der 2. Band nicht so gut ankam wie der 1. Natürlich ist er in der Tat ganz anders, aber da ich ein Faible für gut gemachte Schauerromane habe, hat mich das nicht irritiert. Liebe Grüße, Petra

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Vielen Dank, liebe Petra, für diese hervorragend geschriebene Besprechung! Sie macht Lust und weckt unser Interesse, obwohl wir nicht gerade eine „Vorliebe für Schauergeschichten mitbringen“. Aber wir schätzen den Autor sehr und sind gespannt, ob wir uns darauf einlassen können … auf der Wunschliste steht das Buch zumindest jetzt bei mir,
    liebe Grüße,
    mb

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Auch bei mir hat deine Besprechung Lust und Interesse geweckt. Ich schäme mich schon fast dafür zugeben zu müssen, noch gar nichts von diesem Autor zu kennen … da scheint es bei mir wirklich eine eklatante literarische Bildungslücke zu geben. Herzlichen Dank für diese großartige Empfehlung! 🙂

  4. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für den Tipp, liebe Petra, dann werde ich das tun und freue mich schon sehr! Bin gespannt, wie es mir gefallen wird! 🙂

  5. buechermaniac schreibt:

    Liebe Petra

    Es geht mir wie Mara, ich habe auch noch kein Buch von diesem Autor gelesen, werde mir aber „Der Schatten des Windes“ besorgen, denn am 28. Oktober ist Carlos Ruiz Zafón zu Gast in Zürich und ich habe grosse Freude, dass ich Tickets für diesen speziellen Anlass ergattern konnte. Da trifft es sich doch erneut sehr gut, dass ich hier über eines seiner Werke lesen durfte.
    Vielen Dank dafür.

  6. Bücherliebhaberin schreibt:

    Ja an „Der Schatten des Windes“ kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Hab das Buch auf einem Flug nach Lateinamerika durchgelesen. Den Nachfolger habe ich bis jetzt nicht angerührt. Zu viele enttäuschte Stimmen hatte ich gehört. Nun werde ich es mir nach deiner Besprechung noch einmal überlegen. Zumal ich den lieben Herr Zafón schon bald live mit dem dritten Band
    „Der Gefangene des Himmels“ erleben werde. Vielen Dank schon mal an dich für die schöne Einstimmung.

    saludos

  7. eckisoap schreibt:

    auch wenn dein Eintrag hier schon etwas eingestaubt ist, ich liebe alle drei Bücher sehr! inzwischen habe ich sie auch im auto als hörbuch gehört.
    wirklich sehr empfehlenswert!
    und weil es schon länger her ist, werde ich sie mir jetzt nochmal anhören, dank deiner schönen Zeilen hier!

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