Brysons Shakespeare-Biographie

Ich weiß, dass ich nichts weiß – das ist zwar nicht von Shakespeare (und schon gar nicht von Bill Bryson), passt aber ganz gut zur Wissenslage über den großen englischen Dichter. Denn in der Tat ist wenig belegt, was wir über ihn zu wissen glauben. Das Aufplustern des Wenigen verdanken wir der emsigen Forschung, die sich nicht mit den dürren Grundlagen zufrieden geben will und wollte, weswegen sie schon viele dicke Bücher mit allerley Spekulationen über Shakespeare hervorbrachte.

Dagegen liest sich Bill Brysons nicht mal 200 Seiten umfassende Biographie erfrischend unterhaltsam. Er versucht sich nicht in Werksausdeutungen, um damit Shakespeares Leben zu erhellen. Stattdessen plaudert er charmant über das Wenige, was man weiß und wissen kann, über Shakespeares Kollegen, die Theatersituation und allgemein über die Verhältnisse im elisabethanischen und jakobinischen England.

Schon die Shakespeare-Porträts sind zweifelhaft. Das einzig Zeitgenössische (Chandos) zeigt womöglich gar nicht den Dichter, sondern irgendjemand anderen. Der Himmel – und niemand sonst – weiß, wen. Die anderen Porträts sind eben nicht zeitgenössisch und damit wenig verlässlich. Weiter geht’s mit dem handschriftlich Überlieferten. Zwar hinterließ Shakespeare in seinen Werken zig Wörter, von denen er etliche erfand, und zwar so gut, dass sie noch heute die englische Sprache bereichern, aber handgeschrieben haben nur 14 Wörter die Jahrhunderte überdauert. Davon sechsmal sein Vor- und Zuname (immer anders geschrieben) und einmal der Zusatz „by me“. Auch urkundlich wurde Shakespeare selten erwähnt: Man weiß, dass (aber nicht genau wann) er geboren wurde, dass er Anne Hathaway heiratete (natürlich nicht die Schauspielerin) und mit ihr drei Kinder hatte, dass er Land und Häuser erwarb und starb. Dazwischen gibt es ziemlich viele Jahre, von denen man keinerlei Ahnung hat, wo er lebte und was er trieb. Kein Wunder, dass immer wieder Theorien auftauchten, es habe ihn gar nicht gegeben (was sich leicht widerlegen lässt anhand von Heirats- oder Kaufurkunden) oder dass er zumindest nicht der Schreiber seiner Werke sei. Auch diese zum Teil absurden Theorien stellt Bryson in seinem Buch vor.

Übrigens, so Bryson, belaufe sich die Zahl der publizierten Bücher, in denen behauptet werde, Shakespeare habe seine Stücke nicht selbst geschrieben, auf mehr als 5.000. Und es vergeht ja kaum ein Sommerloch, in dem nicht irgendwer etwas zu diesem Thema beizutragen hat. Vor gar nicht langer Zeit suggerierte der Film Anonymous von Roland Emmerich, dass Edward de Vere in Wahrheit Shakespeares Werke geschrieben habe. Übrigens eine sehr beliebte These. Dann gibt es noch die, dass seine Werke eigentlich von Christopher Marlowe geschrieben worden seien. Über einen ihrer jüngsten Verfechter, den Autor Bastian Conrad, respektive dessen Studie schrieb Peter von Becker in seiner Rezension „Seins oder nicht seins“ (geniale Überschrift, by the way) auf Zeit Online. Peter von Becker scheint allerdings von dieser These wenig überzeugt, die in der Tat etwas dürftig daherkommt:

„Zwar soll Marlowe 1593 bei einem Streit durch einen Messerstich ums Leben gekommen sein. Doch Conrad behauptet, der historisch beglaubigte Geheimagent Marlowe, ein gebildeter, sprachgewandter Bursche, sei vom Hof Elizabeth I. nach einem Komplott gerettet und mit einer neuen Identität versehen worden – unter der Bedingung, dass er künftig als tot zu gelten habe und darum nur noch unter fremdem Namen publizieren dürfe.“ Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2011-12/shakespeare-studie

Auf den Seiten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft findet sich ein Link zum Herunterladen eines amüsanten Interviews, in dem der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther offene Fragen zur Autorschaft Shakespeares beantwortet. Nicht nur für Verfechter absurder Theorien interessant zu lesen.

Insgesamt ist man durchaus klüger nach der Lektüre von Brysons Shakespeare-Biographie, außerdem liest sich das Buch runter wie nix. Mir hat es sehr gut gefallen. Was aber das Leben Shakespeares betrifft, das über das wenige Bekannte hinausgeht – nun: der Rest ist Schweigen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Brysons Shakespeare-Biographie

  1. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    ich kann Dir nur zustimmen, Bryson’s „Shakespeare“ habe ich auch mit großem Vergnügen gelesen, ebenso wie eine Reihe von Bryson’s „Länderkunden“. Seine humorige Art ist wirklich herzerfrischend. Seine „Notes from a Small Island“ und mehr noch „Notes from a Big Country“ haben mich übrigens zum Titel meines Blogs [Pit’s Musings and Ramblings from a Big Country“] inspiriert.
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, das ist ja interessant, lieber Pit, also was dich zu deinem Blognamen inspiriert hat! Ja, Bryson mag ich wirklich gern, angenehm zu lesen, aber nicht oberflächlich. Allerdings scheint er, wie ich aus seinem Frühstück mit Kängurus herauslas, auch ein klein bisschen paranoid zu sein, was giftige und sonstwie unangenehme Tierchen angeht, das fand ich aber sehr sympathisch, mir geht es da nämlich ähnlich ; )
      Liebe Grüße
      Petra

      • Pit schreibt:

        Hallo Petra,
        also, paranoid bin ich nur bei „unseren“ Giftschlangen – aber vielleicht ist das ja auch verständlich und gar nicht paranoid.
        Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
        Pit

  2. Klausbernd schreibt:

    Liebe Petra,
    Bill Bryson, der übrigens bei mir in der Nähe wohnt, schreibt toll, alle seine Bücher sind bestens recherchiert und immer äußerst witzig. Wie Pit habe ich England nie so treffend und witzig dargestellt gefunden wie in „Notes from a Small Island“ und wenn man all die Shakespeare-Bücher durchblättert, dann fällt seines da völlig heraus – ich sag`s mal boshaft, keine Spinnereien und Spekulationen.
    Liebe Grüße aus Nord-Norfolk, sonnig und stürmisch heute
    Klausbernd

  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    @Pit: Das ist für mich nur allzu verständlich – Giftschlangen in der näheren Umgebung würden mich auch paranoid machen ; ) Wir hatten mal vor zwei Jahren eine im Wohnzimmer meiner Schwiegereltern in Griechenland. Zum Glück war mein Schwiegervater sehr schnell und hat uns gerettet. Mich schaudert’s heute noch, wenn ich daran denke!

  4. mrscoffee schreibt:

    Liebe Petra, ich stimme dir voll und ganz zu. Brysons Shakespeare habe ich vor einiger Zeit schon gelesen und es hat mir ebenso gut gefallen. Ganz aktuell gelesen habe ich jetzt „Mein Amerika“. Auch sehr amüsant.
    Viele Grüße
    mrscoffee

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Willkommen, liebe Mrs Coffee! Ich freue mich, dass wir da einer Meinung sind. Mein Amerika kenne ich noch nicht, vielleicht sollte ich das auch mal gelegentlich lesen, danke dir für den Tipp! Herzliche Grüße

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