Flanieren mit Flaneuren

In bester Urlaubslaune, aber noch ehe ich auf Reisen gehe, möchte ich euch heute drei sehr schöne, sehr „gemütliche“ Bücher empfehlen, die alle mit dem Thema Flanieren zu tun haben und große Lust darauf machen, dies selbst ausgiebig zu betreiben.

„Der Flaneur ist hauptsächlich ein Vertreter des Autors, sein aufnahmebereiter Kundschafter, und dabei hoffnungslos überflutet von Eindrücken. […] Das Aufkommen dieses auktorialen Kundschafters war eng mit der Entstehung der Großstädte verbunden, mit dem Phänomen riesiger Menschenkonglomerate, die einen Autor – oder seinen designierten Wahrnehmungsvertreter – mit einer verwirrenden Fülle und Vielfalt an Details konfrontierten“, schreibt James Woods im Kapitel „Flaubert und die Kunst des Flaneurs“ in seiner Kunst des Erzählens [S. 56].

Flanieren wir heute überhaupt je? Oder stadtbummeln wir wenigstens gemütlich? Meist ist es doch eher das Einkaufen nach der Arbeit, das uns durch die Stadt eilen lässt – und möglichst rasch zum wohlverdienten Feierabend nach Hause. Flanieren, das geht noch am besten, wenn man Zeit und Muße hat, beispielsweise im Urlaub. Dabei lohnt es sich, auch die eigene Stadt, die wohlvertrauten Straßen, Gebäude, die kleinen Ungewöhnlichkeiten im Alltagsallerely wahrzunehmen: Goethe wohnte mal in Karlsruhe bei Karstadt Sport? Sieh mal an! Hierzu mein Dank an @yacketayakking für die Inspiration ; ) Der Blick in erleuchtete Räume macht mir in jeder Stadt Spaß, auch das Betrachten interessanter Fassaden, oder einen Brunnen, ein Denkmal, etwas, an dem man schon x mal vorbeilief, genauer in Augenschein zu nehmen, ihm die Aufmerksamkeit zu widmen, als sei es ein Kunstwerk im Museum.

In meiner Lieblingsbuchhandlung fand ich jüngst ein Buch von Franz Hessel (dem Vater des inzwischen möglicherweise bekannteren Stéphane) mit dem wunderbaren Titel Ermunterung zum Genuß. Wie hätte ich da widerstehen können! Zumal es sich um ein sehr schön gemachtes Buch aus dem Brinkmann & Bose Verlag handelt.

Ermunterung zum Genuß enthält vielerley Kleine Prosa, so der Untertitel des lesenswerten Bandes, über Kindheitserlebnisse, Lieben und manches mehr sowie die wirklich schönen Texte „Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen“ und „Vorschule des Journalismus. Ein Pariser Tagebuch“. Diese beiden illustrieren die Kunst des Flaneurs bzw. Hessels Kunst, einen Spaziergang so zu beschreiben, wie es Woods in seinem bereits erwähnten Kapitel zusammenfasst: „Der Autor springt nach Belieben näher heran und wieder zurück, doch die Einzelheiten werden ungeachtet ihrer Unterschiede in Brennweite und Schärfe wie mit dem Rechen des Croupiers in einem Haufen zu uns hingeschoben“ [Die Kunst des Erzählens, S. 57f.].

Nach der Lektüre hatte ich noch mehr Lust auf Flaneure und ihre Art, die Stadt zu sehen, und besorgte mir Flaneur in Paris von Guillaume Apollinaire, ebenfalls eine wunderhübsche Ausgabe, diesmal der Friedenauer Presse. Auch dieser Kauf hat sich gelohnt, eine gute Beschreibung dazu findet ihr bei der Durchleserin.

Des Flanierens ist kein Ende, daher noch eine dritte Empfehlung, hauptsächlich wegen der Aufmachung und weil sich das Buch ganz gut eignet, wenn man einmal in Walter Benjamins Texte „hineinschnuppern“ möchte: Walter Benjamin, Passagen, Kristalle aus dem Corso Verlag. Darin finden sich, neben von Joachim Otte ausgewählten Texten, unter anderem wunderbare Fotografien und Zeichnungen. Hier ein Link zur Besprechung des Bandes von Marius Meller.

So, meine Lieben, ich hoffe, ihr habt ein wenig Lust bekommen, entweder im Geiste und in Begleitung von Hessel, Apollinaire oder Benjamin – oder gar selbst – zu flanieren. Selbiges hoffe ich demnächst ausgiebig im Urlaub zu tun, unter anderem in Trouville und Deauville. Ich freue mich schon sehr darauf, zumal ich noch nie in der Normandie war. Da ich nicht weiß, ob ich im Hotel Internetzugang habe (und euch von dort aus bebloggen kann), wünsche ich euch eine schöne Zeit mit viel Muße, bis wir uns virtuell wieder treffen!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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25 Antworten zu Flanieren mit Flaneuren

  1. Klausbernd schreibt:

    Das ist ja schon witzig, liebe Petra, bevor ich deinem Beitrag gerade las, schrieb ich ja heute auf meinen Blog auch etwas über das Flanieren. Irgendwie scheint es da eine geistige Verbindung zwischen uns beiden zu geben, die mich freut, verblüfft und ich mir nicht erklären kann.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Klausbernd

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Schön ist das : ) Habe gerade deinen Flugbeitrag gelesen, mir geht es da ähnlich wie dir, das erschöpft mich auch immer. Dabei steht oder sitzt man ja eigentlich nur herum. Doch im Auto oder Zug, wo man ja auch nur herumsitzt, sieht man wenigstens was von der Welt, die man durchreist, das ist schöner, wenn auch deutlich schneller als das Flanieren : )

  2. Dina schreibt:

    Ein wunderbarer Beitrag. „Flaneur in Paris“ werde ich auf bestellen, danke für deine Leseanregungen. Hab eine wunderbare Zeit in der Normandie, schöne und erholsame Ferien dir.
    Liebe Lesegrüße aus dem Rheinland
    Dina

  3. Ulrike Rudolph schreibt:

    Lieben Dank, Petra, für den netten Beitrag. Er kommt gerade zur rechten Zeit: Statt zum nächsten Projekt zu hetzen, werde ich erstmal ein bisschen flanieren!
    Liebe Grüße
    Ulrike

  4. Georg Mühlenkamp schreibt:

    Liebe Petra,
    für Berlin Besucher oder flanierende Eingeborene sei Franz Hessels „Spazieren in Berlin“ aus dem Jahr 1929 empfohlen. Unter dem Titel „Ein Flaneur in Berlin“ hat der Berliner Verlag eine Sonderausgabe herausgebracht. Ebenfalls in dieser Reihe erhältlich „Strassen in Berlin und anderswo“ von Siegfried Kracauer.
    Eine Unterart des Flanierens ist für mich die Zimmerreise. Von Xavier de Maistre mit seinem Buch “Voyage autour de ma chambre” zum Genre erhoben. Hier der Link zu einem Interview mit Bernd Stiegler über die wenig beachtete Literturgattung. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/phaenomen-der-zimmerreisen-entdeckung-von-balkonien-a-681564.html
    Herzliche Grüße aus Berlin
    Georg

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Georg, vielen Dank für die Tipps, der Flaneur in Berlin und das Buch von Kracauer klingen sehr interessant! Die Zimmerreise von de Maistre ist wirklich eine wunderbare Idee gewesen. Wie Stiegler in seinem lesenswerten Buch Reisender Stillstand schreibt, fand sie rasch viele Nachahmer, die auch mal ihre Hosentasche oder ein Zelt bereisten. Im 8. Kapitel meines Buchs Ganz weit weg befasse ich mich damit etwas ausführlicher. Liebe Grüße nach Berlin!

  5. haushundhirschblog schreibt:

    Ein schöner Beitrag, liebe Petra, zu einem ganz feinen Thema. Obwohl wir doch, ganz bodenständig, eher einen Spaziergang machen (es Flanieren zu nennen, erscheint mir immer zu gestelzt), kommt es aber doch oft auf das Gleiche heraus – es kommt immer darauf an, was man für sich von einem solchen Gang mitbringt.
    In diesem Sinne wünschen wir Dir einen tollen Urlaub.
    Liebe Grüße
    dm + mb

  6. wortmeer schreibt:

    Wenn ich an flanieren denke, dann habe ich den Sonnenschein vor Augen, untergehakt oder Arm in Arm, schwatzend, schauend, inspirierend mit ganz viel Zeit und dem Abschluss in einem Kaffeehaus… ach ja…

    Ich wünsche Euch eine wunderschöne Zeit in der ferne, viel Freude, Sonnenschein und Muße zum flanieren.

    Alles Liebe, doreen

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, liebe Doreen, zu zweit flaniert es sich sehr schön : ) Und ein hübsches Café oder Restaurant als Krönung ist natürlich auch was Feines. Lieben Dank für deine guten Reisewünsche & herzliche Grüße!

  7. cloudette schreibt:

    Ich bin gerade über die Mützenfalterin zufällig hier gelandet und an diesem Beitrag hängen geblieben. Sehr schön. Ich liebe Flanieren – und tatsächlich mache ich das hauptsächlich im Urlaub. „Lass uns flanieren gehen“ – an der (Strand-)Promenade entlang, langsam schlendern, den Blick schweifen lassen. Aber auch im Gewohnten flaniere ich ab&zu herum und betrachte das Städtchen mit den Augen einer Fremden, hebe den Blick zu den Hausdächern, den Giebeln, entdecke 10000 Dinge neu.
    (Ich habe mir im modernen Antiquariat letzte Woche „Die Flaneurin“ von Petra Urban gekauft. Des Titels wegen. Soweit ich das aber nach ca. 1/3 beurteilen kann, geht das weit weg von der Muße Richtung Psycho … nicht unanstrengend.)
    Schönes Flanieren im Urlaub!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Herzlich willkommen, liebe Cloudette, wie schön, dass du über die Mützenfalterin hierher gefunden hast : ) Das Buch klingt dem Titel nach, als hätte ich es auch gekauft, schade, dass die Erwartungen da wohl nicht ganz erfüllt werden? Liebe Grüße

  8. Karin C. Inderwisch schreibt:

    Ein sehr schöner Beitrag von Dir mit feinen Lektüreempfehlungen, liebe Petra! Deine Ausgabe von Franz Hessel ist bücherbildschön – seine gesammelten Werke im nicht mehr existierenden Igel-Verlag sind komplett erschienen, aber kein Augenschmaus für Bibliophile…
    Noch ein persönlicher Gedanke zum Flanieren. Seitdem ich mit meinen Regentropfenaugen „vorsichtiger“ Bordsteinkanten, Rolltreppen und andere Unwegsamkeiten begehe, habe ich die Fortbewegung per pedes wieder neu lernen müssen. In Eile einen Fuß vor den anderen zu setzen, macht einen Flaneur zum Flüchtigen. Leider sind wir viel zu oft auf der Flucht, weil der Alltag uns vorantreibt. Aber auch das Flanieren im Geiste ist eine wohltuende Übung zum Verweilen.

    Dir und Deinem Liebsten wünsche ich eine anregende Reise und erholsame Urlaubstage!
    Herzliche Grüße von Karin

  9. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ganz herzlichen Dank, liebe Karin! Was du zu deiner „neuen“, vorsichtigeren Art der Fortbewegung schreibst, passt sehr gut. Zwar eher aus der Not geboren, aber eben doch auch Anlass, nicht allzu flüchtig durch die Welt zu eilen und dadurch vieles bewusster wahrzunehmen. Lieben Dank auch für deine guten Reisewünsche & herzliche Grüße!

  10. durchleser schreibt:

    Durchleser flaniert leidenschaftlich gern – wie Apollinaire – entlang der Seine… Und freut sich sehr über den Link in Richtung „flanierender“ Lektüre!

  11. beatesauer schreibt:

    „Ermunterung zum Genuss“ – was für ein schöner und viel versprechender Buchtitel! LG Beate

  12. nweiss2013 schreibt:

    Vielen Dank für die Ergänzungen zu meiner Flanierlektüre, die sich im hektischen Berlin begibt. Aber Franz Hessel kann eben schreiben und schlendern! http://notizhefte.wordpress.com/2013/09/19/franz-hessel-spazieren-in-berlin/

  13. ©lz schreibt:

    vielen dank für deinen link und in deinem edit zu flanieren erwärmt meinen geist / wir sollten es tun und unsere sinne dafür geschmeidig halten / flanierendes denken erscheint mir wie kuvertüre für den geist. danke sehr.
    https://books.google.de/books?id=5C3N4vKYrQMC&pg=PA3&hl=de&source=gbs_selected_pages&cad=3#v=onepage&q&f=false
    herzlich lz.

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