Der Dichter Horst Peisker

Heute möchte ich an den Dichter Horst Peisker erinnern, dessen Dillinger-Gedichte und sein Roman Maniac mich sehr beeindruckt haben.

Über Peiskers Gedichtband Dillingers Blau ist schon viel Positives geschrieben worden (z. B. auf Lyrikwelt.de, auf Perlentaucher und bei der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau – und das völlig zu Recht. Die Gedichte ergeben eine Harmonie von Ungestüm, Weisheit, Gefühl und Melancholie, die nur einer ausdrücken kann, der schon viel Leben erlebt hat, ohne den Versuchungen des Zynismus völlig erlegen zu sein.

Beeindruckend ist die Vielfalt – vom Naturgedicht bis zu Kürzeststorys – und die Fülle der Bilder, die Peiskers Sprache vor dem inneren Auge erstehen lässt. Die Gedichte sind nachfühlbar, bewegend und beeindruckend, ohne emotionale Antatscherei zu betreiben. Wobei „Gedichte“ nicht immer der passende Ausdruck ist, denn wie erwähnt lesen sich manche eher wie Kürzesterzählungen, deren besondere Kunst darin liegt, so viel Inhalt und Tiefe zu transportieren, wie es manch vielseitigen Schmöker nicht gelingt.

Die Farbe Blau taucht in vielen seiner Gedichte in verschiedenen Schattierungen auf. Blau, die Farbe der Melancholie, aber auch die Farbe, der man zuschreibt, dass sie die Konzentration fördere und wach halte. Konzentriert und wach sind auch die Gedichte: Im sprachlichen Ausdruck und im Gehalt. Blau entspricht bei Peisker übrigens nicht einfach nur dem typischen „feeling blue“, oft ist es die Farbe der Hoffnung, eine Farbe, die mit glücklichen Momenten assoziiert wird, oder einer Stimmung, einem Ziel, das zu erreichen sich lohnt.

Der Gedichtband Dillingers Blues. Ausgewählte Gedichte kam einige Zeit nach Dillingers Blau heraus und verschafft einen hervorragenden Überblick über die neuen und älteren Gedichte und Balladen des Dichters.

Nach Dillingers Blau wollte ich mehr von Horst Peisker lesen und erstand antiquarisch Maniac aus dem März Verlag (die mit den schönen gelben Umschlägen). So las ich diesen autobiografischen Roman, den Horst Peisker sein „Überlebensbuch“ nannte, und dachte bereits nach den ersten Zeilen: Kein Wunder, dass dieser Mann so wunderbare Gedichte schreibt. Der erste Eindruck hielt und verstärkte sich, denn trotz der Krassheit der Ereignisse, der Darstellung, der Brutalität verlor die Sprache nie an poetischer Kraft. So schreiben Dichter Romane, so schreibt ein Wütender, Hadernder, Sehnsüchtiger, Anklagender sich Zorn und Trauer aus dem Herzen. Und als sollte meine Ansicht über seine poetische Sprache bestätigt werden, findet sich am Ende von Dillingers Blues der Prolog aus Maniac, „Die Hände“, gesetzt wie ein Gedicht und genauso liest es sich hier wie dort.

Im Zusammenhang mit Horst Peisker tauchte immer wieder der Name Bukowski auf. Vielleicht, weil jede Generation sie braucht, die wilden, emotionalen Dichter, die Schönheit und Wahrhaftigkeit finden, wo niemand sonst sie sucht. Meiner Ansicht nach ist Peisker allerdings kein zweiter Bukowski, sondern übertrifft ihn sprachlich, sowohl in seinen Bildern als auch stilistisch. Sicher einer der Gründe, warum die Rezensenten sich letztlich 1:1-Vergleichen enthalten und stattdessen seine Einzigartigkeit betont haben. Oder, um es mit den Worten Jörg Schröders, dem März-Verleger, zu sagen: „Es gibt keinen in Deutschland, der solche Poesie noire authentischer schreibt, ohne Bukowski zu zitieren.“ Genau.

Vor wenigen Tagen, am 10. Oktober 2012, ist Horst Peisker gestorben. Wir haben einen beeindruckenden, sprachmächtigen, eigensinnigen Dichter verloren.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Der Dichter Horst Peisker

  1. Der Emil schreibt:

    Sobald die örtliche Zentralbibliothek wieder geöffnet hat (nach dem 20.10. – hier wurde gebaut), nehme ich mein Notizbüchlein zur Hand in dieser Bibliothek und lese auch diesen Namen, Horst Peisker, in meiner Liste der Leseempfehlungen, die mittlerweile zwei Seiten füllt.

    Danke für die Anregung.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Gern, lieber Emil. Ich freue mich, wenn ich Horst Peisker ein bisschen bekannter machen kann – unbekannt ist er schon längst nicht mehr gewesen, aber Dichter haben es (heute) ja immer etwas schwerer. Es werden doch mehr Romane, Ratgeber etc. als Gedichte gelesen. Schade eigentlich.

  2. Sofasophia schreibt:

    was für eine schöne laudatio! du machst mich neugierig. ich hoffe, dass ich auch mal etwas von Horst Peisker finde. oder mich sogar auf die suche mache. was du da schreibst, klingt so, als würde es mir auch gefallen.

    danke für den tipp!

    liebe grüße, soso

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Freut mich, dass dich der Text neugierig macht, liebe Soso. Bücher wie Maniac und Ballhaus gibt es wahrscheinlich nur noch antiquarisch, die Gedichtbände dürften auch noch neu zu finden sein.

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