Das tägliche Nichts

Seltsam, dieser Roman von Zoe Valdes, sicher ungewöhnlich, aber vor allem seltsam: Teils unendlich langsam erzählt, teils „wild und hemmungslos“, besonders, wenn es um Sex geht. Dies in einer Ausführlichkeit und Direktheit, die gewiss ihre Liebhaber hat, mir allerdings eher überflüssig vorkam. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

Der Roman beginnt mit einer Frau, die in einer Art Zwischenwelt schwebt, zwischen Leben und Tod. Es gibt nur ein Problem: Sie hat 50 Punkte, um in den Himmel zu kommen, und 50, um in die Hölle zu kommen. „Der, der entscheidet“ schickt sie zurück nach Kuba: „Die Insel, die das Paradies aufbauen wollte und die Hölle geschaffen hat.“ Dort findet sie sich wieder, weiß nicht, wozu sie irgend etwas tun sollte, lebt einfach und erzählt ihre Geschichte in lauter kleinen Episoden, die prägend für sie waren und zugleich ihre Umgebung prägnant beschreiben.

Die Hauptfigur Yocandra lebt in Havanna fast paralysiert, wie im Halbschlaf, sicher auch sabotiert durch die Einschränkungen, die der Bevölkerung in allen alltäglichen Dingen auferlegt werden: Alles ist rationiert, das Essen, das Wasser, der Strom. Pizza und Beaujolais sind dort geradezu unbezahlbarer Luxus. Auch arbeiten kann sie eigentlich kaum: Sie ist Redakteurin bei einer Literaturzeitschrift, aber mangels Papier gibt es schon seit langem keine Ausgaben mehr.

Ihr Leben ist ständiges Suchen nach Idealen, nach Liebe, nach Menschen und Dingen, die sie das alltägliche Nichts vergessen machen. Ihr Leben scheint außerdem stets in Abhängigkeit von anderen stattzufinden. Von Politikern, ihren Eltern (ihrem Vater verdankt sie den belastenden Namen Patria – Vaterland). Von Männern, die ihr zeigen wollen, wie das Leben funktioniert, und ihr Bildung eintrichtern. Das erweckt zunächst den Eindruck, als sei Yocandra eine sehr unterdrückte, passive Person, die sich von den Ereignissen treiben lässt. Dabei sind passen ihre Gedanken durchaus nicht zu diesem Bild. Sie kann hervorragend lästern, sie analysiert ihre Umgebung haargenau, den Verräter, den Nihilisten. Beide auf ihre Art Versager, die sie benutzen, und von denen sie sich auch benutzen lässt, ohne sie zu hassen.

Das Bild von Kuba, das der Roman transportiert, bedient keines der gängigen Klischees von den trotz aller Widrigkeiten immer gutgelaunten Kubanern, deren ansteckende Lebensfreude und Gastfreundschaft die Touristen dieser Welt entzückt. Havanna ist nicht die Stadt, die morbiden Charme versprüht und dabei höchst romantisch bleibt. Kuba ist kein kommunistisches Paradies.

Der widersprüchliche Eindruck verstärkt sich auch dadurch, dass sie ihren Namen Patria ablegt und einen neuen wählt. Damit beginnt der Prozess, sich als wichtig und autark zu erfahren, der darin gipfelt, dass sie über sich schreibt. Gegen alle Widrigkeiten von außen und Widerstände von innen. Ein Entwicklungsroman? Ein politischer Roman? Pornographie? Von allem etwas. Aber ein seltsames Gefühl bleibt nach der Lektüre. Leere.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Das tägliche Nichts

  1. Der Emil schreibt:

    Nach dem Lesen: Leere? Ungewöhnlich …

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Höchst ungewöhnlich, lieber Emil. Offenbar konnte mir der Roman nichts „geben“.

      • Der Emil schreibt:

        Ah – so war das gemeint. (Es hätte ja auch sein können, daß das Gefühl der Leere „nur“ nachvollziehbar den Leser betroffen macht.)

        Hm, jetzt überlege ich, ob ich mir das Buch auf meine Leseliste setze (die wächst und wächst und wächst).

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Beides eigentlich, insofern dann vielleicht wieder gelungen oder gewollt von der Autorin. Der Roman ist nicht schlecht, aber irgendwie konnte ich nichts daraus ziehen und war nach dem Lesen eher frustriert.

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