Kein gutes Händchen

Ihr kennt sicher Ernst Jandls Gedicht „lichtung“: „ manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum“. Dem kann ich nur lebhaft beipflichten! Ich verwechsle immer noch rechts und links, wenn es schnell gehen muss. Auch im Urlaub, wo ich meinen Liebsten bei der Autofahrt als „lebendes Navigationssystem“ unterstützte, passierte es wieder: „Rechts, rechts!“, rief ich und zeigte energisch nach links. Zum Glück weiß er nach über zwanzig Jahren mit mir, dass er in diesem Fall auf die weisende Hand vertrauen sollte.

Ich gehöre zu den Umerzogenen. Aber auch heute noch öffne ich beispielsweise Bücher, Flaschen und Bananen mit der linken Hand. Früher spielte ich Federball und Tischtennis beidhändig (letzteres übrigens mit beiden Händen nicht besonders gut). Aber andere Dinge kann ich nur noch mit rechts, etwa schreiben oder schneiden. Auch beim Fingernägel lackieren nützt mir meine einstige Linkshändigkeit leider gar nichts.

Mit einer guten Freundin, Künstlerin und Linkshänderin, sprach ich einmal über dieses Thema. Sie ist einige Jahre jünger als ich, gehört also glücklicherweise zu der Generation, die nicht mehr umerzogen wurde. Sie fand die Vorstellung, umerzogen zu werden, schlimm und meinte, sie wisse nicht, ob sie dann hätte Künstlerin werden können. Was für eine Vorstellung, so hatte ich das nie betrachtet!

Ich zeichne mit der rechten Hand, nicht künstlerisch wertvoll, aber ganz gut. Das war nicht immer so, ein Naturtalent bin ich nicht. Ich musste es üben, indem ich mir Fotos von Gesichtern, Pflanzen und Tieren vorlegte und mir antrainierte, richtig hinzusehen und das Geschaute zu Papier zu bringen. Hat funktioniert, ab da hatte ich immer gute Noten im Kunstunterricht. Ob es schneller gegangen wäre, wenn ich nicht auf das „gute Händchen“ hätte umsteigen müssen?

Auch das Schreiben musste ich üben, allerdings nur, weil ich mit rechts schreiben sollte. Ich konnte bereits lesen, als ich in die Schule kam. Doch meine ersten Diktate mit rechts enthielten viele Fehler, bis der Prozess der Umerziehung abgeschlossen war, und ich mich nicht mehr auf das Schreiben konzentrieren musste. Ab da war ich immer sehr gut in Diktaten.

Jedenfalls scheint das Schreiben mit dem „guten Händchen“ meine Schreiberei heute nicht mehr zu stören. Ich kann auch gar nicht mehr mit links schreiben. Und meist schreibe ich sowieso mit der Tastatur, da ist es dann sowieso egal. Es soll ja Menschen geben, die das Schreiben mit der linken Hand üben, weil man da anders schreibe, weil es das Gehirn trainiere oder was auch immer. Habt ihr das schon mal ausprobiert?

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Kein gutes Händchen

  1. puzzle schreibt:

    Ich kann es ein bißchen, das Schreiben mit links, weil ich es während einer längerwährenden Arm-in-Gips-Phase geübt habe, aber Schönheitspreise gibt es dafür nicht, dasselbe gilt auch für’s Zeichnen. Es wird erkennbar, aber eher komisch. Während der Phase habe ich festgestellt, dass ich mit Links so ziemlich alles kann, was sein muss, wenn es auch echt schwerfällt. Ob das daran liegt, dass ich Musikinstrumente spiele? Oder auch Eltern hatte, die beides konnten? Meine Mutter war umerzogene Linkshänderin, mein Vater „Beidhänder“, aber der hatte auch sehr früh Violine gelernt – man kann es vermutlich auch unabsichtlich trainieren.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, Arm ind Gips ist mir bisher zum Glück erspart geblieben! Aber manchmal schneidet man sich ja auch einfach nur bös in die Finger, dann ist so ein bisschen Linkshändigkeit hilfreich. Instrumente könnten vielleicht helfen, ich habe früher Gitarre gespielt und sie natürlich erst mal „verkehrt herum“ gehalten. Auch überlegte ich mir ernsthaft, ob ich die Saiten umspannen sollte, weil es mir „verkehrt herum“ richtiger vorkam. Am Ende ließ ich es und brachte es auch zu vernünftigen Ergebnissen. Allerdings nach Gehör, Noten kann ich bis heute nicht lesen.

  2. einfachtilda schreibt:

    Schon probiert und ganz schön schwierig, wobei ich auf Perfektion geachtet hatte, aber rechts geht halt besser und Mutter war Linkshänderin, konnte aber auch sehr gut mit rechts arbeiten 😉

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Beim ersten Lesen las ich „Ich gehöre zu den Unerzogenen …“, was ich zunächst einfach akzeptierte, weil mir als Links-Schneiderin und Rechts-Esserin über einen langen Zeitraum der Eindruck vermittelt wurde, nicht wirklich sozialsierbar zu sein. 😉
    Die Eltern haben alles und sehr lange versucht, mir beizubringen, die Gabel in der linken Hand so sicher zu halten, wie ich es mit der rechten locker beherrschte. Ebenso natürlich das Schneiden mit der rechten Hand. Dass es mir nicht gelingen wollte, das Ersehnte auf der Gabel zielsicher und vollständig mit der linken Hand in meinen Mund zu bewegen, konnte sie nicht barmherzig stimmen, und auch meine wiederholte Frage, warum ich nicht mit rechts essen darf, wenn man doch auch sonst alles mit der rechten Hand macht, wurde mir nicht ausreichend beantwortet. „Man isst mit rechts, mit links schneidet man!“, hieß es. Und was ist eigentlich mit dem Suppenlöffel?
    Ich kann es immer noch nicht. Jedenfalls nicht falschherum, mit links …
    mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Putziger Verleser, liebe mb : ) Und stimmt, das Besteck habe ich auch lange Zeit „falsch herum“ benutzt. Eigentlich ja ganz praktisch, wenn man es beidseitig kann. Aber schneiden mit links – braucht es da eine Schere für Linkshänder oder nimmst du eine „handelsübliche“?

  4. Der Emil schreibt:

    Als ich noch unterrichtete und eines Tages mit einem Verbundenen Arm in die Klasse kam, staunten die Teilnehmer nicht schlecht: ich griff dann mit der linken Hand zur Kreise und schrieb an die Tafel … (Ob ich umerzogener Linkshänder bin? Kann sein, ich bin geborener Beidhänder? Es gibt Dinge, die kann ich nur mit Links, wie es auch welche gibt, die ich nur mir Rexhts kann.)

  5. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    also ich bin ein ausgesprochener Rechtshänder – angeboren. Mit der linken Hand kann ich nur sehr wenig ausrichten. Ich weiß noch, dass unser Kunstlehrer und angehalten hat, auch Alles mit Links zu trainieren, aber das habe ich nach ganz wenigen Versuche aufgegeben. Rechts und Links verwechseln passiert mir aber gelegentlich auch so. Ganz besonders übrigens in England. Da fahre ich zwar ohne Probleme auf der richtigen Straßenseite, aber wenn ich jemandem sage, er solle nach rechst abbiegen, kann es genauso gut sein, dass ich eigentlich links meine. Also zeige ich, wo’s lang geht, und das ist dann so gut wie immer die korrekte Richtung. ist mir übrigens früher auch häufig beim Segeln passiert. Auch da hieß die Anweisung dann, „Egal was ich sage, folge meinem Finger.“
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, erfreulich, dass das auch Rechtshändern passiert! Aber in England auf der richtigen Spur zu fahren, stelle ich mir auch nicht ganz einfach vor, vielleicht passiert die Verwechslung deswegen, weil du dich auf die ungewohnte Fahrerei konzentrieren musst? Liebe Grüße aus dem inzwischen ganz schön kalten Südwesten Deutschlands!

  6. Mila schreibt:

    Interessanter Gedankengang. Neulich, als ich einer Schreibübung folgte und ein paar Minuten lang nur mit der Hand schrieb, ist mir auch aufgefallen, dass das Schreiben mittlerweile längst zum Tippen geworden ist – da spielt Rechts oder Linkshänderin tatsächlich gar keine Rolle mehr. Wenn es einen Unterschied zumindest im Unterbewusstsein macht, mit welcher Hand mensch schreibt, malt etc, dann müsste unser verstärktes Tippen ja auch einen solchen hervorrufen. Der Effekt würde mich schon mal interessieren. Angeblich – das prophezeien Wissenschaftler – werden ja auch die Smartphones unser Selbst extrem beeinflussen, weil die Menschen ständig leicht darüber geneigt und mit gebeugtem Kopf dastehen und sich nicht mehr aufrecht halten. Ein quasi inneres Zusammensinken würde daraus folgen. Wenn das so wäre, dann würden wir nur mehr abgehakt vom Tippen denken, nicht mehr in Schwüngen, in Bögen wie beim Handschreiben, oder? Ich glaub, ich muss mal recherchieren… LG Mila

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, das ist ja auch ein interessanter Gedanke, liebe Mila! Tatsächlich scheinen viele Menschen gar nicht mehr ohne Smartphone bestehen zu können, beim Laufen, gerade eben sah ich einen sogar beim Radfahren tippen oder wischen oder was auch immer. Hoffentlich kommt es deshalb nicht zu einer Steigerung der Verkehrsunfälle … Sich nicht mehr aufrecht halten zu können, wäre allerdings auch nicht so gesund für unsere Wirbelsäulen. Liebe Grüße!

  7. Frau Blau schreibt:

    liebe Petra, als Kind hatte ich ein Spiel, weiß der Kuckuck woher es zu mir kam, die linke Hand beschwerte sich immer wieder bei der rechten, dass sie das eine und andere doch auch könne und die rechte mal was abgeben solle… was die rechte dann Tat, weil sie auch mal gerne faul sein wollte! So kommt es, dass ich bis heute manches mit links und manches mit rechts mache. Klar Feinarbeiten übernimmt die rechte Hand!
    Erst vorgstern machte ich auf eine Inspiration hin einen Versuch einen Text zum Glück mit links zu schreiben, mal abgesehen davon, dass der Text nach rechts nten auf dem Blatt Papier wanderte und die Schrift doch eher einer Kinderschrift gleicht, war es ein spannender Versuch. Ob ich aber mit der rechten Hand etwas anderes geschrieben hätte, weiß ich nicht.

    Ich fand die Umerziehung immer schon unmöglich und habe immer mit den Kindern gelitten, die das „gute“ Händchen nehmen sollten… GUT, dass das vorbei ist!

    Letztlich aber werden die Gehirnhälften trainiert, wenn man auch die linke Hand benutzt… oder eben die rechte, je nachdem

    danke dir für diesen Artikel und grüße dich herzlichst
    Frau Blau, die dich jetzt endlich verlinkt hat

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke fürs Verlinken, liebe Frau Blau, und vor allem für deinen Kommentar: Das Kinderspiel ist ja entzückend! Dass du dir darüber solche Gedanken gemacht hast? Ich kann mich kaum noch an das Umerziehen erinnern, nur bruchstückhaft, wie mir meine Mutter die rechte Hand führte beim Schreiben oder meine Beschämung über das schlechte Diktat. Eigentlich hat erst dieses Gespräch mit meiner Freundin mich auf den Gedanken gebracht, dass sich ja die linke Hand nun möglicherweise „unnütz fühlen“ oder „beleidigt“ sein könnte, wo ich ihr all die Jahre die Feinarbeit „verweigert“ habe. Die Arme …

  8. buechermaniac schreibt:

    Willkommen im Club, liebe Petra

    Ich bin ja so etwas von links und rechts: Zeichnen, Nähen und Tennis spielen links, Schreiben rechts, Gitarre spielen auch normal rechts, Löffel ist in der linken Hand und das Messer rechts, aber zum Brot abschneiden wieder links, Fussball gespielt habe ich immer mit dem linken Fuss, inzwischen mit beiden Füssen. Wenigstens muss ich mich nicht im Leben für Links oder Rechts entscheiden, sondern ich gehe einfach den geraden Weg;)

    Liebe Grüsse die Links-Rechts-Händerin
    buechermaniac

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Sieh mal an, du bist ja ganz schön beidhändig & -füßig, liebe Büchermaniac! Brot schneiden mit links würde ich mich eher nicht trauen, meine Scheiben werden schon mit rechts meist krumm … Liebe Grüße!

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