Céleste

Neulich sah ich mir den Film „Céleste“ von Percy Adlon an. Er basiert auf den Lebenserinnerungen Céleste Albarets, die in den letzten neun Jahren seines Lebens Haushälterin bei Marcel Proust war. Das Buch Monsieur Proust hatte ich euch ja vor einiger Zeit bereits empfohlen.

Auch die Verfilmung hat mir sehr gut gefallen. Es könnte allerdings sein, dass man ein Faible für Proust mitbringen sollte, denn mein Liebster hat sich, wie er mir gestand, doch einigermaßen gelangweilt. Der Film ist tatsächlich sehr langsam, ruhig und in seiner Konzentration auf wenige Personen und Räume eher wie ein Theaterstück inszeniert. Das scheint mir durchaus passend, denn Célestes Leben bei Proust bestand vor allem darin, zu warten. Darauf, dass der von ihr verehrte Hausherr nach ihr klingelt, seinen Kaffee wünscht, in irgendeiner Weise ihre Hilfe braucht oder einfach nur mit ihr reden will.

Eva Mattes spielt die Rolle der aufopferungsvollen Céleste, der das Warten nichts ausmacht, auch nicht, dass sie ihr ganzes Leben um den ungewöhnlichen Tagesablauf ihres Herrn herum führen muss, anrührend und still. Theoretisch hätte man den Film ja auch ganz anders, opulenter inszenieren können. Aber so, wie er ist, wird er der Biographie von Céleste Albaret gerecht und auch ihr, der treuen Haushälterin, die ihrem Herrn über den Tod hinaus die Treue hielt und nie ein schlechtes Wort über ihn verlor. Dagegen wirkt Marcel Proust, gespielt von Jürgen Arndt, merkwürdig schwach, fast kindlich. Immer mehr gezeichnet von seiner Krankheit bittet er Céleste, ihm Geschichten zu erzählen, die er schon oft gehört hatte, immer wieder die gleichen, wie ein kleiner Junge. Dadurch wie durch die liebevolle Sorge für ihren Herrn scheint Céleste fast die Rolle einer Mutter einnehmen, obwohl sie wesentlich jünger war als er.

Der Film zeigt, wie schon das Buch, dass Céleste viel mehr für Proust war als eine Hausangestellte. Sie war seine Vertraute, sie klebte seine Zusätze für die Manuskripte, die er auf alle möglichen Zetteln schrieb, zu langen, Ziehharmonika-ähnlichen Gebilden, die an den Verlag gehen mussten. Als Proust am Ende zu schwach zum Schreiben war, diktierte er ihr seine Zusätze. Eva Mattes Darstellung der Céleste, die bei aller Verehrung auch eine respektvolle Distanz zu Proust wahrt und sich mit Aspekten seines Lebens, die ihr fremd bleiben, weder gedanklich noch sonstwie befassen will, ist sehr eindringlich und eindrucksvoll. So könnte es wirklich gewesen sein.

Empfehlenswert für alle Fans von Proust!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Céleste

  1. IngridW schreibt:

    Du bist wohl auf dem Proust-Trip …? – Den Film kenne ich nicht, aber die Schauspielerin Eva Mattes schätze ich sehr. Handelt es sich um einen Kino-Film? Dann sollte ich vielleicht mal wieder ins Kino gehen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ein Trip ist es eigentlich nicht, liebe Ingrid. Die Faszination hält nun schon seit einigen Jahren an – und ein Ende ist nicht abzusehen. Den Film habe ich mir als DVD gekauft, ich bin zufällig darauf gestoßen. Er ist von Anfang der 1980er Jahre.

  2. Martina Wald schreibt:

    Wo und wie kann man den Film sehen? Ich liebe „langweilige“ Filme.

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Danke, liebe Petra, für den Hinweis zum Film. Ich habe ihn noch nicht gesehen, kann mir aber gut vorstellen, dass Eva Mattes (auch hier) eine gute Besetzung ist. Zumal, wenn es ein eher ruhiger und vielleicht auch dieses Warten beschreibender Film ist. Schließe mich übrigens den Fragen von Ingrid und Martina an …
    Liebe Grüße, mb

  4. durchleser schreibt:

    Dies ist ein wunderbarer und leiser Film! Inzwischen auch als DVD erhältlich und einen Vorgeschmack gibt es hier: http://youtu.be/3hVEjVdLH78

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