Das kunstseidene Mädchen

Seit ich verstärkt Bücher antiquarisch kaufe, finde ich immer mal wieder Perlen der Literatur, über die ich sonst nicht so einfach gestolpert wäre. Das kunstseidene Mädchen ist so ein Buch. Irmgard Keun schrieb es 1932, und obwohl das Buch den Geist der Zeit atmet, liest es sich auch sehr modern, was an Irmgards Keun geschicktem Kniff liegt, die naive, doch wie sie selbst glaubt raffinierte Hauptfigur Doris in ihrer eigenen Sprache erzählen zu lassen. Und die hat’s in sich!

„Aber ich erkannte, dass etwas Besonders in mir ist, was auch Hubert fand und Fräulein Vogelsang von der Mittelschule, der ich einen Erlkönig hinlegte, dass alles starr war. Und ich bin ganz verschieden von Therese und den anderen Mädchen auf dem Büro und so, in denen nie Großartiges vorgeht. Und dann spreche ich fast ohne Dialekt, was viel ausmacht und mir eine Note gibt, besonders da mein Vater und meine Mutter ein Dialekt sprechen, das mir geradezu beschämend ist.“

Dieser kleine Auszug zeigt schon ganz gut, worum es geht: Ein einfaches Mädchen möchte hoch hinaus, besitzt Selbstvertrauen und glaubt, es zu einem „Glanz“ bringen zu können. Darin bestärkt wird sie leider vorwiegend von Männern, die in erster Linie nur das Eine von ihr wollen und sie am Ende immer tiefer fallen lassen. Dennoch verliert Doris nie den Mut. Männer sind ihr in erster Linie ein Mittel, um an Geschenke zu kommen, um sich über Wasser zu halten. So sind ihre Enttäuschungen auch meist schnell vergessen in ihrem Leben, das ihr vorkommt, als rase es wie ein Sechstagerennen. Ungewöhnlich geschrieben und ungewöhnlich gut!

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Das kunstseidene Mädchen

  1. muetzenfalterin schreibt:

    jetzt habe ich mittlerweile so viele überzeugende rezensionen zu diesem buch gelesen, dass ich es mir endlich einmal selbst besorgen muss.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Mach das, liebe Mützenfalterin, ich finde es sehr lesenswert. Wenn dir der Stil der „Neuen Sachlichkeit“, wie auch bei Vicki Baum oder Mascha Kaléko zusagt, müsste dir der Roman eigentlich auch gefallen.

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Dass Du dieses Buch ausgegraben hast …
    Ein wenig überrascht bin ich schon, dass ich mich an nichts darin erinnern kann. Ich habe es vor etlichen Jahren einmal gelesen, und zwar gerne, das weiß ich noch. Auch die Verfilmung habe ich mir angesehen. Und habe keine Erinnerung mehr daran.
    Herrjeh.
    mb

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