Die Aprilhexe

Dieser Roman von Majgull Axelsson ist ganz ausgezeichnet und außergewöhnlich. Er wird leider als Frauenroman angepriesen (seufz), wohl, weil die Hauptpersonen Frauen sind.

Eine der Frauen, die ungewöhnlichste im Roman, mit der die Geschichte beginnt und in Gang gesetzt wird, ist Desirée. Sie ist epileptisch, spastisch, kann nicht sprechen, sich nicht kontrolliert bewegen und lebt in einem Pflegeheim. Bei allem ist sie auf die Pflegeschwestern angewiesen, deren vordergründiges Mitleid ihr entsetzlich auf den Wecker geht. Sie kommuniziert mit einem Spezialcomputer, indem sie ihre Fragen und Antworten in ein Mundstück pustet, die dann als Text auf einem Monitor erscheinen. Der Einzige, der sie normal behandelt, ist ihr Arzt. Sie hadert mit ihrem Schicksal und ist davon überzeugt, dass eine ihrer Schwestern das Leben lebt, das eigentlich ihr zugedacht war.

Zunächst glaubt man, dahinter verbirgt sich eine Art Krimi. Nach und nach werden verschiedene Lebensgeschichten aufgerollt: Die ihrer Mutter, die das behinderte Kind gleich nach der Geburt in ein Heim gab, und die ihrer drei Schwestern Margareta, Christina und Birgitta. Keine der Lebensgeschichten ist so geartet, dass man sich wünscht, ihr Leben gelebt zu haben. Im Lauf des Romans möchte man auch nicht, dass sich Desirée an einer der Schwestern rächt. Dazu hatten sie selbst viel zu viele schreckliche Erlebnisse, die sie zwar nicht (alle) körperlich, aber seelisch verletzt haben.

Desirée verfolgt das Leben der anderen durch eine mystische Eigenschaft: Sie ist eine Aprilhexe, die sich in den Körper von Vögeln oder auch Menschen begeben kann, und so teils beobachtend, teils aktiv teilnimmt am Leben außerhalb ihres Körpers, dem verfallenden Gefängnis eines sehr wachen und freien Geistes. Das klingt zwar etwas abgefahren, stört aber nicht die Glaubwürdigkeit der Geschichten selbst.

Der Roman verzichtet auf Selbstmitleid oder Pathos. Es geht nicht darum, die arme Kranke zu bedauern. Es geht vielmehr darum, dass niemand die Macht haben sollte, Leben für mehr oder weniger lebenswert erklären zu dürfen.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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