Frühes Versprechen

Obwohl Frühes Versprechen von Romain Gary als Roman verkauft wird, handelt es sich hierbei um die romanhaft verarbeitete Autobiographie des Autors. Denn das Meiste, wovon er erzählt, hat er tatsächlich erlebt. Wobei er manches, um der literarischen Wirkung willen, sicher aufhellte oder zugespitzter beschrieb, als es sich in Wirklichkeit ereignet haben mag. Romain Gary erzählt, wie er und seine Mutter Nina von Moskau über Wilna, dem heutigen Vilnius, ins gelobte Land seiner Mutter, genauer nach Nizza in Frankreich übersiedelten.

Nina ist davon überzeugt, dass ihr Sohn besonders und zu Höherem berufen ist. Sie selbst war Theaterschauspielerin und immer wieder ist die Rede von einem sich gelegentlich in Geschenken und Geldüberweisungen zeigenden mutmaßlichen Vater, einem berühmten Schauspieler, von dem der kleine Romain die schönen Augen geerbt hat. Daher muss er zuweilen mit nach oben gerichtetem Blick posieren, damit das Licht das Blau seiner Augen besser zur Geltung bringt und Nina ein paar Momente in Gedanken an ihre große Liebe schwelgen kann. Ansonsten gibt es außer Romain kein männliches Wesen in Ninas Leben. Alles, was sie tut, und das ist eine Menge, tut sie, um ihrem Sohn die bestmöglichste Erziehung, das beste Essen und insgesamt die besten Voraussetzungen zu mitzugeben, um später einer der ganz Großen zu werden. Etwas peinlich ist Romain, dass sie bereits früh überall herumposaunt, mit was für einem künftigen Wunderknaben es die Welt mit ihm zu tun hat.

Um ihre hohen Erwartungen zu erfüllen, nimmt Romain Geigen-, später Gesangsunterricht, wobei er sich leider als wenig talentiert erweist. Auch das Ballett ist seine Begabung nicht, sodass er bald daran scheitert, der nächste Nijinsky zu werden. Bleibt die Literatur und natürlich sein frühes Versprechen, einmal französischer Botschafter zu werden. Und fast alle Versprechen, die ihm seine Mutter schon als Kind abgerungen hat, wird er einlösen. Selbst, wenn in den letzten Kapiteln für meinen Geschmack etwas zu viel Fliegerromantik verbreitet wird, mündet der Romans in eine letzte großherzige und schön erzählte Tat der Mutter. Dazwischen immer wieder die philosophischen und weltanschaulichen Betrachtungen aus Sicht des erwachsenen und erfolgreichen Autors.

Romain Gary wurde berühmt und erhielt als Schriftsteller zweimal den Prix Goncourt, was eigentlich unmöglich ist (sein Trick: Er schrieb unter einem Pseudonym) Er wurde 1956 französischer Konsul in Los Angeles und heiratete 1962 eine der schönsten Frauen seiner Zeit, Jean Seberg (bekannt u. a. aus dem Film Atemlos). Sogar sein trauriges Ende, er erschoss sich 1980, hat noch etwas Romanhaftes. Er hinterließ die Zeilen „Ich habe mich gut amüsiert […] danke und auf Wiedersehen“sowie eine Notiz für die Presse, in der er jede Verbindung zum Selbstmord seiner Ex-Frau (sie brachte sich 1979 um) zurückwies: „Lovers of broken hearts are kindly asked to look elsewhere.“ Die beiden Zitate stammen aus dem Nachwort zum Roman von Scen Crefeld bzw. aus der beigefügten Zeittafel.

Ausgezeichnet, wunderschön und liebevoll – unbedingt zu empfehlen!

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Frühes Versprechen

  1. Dina schreibt:

    Liebe Petra,
    die Empfehlung nehme ich gerne an, das Buch wird bestellt, so spannend! 🙂
    Herzliche Grüße
    DIna

  2. durchleser schreibt:

    Eines der wichtigsten Werke der französischen Literatur. Es gibt bestimmt keine Privatbibliothek in Frankreich, die dieses Buch nicht vorweisen könnte…

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