Geschichte eines Deutschen

Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933 sollte in keiner Bibliothek fehlen, in keinem Geschichtsunterricht und in keinem Bildungskanon. Auch mein Liebster hat es gelesen und meinte: „Ich würde es am liebsten jedem schenken, den ich kenne.“ Genau.

Haffner beschreibt aus seiner ganz persönlichen Sicht die Zeit zwischen 1914 und 1933. Da er das Buch etwa 1939 schrieb, greift er hier und da auch vor. Außerdem ist das Buch eigentlich nur ein Fragment, Haffner wollte ursprünglich noch viel mehr schreiben. Doch auch als Fragment ist das Buch perfekt: Man möchte sich so manchen Satz als Zitat an exponierte Stellen schreiben.

Haffner erklärt nicht nur, welche Ereignisse zu den bekannten Geschehnissen geführt haben, er tut es vor allem aus der Sicht eines „normalen Menschen“, der die Ereignisse zwar hinterfragt, aber wie so viele andere wohl erst mal nicht glauben kann, was sich da zusammenbraut. Er fühlt sich wie bei einer Art ungleichem Duell zwischen einem übermächtigen rücksichtslosen Staat und einem kleinen Privatmann, der plötzlich nichts mehr von dem darf, was bis vor kurzem noch normal und erlaubt war, und statt dessen „seine Freizeit für Beschäftigungen verwendet, die er verabscheut, seine Person für Abenteuer zur Verfügung stellt, die er ablehnt, seine Vergangenheit und sein Ich verleugnet, und vor allem für alles dies ständig äußerste Begeisterung und Dankbarkeit an den Tag legt.“ So schlicht kann man das Absurde beschreiben.

Haffner erzählt zudem mit der Absurdität des Normalen ein Stück Weltgeschichte. So traf ihn beispielsweise, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den Sommerferien: „Um es gleich zu sagen, die Zerstörung dieser Ferien war das ärgste, was mir der ganze Krieg persönlich antat.“

Der Heranwachsende steigert gemeinsam mit seinen Schulkameraden diese Absurdität immer mehr, indem die Schrecken des Krieges für sie nur in Form einer Punktetabelle existieren „Was zählte, war die Faszination des kriegerischen Spiels: eines Spiels, in dem nach geheimnisvollen Regeln Gefangenenzahlen, Geländegewinne, eroberte Festungen und versenkte Schiffe ungefähr die Rolle spielten wie Torschüsse beim Fußball“. Das hat mich übrigens an den Golf-Krieg erinnert, der auf manche Fernsehzuschauer sicher ganz ähnlich gewirkt hat.

Für mich war das Buch auch lehrreich, was die Zeit zwischen den Kriegen betrifft. Irgendwie ging sie im Grusel des „Dritten Reichs“ immer unter. Haffner beschreibt die Zeit als Vorbereitung, den Nährboden für die Schrecken der folgenden Jahre. Außerdem schreibt er auch ganz deutlich, dass es kaum gewesen sein kann, von nichts gewusst zu haben.

Meine Lieben, ich könnte nun noch seitenlang aus Haffner zitieren, aber das ist ja Quark, lest lieber das Buch, denn es ist fantastisch.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Geschichte eines Deutschen

  1. Kef Khaos schreibt:

    Ich habe das Buch vor Jahren in der Schule gelesen und bis heute zählt es zu meinen Lieblingen 🙂 Schön, dass du meine Erinnerung ein wenig aufgefrischt hast

  2. haushundhirschblog schreibt:

    „Um es gleich zu sagen, die Zerstörung dieser Ferien war das ärgste, was mir der ganze Krieg persönlich antat.”
    Ich glaube, auch dieses Buch wird auf meiner Weihnachtswunschliste stehen.
    Mb

  3. hildegardlewi schreibt:

    Das habe ich auch schon vor langer Zeit gelesen und es steht auch in vorderster Reihe im Bücherschrank.Lewi

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