Später Spagat

Einige kennen den 2006 verstorbenen Dichter Robert Gernhardt vielleicht noch aus Titanic-Zeiten oder von seinen humorigen Gedichten, z. B. den Animalerotica (Das Vorspiel nahm den Hengst so mit, / dass er geschwächt zu Boden glitt) oder seinen Bilden-Sie-mal-einen-Satz-mit-Versen (Symbol: Herr Dschingis Khan, das tut man nicht, / dass man in fremdes Land einbricht. / Nu aber raus mit Ihren Horden – / Sie sym bol wahnsinnig geworden!).

In seinem letzten Gedichtband geht es wesentlich ernsthafter zu, denn viele dieser Gedichte kreisen um seine schwere Krankheit, Chemotherapie, Angst, Alter, Vergänglichkeit und Tod. Dabei aber schimmert immer wieder der Humor des Dichters durch, der mit Würde und zuweilen fast heiter dem unausweichlichen Ende entgegendichtete. Ein Beispiel hierfür ist „Frage und Antwort“: Warum muss das alles sein?“ / Wer so fragt? Das arme Schwein. / Was das kluge Schwein erwidert? / „Robert, wirst halt ausgegliedert.“ Kein jämmerliches Sterbewerk voller Selbstmitleid, sondern Gedichte, als habe er sich und der Nachwelt Mut machen wollen, trotzig und kraftvoll, ohne sinnloses Hadern.

Und natürlich immer wieder die intelligenten Spaßgedichte, die ihn so bekannt gemacht haben. Etwa die „Stammbuchverse“: Für die Dichter / Wie tief muss ein Gedicht sein? / Sein Radius wie weit? / Wie hoch muss sein Niveau sein? / Sein Verfasser wie breit?

Schön, traurig, komisch.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Später Spagat

  1. durchleser schreibt:

    Einer der grössten Poeten des 21. Jahrhunderts! Glücklicherweise im Jahre 2001 live bei einer Lesung erlebt – ein unvergessliches Ereignis!

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ach, du Glückliche, das war sicher toll! Ja, er war wirklich wunderbar tief- und hintersinnig, und oft auch sehr lustig.

  3. hildegardlewi schreibt:

    Ich kann mich dem vorhergehenden Kommentat nur anschließen. Habe noch die letzte Ausgabe der Titanik. E wird unvergessen sein.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, das denke ich auch, liebe Hildegard. Erfreulich, dass hier doch noch einige Gedichte zu lesen scheinen. Es wird ja oft beklagt, dass Lyrik „schwerer geht“ als beispielsweise Romane. Ich mag Gedichte gern, vielleicht sollte ich öfter mal etwas dazu bringen. Wie ich sehe, dichtest du auch? Das werde ich mir gleich noch genauer anschauen : )

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