Wie ich mich einmal in alles verliebte

Dieser Roman von Stefan Merrill Block ist eines der vielversprechendsten Debüts, das ich je las. Und es ist unglaublich, mit wie viel Reife und Weisheit sich der junge Autor (Jahrgang 1982) seines schwierigen Themas angenommen hat, ohne es je an Leichtigkeit oder Spannung mangeln zu lassen.

Gekauft hatte ich mir das Buch in erster Linie wegen des putzigen Titels. Als ich in einer Rezension las, dass es darin um Alzheimer gehe, erschrak ich ein wenig – der Titel schien mir anderes zu verheißen – und ließ es zunächst ruhen. Nachdem ich es las – oder eher: verschlang – war ich begeistert.

Erzählt wird der Roman aus zwei Perspektiven. Der kauzige alte Abel lebt verlottert auf seiner heruntergekommenen Farm und wartet auf den Tag, an dem seine Tochter zu ihm zurückkehrt. Er erzählt von seiner großen Liebe Mae, der Frau seines Bruders, an der er einfach alles liebte, auch Dinge, die man vielleicht zunächst nicht unbedingt für liebenswert halten würde (ihre krummen Zehen, die Art, Kaffee einzuschenken etc.). Dass sie seine Zuneigung erwidern könnte, hält er für äußerst unwahrscheinlich. Doch eines Tages passiert genau das.

Der andere Erzähler ist der junge Seth, dessen Mutter an einer Form von Alzheimer erkrankt ist, die bereits in jüngeren Jahren ausbricht. Seth leidet darunter, seine Mutter immer mehr an das Vergessen zu verlieren, und versucht, sich der Krankheit auf wissenschaftlichem Weg zu nähern, da er eines Tages ein Mittel finden will, um das Vergessen aufzuhalten. Bei Seths Nachforschungen lernt auch der Leser eine Menge über die Krankheit, ohne dass sich das Ganze wie ein Artikel aus einem medizinischen Fachmagazin liest. Es liest sich sogar manchmal erstaunlich witzig. Nach und nach erfährt Seth auch mehr über das geheimnisvolle Vorleben seiner Mutter und über seine Wurzeln.

Einsprengsel einer märchenhaften Geschichte über Isidora, die Stadt des Vergessens, scheinen einem zuweilen dieses große Versinken in einer Welt ohne Erinnerungen, Vergangenheit oder Zukunft geradezu erstrebenswert zu machen. Diese Isidora-Geschichten, so erfährt der Leser bald, haben sich die Betroffenen dieses speziellen Zweigs der Alzheimer-Form über Generationen hinweg erzählt. Was als Gleichnis über eine unverständliche Krankheit begann, wird zum Trost derer, die genetisch ebenfalls eines Tages zu den Betroffenen gehören könnten.

Ein rundum gelungener, überaus lesenswerter Roman! Die märchenhaften Einsprengsel erinnerten mich übrigens an einen anderen wunderbaren Roman, nicht wegen des Themas, sondern wegen der Geschichten in der Geschichte, nämlich an Alles ist erleuchtet.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Wie ich mich einmal in alles verliebte

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich habe „Wie ich mich einmal in alles verliebte“ auch sehr gerne gelesen, auch wenn das Buch mich nicht restlos überzeugen konnte. Stellenweise habe ich es als etwas zu konstruiert empfunden, vor allem auch am Ende des Romans. Besser gefallen hat mir das zweite Buch von Stefan Merrill Block „Aufziehendes Gewitter“ – sehr empfehlenswert. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s