Ich und Kaminski

Nachdem ich die sehr flott und interessant zu lesende und stilistisch überaus ansprechende Vermessung der Welt beendet hatte, gelüstete mich stark nach weiteren Kehlmanns. Und da ich gern Romane lese, die im Künstlermillieu spielen, kam mir Ich und Kaminski gerade recht.

Meine Mutter pflegte mir Sätze, die ich mit „Ich und XY“ begann, mit den Worten „Ich und mein Esel“ abzuschneiden, um mir beizubringen, dass man höflicherweise bei derartigen Aufzählungen erst die andere(n) Person(en) nennt. In diesem Romantitel aber kommt das „Ich“ völlig zu Recht zuerst, denn der Erzähler, Sebastian Zöllner, ist ein egozentrischer, unsensibler, arroganter und ziemlich unangenehmer Zeitgenosse. Das erschwert zwar die Identifikation mit der Hauptfigur, macht aber gar nichts, da es den Unterhaltungswert des Romans immens steigert.

Zöllner, ein mittelmäßig begabter Journalist (und als solcher eine Karikatur), hat sich in den Kopf gesetzt, den Künstler Manuel Kaminski zu interviewen, um nach dessen Tod ein Buch zu veröffentlichen, mit dem er berühmt zu werden hofft. Allein das Vorhaben zeigt, mit was für einer Art von Mensch wir es bei Zöllner zu tun haben: berechnend, gefühlskalt, selbstbezogen. Kaminski, inzwischen nahezu erblindet und auch sonst nicht mehr ganz auf der Höhe, lebt zurückgezogen mit seiner Tochter Miriam, die ihn gut abschirmt von Typen wie Zöllner. Dennoch gelingt es dem aufdringlichen Zöllner, Kaminski zu entführen und auf der Suche nach einer Story und unbekannten privaten Details gen Norden dem – wie er glaubt – Höhepunkt seiner Story entgegenzukutschieren. Allerdings hat Zöllner in Kaminski seinen Meister gefunden, aber das merkt er erst zu spät.

Ein intelligenter, unterhaltsamer Roman über Genie und Mittelmaß, Hybris und Scheitern.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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