Das wahre Leben des Sebastian Knight

Ich bin Nabokov-Fan. Pnin hatte mir schon außerordentlich gut gefallen, Lolita sowieso, aber Das wahre Leben des Sebastian Knight gefällt mir besonders. Es beginnt ganz harmlos und wird dann immer vielschichtiger und raffinierter, bis uns Nabokov mit einem Ende überrascht, das mehrere Deutungen zulässt.

Schon die Entstehung des Romans ist eine Story für sich: Nabokov schrieb ihn, zum ersten Mal überhaupt auf Englisch, für einen Literatur-Wettbewerb und zwar in weniger als zwei Monaten. Übrigens diente ihm angeblich ein Koffer über’m Bidet als Schreibtisch, weil die Einzimmerwohnung mit Frau, Kind und gelegentlichen Besuchern wenig Rückzugsmöglichkeiten zum konzentrierten Schreiben bot. Nicht nur die abenteuerlichen Umstände der Entstehung sind toll, sondern auch die wirklich beeindruckende Tatsache, dass man sich kaum vorstellen kann, wie jemand bei diesem Tempo den Roman mit so viel Raffinesse, komplexer Erzählstruktur und sprachlichem Schliff perfektionieren kann. So schreiben Genies!

Doch zum Buch: Nach dem frühen Tod seines Halbbruders, des Schriftstellers Sebastian Knight, und nachdem er sich über eine schlechte, weil unwahre Biographie von dessen ehemaligem Sekretär geärgert hat, beschließt der Erzähler V., das wahre Leben seines Halbbruders zu beschreiben. Wir lesen also die Biographie Sebastian Knights, auszugs- und zwangsweise natürlich auch die des V., dazu im Vergleich Passagen aus der „falschen“ Biographie. Bei alledem ist V. klar, dass er sehr wenig über seinen Halbbruder weiß, was ja für einen Biographen eher hinderlich ist. Er versucht jedoch, Sebastian über dessen Werke näher zu kommen, denn das ist letztlich alles, was von ihm bleibt. Zudem macht V. dem Leser stets bewusst, dass er selbst natürlich nicht so gut schreiben kann wie sein Bruder, aus dessen Werken er gelegentlich zitiert, um die Qualität unter Beweis zu stellen.

Besonders interessant sind die Stellen, in denen sich Situationen aus dem Leben Sebastians bei V. spiegeln, und Situationen aus dem Leben Nabokovs sich im Leben des V. wiederfinden. So ist V. wie der Autor selbst Russe und schreibt erstmals in englischer Sprache. Verführerisch, anzunehmen, V. stehe für Vladimir. Tut es aber nicht, wie man im Nachwort lesen kann. Das wäre auch zu einfach. Das Nachwort ist überhaupt sehr lohnend zu lesen, fasst es doch noch einmal die Lesarten des Romans zusammen und gibt Interpretationshilfen, wenn man sie denn nutzen möchte. Ein großartiges Buch!

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Das wahre Leben des Sebastian Knight

  1. Mila schreibt:

    Nachdem ich mich lange um Nabokov herumgedrückt habe, weil ich mit ihm immer das Schmuddelbild der Poplolita verbunden habe, wagte ich mich dann doch mal an die Roman-Lolita – und war begeistert. Jetzt habe ich „Der Zauberer“ gelesen, die quasi Ur-Lolita, und bin wild entschlossen mich an ein weiteres Buch von ihm ranzuwagen. Deine Rezension hat mir die Entscheidung (welches?) abgenommen. LG Mila

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist ja fein, liebe Mila! Bin gespannt, wie dir das Buch gefällt. Und vielleicht wirst du noch zum Nabokov-Fan, seine Memoiren Erinnerung, sprich sind übrigens auch wunderschön! Liebe Grüße!

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