Ruhm

Ein Roman in neun Geschichten, lautet der Untertitel zu Daniel Kehlmanns Roman Ruhm. Und so ist es auch. Figuren aus einer Geschichte tauchen in einer anderen wieder auf, alle gruppiert um den erfolgreichen Schriftsteller Leo Richter, dem sein Erfolg zuweilen reichlich auf den Wecker fällt. Besonders die Lesereisen, bei denen ihm jeder Ort und das Publikum vorkommen wie ein einziger bzw. ein einziges, da sie ihm alle gleich langweilig sind. Und selbstverständlich nervt ihn die immer gleiche Frage, woher er nur seine Einfälle habe, die er inzwischen stereotyp mit „in der Badewanne“ beantwortet.

In den Geschichten selbst geht es um Identität und die schmale Grenze zwischen Realität und Fiktion. Eine der Figuren beispielsweise will unbedingt verhindern, dass der Schriftsteller sie in einem seiner Romane verwendet, denn sie ahnt, dass, wenn dies geschähe, ihr Leben die Grenze zur Fiktion überschreiten könnte und sie für die Wirklichkeit verloren wäre. Eine andere Figur ist dem Tode geweiht und begibt sich in die Schweiz, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Dazwischen hadert sie mit ihrem Schicksal und ganz explizit mit dem Schriftsteller, der schließlich die Macht hätte, der Geschichte eine andere Wendung zugeben und sie zu retten. Dann ist da noch der Nerd, der sich ständig in irgendwelchen Foren herumtreibt und am liebsten ganz in die virtuelle Welt hinüberwechseln würde, weil sein wirkliches Leben wenig ereignisreich ist. Er sieht seine Chance zur Veränderung gekommen, als er Richter kennen lernt, dem er sich mit allen Mitteln als Romanfigur andienen will.

Mir haben die neun Geschichten und das Konzept des Romans gut gefallen. Gut auch, dass dieser Roman nichts mit Kehlmanns Riesenhit Die Vermessung der Welt zu tun hat. Weder inhaltlich noch stilistisch, was nicht heißen soll, dass Ruhm stilistisch schwächer wäre. Das Motiv der Identität, der Suche nach ihr, ihres Verlusts etc. erinnerte mich an einen kleinen Roman, den Kehlmann vor der Vermessung veröffentlicht hat, Der fernste Ort, der übrigens gleichermaßen lesenswert ist.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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