Mein Jahr als Mörder

Dieser ausgezeichnete und sehr interessante autobiographische Roman von Friedrich Christian Delius wirft Licht auf ein schauriges Stück deutscher Nachkriegsgeschichte. Es beginnt 1968: Ein Berliner Student glaubt, aus dem Radio einen Mordauftrag erhalten zu haben, denn er hört vom Freispruch des Nazirichters R., der unter anderem am Tod des Vaters seines Freundes schuld ist. Er beschließt, den Richter zu erschießen, um so den Tod des Widerstandskämpfers Groscurth zu rächen.

Mit diesem Einstieg nimmt sich Delius sehr gut eines der großen Themen der Studentenrevolte an: „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“, die Nazirichter von einst saßen und sitzen noch immer in Amt und Würden und werden mit dicken Pensionen belohnt. Die Verarbeitung der Vergangenheit kommt unterdessen kein Stück weiter.

Aber das ist längst nicht alles. Mindestens genauso schrecklich und unglaublich ist die Geschichte der Witwe Groscurths, die in den 50er Jahren durch eine Verkettung unglücklicher Umstände alles verliert: Ihren Job als Amtsärztin, ihre Witwenrente, die Rente der Kinder, den Status als Widerstandskämpferin, ja sogar ihrem Mann wird nachträglich dieser Status entzogen. Alles zermahlen von den Mühlen einer deutschen Justiz, der Braun mehr liegt als Rot. Frau Groscurth nämlich wird beschuldigt, zu den „Roten“ zu gehören, dem deutschen Staat zu schaden und derlei mehr. Das alles ist eingebettet in die Atmosphäre der Endsechziger, die Delius kenntnisreich und hautnah darzustellen weiß.

Ein überaus spannendes, empörendes, erhellendes Buch.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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