Das Hörrohr

Leonora Carrington war nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Malerin. Sie lebte mit Max Ernst zusammen, bis dieser in Frankreich verhaftet wurde, und lebte danach in Mexiko. Ihr Roman Das Hörrohr ist höchst ungewöhnlich und driftet in seinem Verlauf immer mehr ins Fantastische ab.

Erzählt wird aus der Perspektive der 92jährigen Marian, die zahnlos und ihrem Alter entsprechend etwas gebrechlich ist, auch nicht mehr gut hört, aber immer noch geistig höchst beweglich bei ihrem schlappschwänzigen Sohn Galahad, seiner dominanten Frau Muriel und deren rücksichtslosen Sohn Robert in Spanien lebt. Sie hat zwei Katzen, eine Henne und ihre schrullige Freundin Carmella, die sie hin und wieder besucht. Carmella hat ein ungewöhnliches Hobby: Sie schreibt Leuten mit extravaganten Namen Briefe, zu denen sie sich eine Lebensgeschichte ausdenkt, bis sie ihr ganz real erscheint, und spielt in ihren Briefen auf diese erfundenen Leben an. Natürlich bleibt ihre Korrespondenz unbeantwortet. Eines Tages schenkt sie Marian ein Hörrohr und so erfährt diese, dass die Familie sie in ein Heim abschieben will.

Das Heim indes erweist sich als gar nicht so schlimm, wenn es auch von allerlei seltsamen alten Damen bewohnt wird und das Leiterehepaar von geradezu Dickens’scher Skurrilität und Grausamkeit ist. Noch dazu sieht sich der Heimleiter als eine Art religiöser Führer, der seine kleine Herde durch Abstinenz „zum Licht“ führen will.

Ungefähr in der Mitte wird das Buch zu etwas völlig anderem: Marian liest die Lebensgeschichte der Nonne Rosalinde, die in Wirklichkeit keinem christlichen, sondern einem vorchristlichen Mutterkult diente, und plötzlich passieren Dinge, die das Leben von Marian und ihren Leidensgenossinnen grundlegend verändern.

Sprachlich sehr schön und inhaltlich ziemlich abgefahren geht es nicht nur um die Auflehnung gegen Ungerechtigkeit, sondern auch um einen „Religionskrieg“. Dabei spielen eine Höhle, der Lottogewinn von Carmella, eine neue Eiszeit und ein paar Werwölfe eine tragende Rolle. Ob das Ganze eine Fantasie der möglicherweise immer seniler werdenden Marian ist? Wer sich auf dieses ungewöhnliche Buch einlässt, wird jedenfalls gut unterhalten.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Das Hörrohr

  1. Ulrike Rudolph schreibt:

    Das klingt so spannend, wie ihr Leben und ihre Bilder sind: voller Geheimnis, immer wieder auch mit dunklen Aspekten. Ich hatte schon lange vor, mich mal intensiver mit Leonora Carrington zu beschäftigen. Dein Buchtipp bestärkt mich jetzt darin, lieben Dank. Es gibt ja noch ein paar Weihnachtsgeschenke zu wünschen …

  2. snoopylife schreibt:

    Danke für die Erinnerung, will das auch schon monatelang lesen und vergesse es immer wieder, wenn ich in der Bibliothek stehe. Aba jetze!!! 🙂

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