Uroma Webster

Caroline Blackwood gehört zu Autoren wie Romain Gary oder Sybille Bedford, deren Leben ebenso interessant zu lesen ist wie ihre Romane. Im Nachwort von Uroma Webster erfährt man, dass sie, eine geborene Lady Hamilton-Temple-Blackwood, hochbegabt und eine legendäre Schönheit war und zu den bemerkenswertesten Frauen ihrer Zeit zählte. Sie war Journalistin und Schriftstellerin und lebte in den Künstlerkreisen von London und New York, was mir sehr erstrebenswert vorkommt. Ihre Bücher trügen alle den ihr eigenen schwarzen Humor und einen rebellischen Zug gegen ihre aristokratischen Wurzeln, sind jedoch auf Deutsch bislang anscheinend nicht erhältlich.

Doch zum Roman: Die 14jährige Protagonistin wird zu ihrer Urgroßmutter in die Nähe von Brighton geschickt, um sich an der Seeluft von einer Operation zu erholen. Zwei Monate soll sie dort verbringen und rasch wird ihr wird klar, dass diese zwei Monate die längsten ihres Lebens werden könnten. Denn die Urgroßmutter verbringt ihre Tage in ihrem abgedunkelten, eiskalten viktorianischen Landsitz mit steif durchgedrücktem Rücken auf einem unbequemen Lehnstuhl und erwartet, dass ihre Urenkelin ihr dabei Gesellschaft leistet. Brighton selbst wird das Mädchen nicht sehen, ihre Seeluft-Erfahrung beschränkt sich auf nachmittägliche Spazierfahrten im Rolls Royce, dessen Fenster einen Spalt breit heruntergelassen sind.

Während ihres Aufenthalts erfährt man die verschlungene Geschichte ihrer Familie: Die Tochter der Uroma war ein exzentrisches Mädchen, das sich im Laufe ihrer Ehe zu einer geistig verwirrten Frau entwickelt, die nach einem Mordversuch an ihrem Enkel, dem Bruder der Hauptfigur, schließlich ihre Tage in einer Nervenheilanstalt beschließt. Der Vater des Mädchens starb so früh, dass sie ihn sich nur über Erzählungen Dritter zusammensetzen kann. Viel Platz wird ihrer kapriziösen Tante Lavinia eingeräumt, die Enkelin von Uroma Webster, deren Lebensinhalt darin besteht, sich zu amüsieren – das macht sie zum perfekten Gegenpol der kauzigen Urgroßmutter. Aber warum hatte der Vater des Mädchens so eine Vorliebe für die kauzige Alte? Und wieso wird das Mädchen viele Jahre später, gemeinsam mit der uralten Hausangestellten Richards, die Einzige sein, die am Grab der Urgroßmutter steht?

Ein kurzweiliges, tragikomisches Porträt von vier Generationen englischer Aristokratie.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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