Coco Chanel: Ein Leben – Genie oder „schwarzer Engel“?

Als ich Edmonde Charles-Roux‘ Biographie über Coco Chanel las, war die Atmosphäre um mich herum erfüllt von Chanel-Begeisterung. Gleich zwei Filme über ihr Leben waren damals angekündigt, auf die ich mich freute, mein Liebster schenkte mir einen Lippenstift von Chanel und das köstlich duftende No. 5 Parfum (die teuersten 7,5 ml, die ich je besaß). Ich war im Chanel-Rausch.

Was fällt einem zu Chanel ein? No 5, das kleine Schwarze, die Abschaffung von Korsetts und Rüschen – da ich wenig über Coco Chanel wusste, war ich überrascht, dass sie aus allereinfachsten Verhältnissen stammte und sich, auch mit Hilfe reicher Gönner, ihren Weg in die Höhen des Mode-Elysiums bahnte. Sie war wohl nicht gerade unkompliziert und ihr Imperium regierte sie später gelegentlich mit tyrannischer Strenge. Sie traf die Großen ihrer Zeit und war wohl im Grunde ein einsamer Mensch, dessen Sehnsucht nach Liebe und Kindern sich nicht erfüllte. Zuweilen wird die Biographin etwas lyrisch und interpretiert ein bisschen oft, wovon dieser oder jener modische Einfall Chanels zeugte, dennoch ist das Buch interessant und lesenswert.

Etliche Jahre später las ich Coco Chanel – Der schwarze Engel: Ein Leben als Nazi-Agentin von Hal Vaughan. Da es ihm nicht darum geht, den Aufstieg Chanels noch einmal zu erzählen (das haben inzwischen genügend Biographen und besonders lesenswert Edmonde Charles-Roux erledigt), konzentriert er sich auf Chanels Verstrickungen in Spionage und Kollaboration. Ihm liegen Informationen vor, zu denen Edmonde Charles-Roux damals keinen Zugang hatte, weswegen ihre Biographie natürlich das Leben Chanels eher verklärt als bestimmte Aspekte genauer auszuleuchten.

Hal Vaughan dagegen spricht glasklar von Coco Chanels antisemitischer Haltung und vor allem von ihrer Affäre mit dem Spion Baron Hans Günther von Dincklage, der sie versucht, für seine Zwecke auszunutzen. Dabei stieß er anscheinend auf wenig Widerstand, Chanel hat bereitwillig getan, was in ihren Möglichkeiten lag. Ob es an ihren Beziehungen lag, der Intervention Churchills, daran, dass sie zu viel wusste, oder daran, dass sie ihr Parfüm kostenlos an die Allierten verteilte, Chanel wurde jedenfalls nach dem Krieg nie richtig für ihre Verstrickungen verurteilt.

Die beiden Biographien lesen sich völlig unterschiedlich: Hier der lyrische, verklärende Ton einer Biographin, die Chanel offenbar verehrte. Dort investigativ-journalistisch und fern jeglicher Romantik. Beide Biographien sind auf ihre Art sehr interessant.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Coco Chanel: Ein Leben – Genie oder „schwarzer Engel“?

  1. Sofasophia schreibt:

    wie produktiv du bist … ich komme nicht mit lesen nach, mit kommentieren erst recht nicht. aber spass macht das stöbern hier trotzdem 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Soso, das sind ja ältere Buch-Tipps aus dem Salon, das hab ich nicht alles gerade erst gelesen und geschrieben – so schnell bin ich leider auch nicht ; ) Aber schön, dass dir das Stöbern gefällt!

  2. Susanne Haun schreibt:

    Ja, Petra, ich habe mich auch schon gefragt, wie du es schaffst, so schnell zu lesen.
    Nun dieses Rätsel ist ja dann gelöst!
    Sehr interessant, was du über Coco Chanel schreibst und es ist auch wieder interessant, wie unterschiedlich ein und derselbe Mensch von außen gesehen wird!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, liebe Susanne, das Buch von Hal Vaughan ist wirklich ziemlich ernüchternd … Aber es ist ja auch wichtig, dass solche Dinge zutage gefördert werden, auch wenn die „Legende“ damit ganz schön beschädigt wird. Erstaunlich nur, wie lange so etwas braucht, bis es ans Licht kommt.

  3. beatesauer schreibt:

    Wahrscheinlich lag es an dem Mythos Coco Chanel, dass es so lange dauerte, bis auch ihre dunklen Seiten ans Licht kamen. Und vielleicht haben ja auch ihre Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen noch lange nach ihrem Tod weitergewirkt. Ihre Mode finde ich nichts desto Trotz zeitlos schön. Liebe Grüße Beate

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s