Die alltägliche Neurologie des Vergessens

Ihr merkt es vielleicht schon am Titel, ich frage mich gerade, was eigentlich aus der einst hochgerühmten Marisha Pessl geworden ist? Seit ich den virtuellen literarischen Salon durchstöbere nach Buch-Tipps, die ich gern aufs Blog und wieder in euer Bewusstsein heben will, begegnet mir der ein oder andere Name, der mir schon länger nicht mehr in den einschlägigen Feuilletons vor Augen kam. Und dazu gehört auf jeden Fall Marisha Pessl. Dabei hatte sie alles, was man einer erfolgversprechenden Jungautorin wünschen kann: Die alltägliche Physik des Unglücks, 2006 in den USA veröffentlicht, war ein Bestseller und die Autorin jung und schön. Das reicht ja oft. Für August 2013 ist ein neuer Roman von ihr angekündigt: Night Film. A Novel. Aha. Schauen wir, wie ich damals Die alltägliche Physik des Unglücks beurteilte:

Die Autorin wurde in letzter Zeit arg gehyped, die New York Times verstieg sich gar dazu, ihren Roman das „auffälligste, schönste und klügste Debüt seit Jonathan Safran Foers ‚Alles ist erleuchtet’“ zu nennen. So viel sei verraten: Dieser Ansicht kann ich mich nicht anschließen, auch wenn es ein durchaus gelungenes Debüt ist, ist es eben nicht brillant.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der 16-jährigen Blue van Meer erzählt, die mit ihrem Vater, einem Professor, kreuz und quer durch die Staaten zieht, weil der ständig die Unis wechselt. Die Mutter ist schon lange tot. Aufgrund ihres unsteten Vaters kann das Mädchen keine dauerhaften Freundschaften knüpfen und ist stattdessen ziemlich fixiert auf ihren Dad, der, nach allem, was sie so erzählt, ein interessanter Typ zu sein scheint, wenn auch etwas undurchsichtig.

Und wie das so ist bei Professorenkindern, ist das Mädchen natürlich ungeheuer klug und belesen und wird von ihrem Vater stets in ihrer intellektuellen Arroganz gegenüber Gleichaltrigen bestätigt. Das macht sie natürlich erst einmal nicht zur neuen Cheerleaderin, im Gegenteil, die meisten verübeln ihr die Altklugheit, die ich persönlich ganz witzig fand, aber ich bin ja auch nicht ihre Klassenkameradin. Allerdings interessiert sich ihre geheimnisvolle Lehrerin Hannah für sie und nimmt sie sofort in ihren exklusiven Zirkel ungewöhnlicher Schüler auf, übrigens ohne, dass diese davon besonders begeistert sind. So lernt Blue auch mal das lustige College-Leben mit Wodka und allerlei Ausschweifungen kennen, wobei man sich fragt, was an dem Geschwätz der anderen Zirkelmitglieder so exklusiv sein soll. Einzig interessant bleibt die Lehrerin und ihre mögliche Verwicklung in einen Todesfall.

Um die Intelligenz ihrer Protagonistin (und ihre eigene) zu betonen, fügt Pessl Blues Gedanken allerlei kulturelle Versatzstückchen bei sowie alle naslang Bücher und Abhandlungen, die Blue sozusagen „zitiert“. Was anfangs wie eine prima Idee daher kommt, geht einem mit der Zeit ein klein wenig auf den Wecker und am Ende überliest man es einfach nur noch.

Netter hingegen fand ich die Idee, jedes Kapitel mit Titeln von Büchern zu benamsen und ans Buchende eine Art Abschlussprüfung zu stellen. Wobei beides so mittel-sinnvoll im Zusammenhang genau mit diesem Buch erscheint, gibt es doch genügend Campusromane, die ähnliches rechtfertigen würden. Aber vielleicht ist es ja wie mit dem Ei des Columbus.

Das Ganze ist flüssig geschrieben, allerdings lässt die Spannung immer mal wieder nach, weil die Story nur phasenweise so richtig in Gang kommt. Zwischendurch fürchtete ich sogar, es würde gar kein echtes Ende bzw. keine wirkliche Aufklärung geben. Es gibt eine, die allerdings ziemlich abgefahren ist und einen mit dem dumpfen Gefühl zurücklässt, dass es auch alles ganz anders sein könnte. Außer, dass Blue sich am Ende nolens volens von ihrem Vater löst, durchläuft sie keine wirkliche Entwicklung und ihre Gefühlswelt bleibt merkwürdig kühl.

Das klingt jetzt alles sehr negativ, dennoch habe ich das Buch gern gelesen, nur konnte ich nichts Nennenswertes daraus ziehen. Wer sich nett mit sprachlich Wohlgeratenem unterhalten will, ist mit dem Buch gut bedient. Wer ein hervorragendes Debüt wie das von Foer erwartet, wird enttäuscht sein.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Die alltägliche Neurologie des Vergessens

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich habe das Buch vor einigen Jahren, es sind wahrscheinlich schon sechs, sehr gerne gelesen und in regelmäßigen Abständen auf Amazon nachgeguckt, ob nicht ein weiteres von ihr angekündigt ist. Um so mehr freue ich mich nun darüber, bei dir lesen zu können, dass im August endlich etwas von ihr erscheinen wird und ich hoffe, dass es dann auch irgendwann ins Deutsche übersetzt wird.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich bin auch gespannt auf den Zweitling, vielleicht lese ich ihn gleich auf Englisch, kommt auf den Grad meiner Ungeduld an ; ) Allerdings: Kennst du Donna Tartt? Deren Erstling fand ich grandios, den Zweitling las ich nie zu Ende … Allerdings habe ich an Pessls Neuen auch weniger hohe Erwartungen …

      • buzzaldrinsblog schreibt:

        Ui, wenn du ihn auf Englisch liest, kannst du mich ja gegebenenfalls warnen, denn dann bist du ja auf alle Fälle vor mir fertig. 🙂
        Bei Donna Tartt – die ich kenne – habe ich lustigerweise eine ähnliche Erfahrung gemacht, wie du. Das erste Buch von ihr hat mich sehr begeistert, sehr bewegt, lange nicht mehr losgelassen und mit diesen Erwartungen habe ich mich dann in das nächste Buch von ihr gestürzt. Dieses steht hier irgendwo immer noch mit einem Lesezeichen inneliegend, da ich es nie beendet habe …

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Vielleicht sollten wir ein Regal für Unvollendete einrichten – wer weiß, in ein paar Jahren geben wir ihnen vielleicht eine 2. Chance ; )

  2. buchstabenchaos schreibt:

    Du schreibst mir hier aus der Seele, genau so habe ich es beim Lesen von „Die alltägliche Physik…“ auch empfunden. So gerne ich mich den Hype angeschlossen hätte, aber richtig überzeugt hat es mich dann doch nicht. Ich denke aber, manchmal machen Kritiken wie „das schönste/beste/intelligenteste… Werk seit XYZ“ mehr kaputt als dass sie den Autoren dienen. Die Messlatte hängt dann so hoch, dass meine Erwartung nur enttäuscht werden kann.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr, liebe Buchstabenchaos. Dieser Hang zu Superlativen wird selten den jeweiligen Romanen gerecht. Die meisten bewegen sich ja eher (wenn überhaupt) im Mittelfeld. Gutes Mittelfeld ist wäre auch okay. Aber vermutlich fürchtet man mit einem derartigen Prädikat das Buch dann nicht mehr verkaufen zu können. Werbung, Werbesprache, scheint nach sprachlichen Übertreibungen zu gieren und sich nicht mehr anders zu helfen zu wissen.

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