Der Mensch erscheint im Holozän

Diese Erzählung von Max Frisch war die Empfehlung eines Freundes vor vielen Jahren. Wir hatten über Bücher gesprochen, in denen Fotografien eine wichtige Rolle spielen, wie bei W. G. Sebald, über Collagen in der Kunst und in der Literatur, und so kamen wir auf diese Erzählung, die ich bald darauf las. Eine stille und dabei doch innerlich aufregende Erzählung über einen alten Mann, der zurückgezogen lebt und versucht, seinen Gedächtnisverlust zu bekämpfen, indem er Wissenswertes aufbewahrt. Aber: „Ohne Gedächtnis kein Wissen“ [S. 14].

Herr Geiser ist verwitwet, kommt eigentlich aus Basel und verbringt seinen Lebensabend in einem Tessiner Bergdorf. Der ohnehin abgelegene Ort scheint noch mehr aus der Welt gekommen zu sein, als ein Unwetter das Dorf vollkommen von der Umwelt abschneidet. In dieser Situation („Es bleibt nichts als Lesen“, S. 16) fängt Herr Geiser an, sich immer mehr in Themen einzulesen, dazu nutzt er seinen Großen Brockhaus in zwölf Bänden: Er liest über Blitze, dass es Linien-, Kugel-, Perlschnurblitze und viele weitere gibt. Er selbst teilt den Donner – Gewitter gibt es in der Gegend mehr als genug – in verschiedene Kategorien ein: einfacher Knall-Donner, stotternder Donner, Hall-, Polter-, Paukendonner, immer feiner differenziert er den Donner, wie er ihn hört.

Es gibt Dinge, die Herr Geiser nicht vergessen hat, den Satz des Pythagoras etwa. Aber vieles hat er vergessen, und das liest er nun nach. Doch: „Ohne Gedächtnis kein Wissen“, er ist dabei, sein Gedächtnis zu verlieren und will dennoch das Wissen bewahren. Da er es nicht mehr selbst behalten kann, schneidet er alles, was ihm wichtig ist, aus verschiedenen Büchern aus und behängt damit seine Wände. Diese Schnipsel sind auch in den Text eingefügt, ebenso wie kleine Skizzen, die er angefertigt hat, oder auch alltägliche Listen, zum Beispiel zu seinen Vorräten.

Immer mehr Zettel pinnt er mit Reißnägeln an die Wände und immer mehr entgleitet ihm sein eigenes Wissen, er vergisst, bestimmte Dinge zu kaufen, er vergisst, Mahlzeiten einzunehmen. Er versucht die Flucht und bricht sie ab. Die Endzeitstimmung – Isolation, anhaltende Unwetter – entspricht seinem Gefühl, sich in seiner persönlichen Endzeit zu befinden, unterwegs zum Lebensende nimmt er selbst im Hause den Hut nicht mehr ab.

Eine anrührende Erzählung in ganz nüchternem Ton darüber, was wichtig ist, was vergessen wird und wie wenig man gegen den Verlust seines Gedächtnisses tun kann, gegen diese beginnende Auslöschung, erst das Gedächtnis, dann die Persönlichkeit. Wie gleichgültig vielleicht der Nachwelt die Dinge sein werden, die uns einmal wichtig waren. Sehr zu empfehlen.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Der Mensch erscheint im Holozän

  1. Susanne Haun schreibt:

    Gegen das Vergessen kannst du nichts machen, es bleibt nur dieses Gefühlt, dass etwas fehlt, dass du einmal genau wußtest!

  2. Susanne Haun schreibt:

    Gerade Online Gekauft!

  3. buechermaniac schreibt:

    Nie habe ich dieses Buch von Frisch in die Hände genommen. Es liegt wohl am Titel, den ich immer so merkwürdig fand. Dank deiner interessanten Besprechung glaube ich, muss ich heute schon wieder ins Antiquariat. Dort finde ich das Buch bestimmt.

  4. belmonte schreibt:

    Ganz tolles Werk. Wir haben das kürzlich auf der Bühne gesehen, Ein-Mann-Inszenierung. Endzeitstimmung und Isolation mit den ganzen Zetteln und Schnipseln war ganz unheimlich.

  5. Liebe Petra,
    das ist ja lustig. Vor ein paar Tagen habe ich beschlossen,genau diese beiden Bücher, nämlich Montauk und Der Mensch … noch mal zu lesen – und weisst Du, warum? Weil ich den Inhalt einfach vergessen habe.Was mir geblieben ist, ist das sichere Gefühl, dass es wichtige Bücher sind. Ich bin nun in Montauk, mit Frisch auf Spurensuche – und wo Du es schreibst kommt mir sofort die Erinnerung an den alten Mann uind die Wand voller Zettel. Man selbst so irgendwo mittendrin und ganz weit draußen. Ich werde den Holozän auf jeden Fall auch noch mal lesen, gegen das Vergessen.
    Liebe Grüße
    Kai

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Kai, das kenne ich, wenn man sehr viel liest, ist die Chance leider groß, auch viel zu vergessen. Immerhin weiß ich meistens noch so ungefähr, worum es ging, aber Details … Andererseits gibt das den Büchern, die wir haben, die Chance, dass wir sie wiederlesen, was mir in den letzten Jahren immer besser gefällt. Liebe Grüße!

      • Liebe Petra,
        besonders mit Deinem Schluss zum Schluss Deiner Antwort geht es mir genauso. Ich hole immer mehr alte (gibt es das denn) Bücher wieder hervor oder lese bei Autoren nach, denen ich früher viel Zeit gewidmet habe. Manchmal ist es eine Enttäuschung, aber meistens gibt es doch einen Aha-Effekt, und ich möchte den Autor weiterlesen oder die verpassten Titel nachholen. (ging mir z.B. mit Barbara Honigmann so,
        Liebe nachweihnachtliche (wann kommt eigentlich der Baum weg?) Grüße
        Kai

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Stimmt, Enttäuschungen & Aha-Effekte gibt es auch …
          Apropos Weihnachtsdeko: Viele räumen am 6.1. ab, manche warten bis – wie heißt es? – ich glaube, Mariae Lichtmess (wann immer das sein mag). Spätestens, wenn er nadelt, würde ich abbauen ; )

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