Steile Welt

Eine wahrhaft „steile Welt“ beschreibt die Autorin Stef Stauffer in ihren Erzählungen. Welche genau, verrät der Untertitel Leben im Onsernone. Das Onsernone liegt im Kanton Tessin und ist bekannt unter Büchermenschen, denn Schriftsteller wie Alfred Andersch und Max Frisch verbrachten hier einen Teil ihres Lebens. Dort spielt auch Der Mensch erscheint im Holozän, die Erzählung von Max Frisch, die ich euch kürzlich vorgestellt habe.

Steile Welt: Onsernone, Foto: (c) Stef Stauffer

Diese und jenen ironischen Spruch von Anfang der 70er Jahre „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“ war alles, was ich bislang mit dem Tessin verbunden habe. Ein diffuses Bild, einerseits „Villen“, andererseits die skurrile Erzählung, in der einfache Steinhäuser, einfache Menschen und eine abgelegene, gefährliche Gegend vorkommen.

Stef Stauffer nähert sich dieser Gegend und behutsam auch den Menschen bei einem längeren Aufenthalt, um über sie zu schreiben. Vor allem über die Menschen, denn viele leben heute nicht mehr dort. Es sind vor allem ältere und alte Menschen, die die Autorin zu Wort kommen lässt. Sie haben entweder ihr Leben lang im Onsernonetal verbracht oder sind, sobald sie alt genug waren, fortgeschickt worden, um Arbeit zu finden. Ihnen allen gemeinsam scheint, dass sie ein hartes, arbeits- und entbehrungsreiches Leben geführt haben, zumindest im Onsernone, aber niemand von ihnen bereut das oder vermisst etwas. Zum Beispiel Reisen, ein bisschen Luxus und Bequemlichkeit, einkaufen und kochen können, worauf man Lust hat – Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind. Reisen – wohin? Luxus – wozu? Fast alle sind sich einig, dass sie ein gutes, erfülltes Leben hatten, dass sie taten, was zu tun war. Darauf kommt es an.

Foto: (c) Stef Stauffer

In nüchterner, karger Sprache, ohne poetische Schnörkel erzählt Stef Stauffer von diesen Menschen und ihren Schicksalen. Das passt zu dem Leben, das sie dort geführt haben, aufs Wichtigste ausgerichtet, auf das Überleben, darauf, dass es die Kinder warm haben. Die Menschen erzählen, wie sie von Kindesbeinen an mitgearbeitet haben. Die Väter waren manchmal monatelang fort, um Geld zu verdienen. Die Mütter, Kinder, vielleicht noch eine unverheiratete Schwester kümmerten sich um Haus, Garten, um die Tiere, ums Holzsammeln und Wasserholen. Matratzen bestanden aus laubgefüllten Säcken, zu essen gab es meist Kartoffeln oder Polenta. Manchmal starben Geschwister noch im Kindbett oder durch einen Sturz in die Tiefe. In die Schule gingen manche noch barfuß, im Winter brachten sie ein Holzscheit mit, damit der Lehrer heizen konnte.

Inzwischen gibt es Wasser- und Stromleitungen, aber immer weniger feste Einwohner. Im Sommer kommen die Touristen, die Gegend belebt sich. Manche haben noch ein Haus oder mieten sich eins für die Ferien und spielen naturverbundenes Leben, heile Welt. Aber bald danach wird es wieder umso einsamer. Und damals wie heute ist es eine gefährliche Welt, ein unbedachter Tritt und man kann zu Tode stürzen, eine Kurve mit dem Auto zu forsch genommen und es kann die letzte Kurve gewesen sein.

Foto: (c) Stef Stauffer

Dennoch: Bei aller Entbehrung, aller Gefahr vielleicht auch eine heile Welt, mit guter Luft, viel Natur, ohne Konsumzwang und mit Menschen, die sich umeinander kümmern. Zumindest könnte man es so idealisieren. Mir wäre es zu entbehrungsreich, zu gefährlich, Berge bedrücken mich. Ein solches Leben käme für mich nicht in Frage, aber es war überaus faszinierend, darüber zu lesen. Das Buch ist im Lokwort Buchverlag erschienen – ich kann es sehr empfehlen!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Steile Welt

  1. buechermaniac schreibt:

    Vor mehr als dreissig Jahren war unsere Familie im hintersten Dorf des Onsernonetals in den Ferien. Die Strasse ist auch heute noch nur autobreit, die zweitletzte Kurve, ins Dorf hoch, ist eine Spitzkehre, man muss zurücksetzen, um im zweiten Anlauf um die Kurve zu kommen. Die Strasse ist vor der Kirche fertig, danach geht es nur noch über den unebenen Fussweg hoch zu den Häusern. Wenn es im Sommer gewittert, kracht es ganz gewaltig und ist beängstigend. Im Frühling vor einem Jahr war ich wieder einmal dort. Ich wollte sehen, ob sich etwas verändert hat, doch die Uhren dort scheinen still zu stehen. Ich kam mit einer Tessinerin ins Gespräch, deren Mann aus dem Dorf stammt. Sie kommen nur noch am Wochenende und in den Ferien her. Der Weg ist sehr lange und kurvenreich bis hinunter nach Locarno. Sie hat uns das alte Haus gezeigt, Kaffee und eigene Kirschen aufgetischt. Es war ein herzliches Gespräch und ich habe diesen Moment sehr genossen. Das Postauto kommt sehr wohl ins Dorf hoch, aber es ist einfach zu weit, um jeden Tag den Weg in die Stadt zu nehmen, deshalb wohnen nicht mehr viele Menschen dort. Es ist schade, denn es ist ein sehr schöner Fleck, aber eben auch sehr abgelegen.

    Herzliche Grüsse
    buechermaniac

    • Mila schreibt:

      Eine ähnliche Kindheitserinnerung, ebenfalls mehr als dreißig Jahre her aus dem Tessin (wenn auch in einem anderen Tal bei Sant’Antonio) habe auch ich. Wir machten jahrelang in dem kleinen Bergdorf Carena Urlaub. Das Dorf war das letzte auf dem Berg, der Postbus musste dort immer wenden, weiter ging es nur auf dem Schmugglerweg rüber nach Italien. Meine Mutter bekam regelmäßig Herzaussetzer, wenn sie uns den schmalen Pfad entlangwandern sah – daneben ging es steil bergab. Aber es war so schön: Riesige blau-schwarze Schmetterlinge. Eiskalte Gebirgsbäche. Glitzernde Steine, die wie Zwergengold aussahen.
      Heute ist da eine asphaltierte Straße.
      Liebe Petra, danke für die Erinnerungen, die du durch deinen Beitrag in mir hervorgeholt hast. Ich habe eine kleine Ewigkeit nicht mehr an das Dorf und die Erlebnisse gedacht.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielen Dank, liebe Büchermaniac, dass du deine Erinnerungen mit uns teilst. Das ist eine schöne Ergänzung zum Buch und was du schreibst, deckt sich mit meinen Vorstellungen, die ich mir inzwischen von dieser Gegend mache. Liebe Grüße!

  2. Sofasophia schreibt:

    das onsernonetal … ich bekomm heimfernweh, habe ich doch mal in der nähe gelebt. in einem anderen leben … schöner text!

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