Madame Bovary

Gustave Flauberts Madame Bovary ist ein ausgezeichneter Roman. Und wenn man dann noch bedenkt, dass Flaubert damit der Entwicklung des modernen Romans entscheidende Impulse gab, hat man schon zwei gute Gründe, ihn zu lesen.

Zunächst zur Handlung: Der junge Arzt Charles Bovary lernt bei einem seiner Krankenbesuche die reizende Emma kennen, die Tochter eines seiner Patienten, und verliebt sich in sie. Zunächst scheint sie seine Gefühle zu erwidern, doch als die beiden nach dem Tod von Bovarys erster Frau heiraten können, offenbart sich das Grundproblem Emmas, ein immer wiederkehrendes Motiv: Sie lebt in romantischer Erwartung der Erfüllung ihrer Jungmädchenträume, die sie mit entsprechender schwärmerischer Lektüre nährt und pflegt. Doch jedes Mal, wenn sie einem ihrer Träum nachjagt, offenbart sich dieser über kurz oder lang als Selbsttäuschung und wird von der Wirklichkeit eingeholt. Das wirkliche Leben ist nun mal kein Kitschroman. Unfähig, damit zurecht zu kommen, sich mit ihrem Stand und ihrem herzensguten Gatten abzufinden, strebt Emma ständig nach Höherem. Sie erkennt nicht, dass das Glück vor ihrer Nase liegen könnte. Stattdessen stürzt sie sich in Schulden und Affären, die ihr natürlich auch nicht geben, was sie sucht. So verschluckt sie das Niemandsland zwischen Sehnsucht und Realität, und am Ende muss nicht nur sie bezahlen.

Wichtig für die Gattung Roman waren bei Flauberts Werk mehrere Punkte: Erstens ist sein Roman realistisch, nicht mehr romantisch. Zweitens recherchiert er mit wissenschaftlicher Akribie Details, die nicht dringend zur Haupthandlung gehören, beispielsweise als es um die Operation eines Klumpfußes geht. Und drittens schließlich die neuartige Erzählhaltung: Der Autor erzählt ist weder als Ich-Erzähler Teil des Personals noch ein wertender und kommentierender Berichterstatter – er scheint vielmehr gar nicht vorhanden zu sein. Die Personen selbst tragen die Handlung. Die neue Erzählweise verwirklicht Flaubert mit der erlebten Rede, die den Lesenden glauben lässt, ungefiltert die Gedanken der Personen zu lesen und mit ihren Augen die Welt wahr zu nehmen.

Flaubert meinte dazu: „Der Autor muss in seinem Werk so sein wie Gott in seinem Universum, nämlich überall gegenwärtig und nirgendwo sichtbar.“ Und: „Ich schätze es nicht, das Publikum mit meiner Person zu interessieren.“ Dieses Zurücknehmen seiner eigenen Person gelingt ihm ausgezeichnet. Man ist immer ganz nah an den Personen, sieht sie gleichzeitig von innen und außen – das muss damals ein enormer Bruch mit der Tradition gewesen sein. Und einen Prozess zog der Roman auch nach sich, weil die Zensurbehörde Flaubert der Verletzung der öffentlichen Moral bezichtigte! Tja, damals war man diesbezüglich noch etwas empfindlicher. Jedenfalls: Der Roman ist absolut empfehlenswert!

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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23 Antworten zu Madame Bovary

  1. … und in einer sehr schön gebundenen Neuausgabe bei Hanser erschienen! Immer wieder lesenswert, auch den jungen Flaubert in „November“.

    Deine Lektüreempfehlungen sind famos, liebe Petra!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielen Dank, liebe Karin! Ich hatte das Buch damals ausgeliehen und habe es mir dann als Insel-Taschenbuch nachgekauft, weil ich mir dachte, dass dies eines der Bücher ist, das ich immer mal wieder lesen möchte. Hmmm, schade, dass es da die Hanser-Ausgabe noch nicht gab.

      • Mila schreibt:

        Aber danke für den Hinweis. Da hab ich ja was für meinen Wunschzettel… So für zwischendurch ist mir die Ausgabe doch etwas zu kostspielig. Herzliche Grüße, Mila

  2. muetzenfalterin schreibt:

    Stimmt, Madame Bovary c’est moi, ist ein sehr gelungenes Werk von Flaubert, allerdings finde ich deine Darstellung der armen Madame Bovary ein wenig ungerecht. Ihr Gatte ist zwar herzensgut, aber auch ein ziemlicher Langweiler und die beiden passen einfach nicht zueinander.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Wieso ungerecht, liebe Mützenfalterin? Anfangs sieht es ja noch einigermaßen gut aus für das Paar. Dass Charles als vielbeschäftigter Landarzt und ernsthafter Mensch Emmas Romanhelden nicht gerecht werden kann, ist niemandes „Schuld“. Aber Emma ist für mich der Inbegriff der romantischen Träumerin, die immer meint, das Glück sei da, wo sie gerade nicht ist. Der Gatte tut alles für sie und gibt allerley ihrer Capricen nach. Ein anderer hätte sich so manches gewiss nicht „gefallen“ lassen. Schade für Emma, dass sie es nicht schafft, vom Reich der Träume ins wirkliche Leben zu wechseln. Die Voraussetzungen für ein zumindest zufriedenes, angenehmes Leben an seiner Seite waren meiner Ansicht nach gegeben.

      • muetzenfalterin schreibt:

        sie wollte aber kein zufriedenes, angenehmes leben, sondern abenteuer, leidenschaft, romantik. sie wollte träume statt realität.

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Ja, ich weiß, deshalb ist sie ja für mich auch der Inbegriff der romantischen Träumerin. Und deshalb ist ihr Ende auch so tragisch, weil sich all die hochfliegenden Träume nicht mit den wirklichen Verhältnissen (also denen im Roman) vertrugen. Heute würde man vielleicht sagen, dass sie sehr unrealistisch ist. Die Welt ist ja leider selten so, wie wir sie uns erträumen oder wünschen, aber es hält uns niemand davon ab, unsere Träume zu realisieren. Nur denke ich, ganz ohne Sinn für die Realität wird das schwierig.

  3. chapitreonzeC schreibt:

    I love this book 🙂

  4. puzzle schreibt:

    Es gibt eine wunderbare Satire auf „Madame Bovary“, von Woody Allen, heißt: „Die Kugelmass-Episode“ > hier ist sie auf Englisch

  5. Lebensmelodie schreibt:

    Es ist DER Roman schlechthin. Nie wieder reichte auch nur ein Autor an das erzählerische Meisterwerk Flauberts heran. Und es stimmt: Hier liegt die Geburtsstunde des modernen Romans – das Antiheldentum, die temporale Elastizität, die Objektivität/Invisibilität des Erzählers und diverse maßgeblich prägende Aspekte.

  6. Susanne Haun schreibt:

    Ich beschäftige mich gerade mit Flauberts heiligen Antonius, aber Madame Bovary steht oben auf meiner Liste. Sie gibt es bei uns in der Bücherei ungekürzt als Hörbuch und ich freue mich darauf.

  7. Pingback: Side Effects | Nebenwirkungen | puzzle*

  8. Dina schreibt:

    Liebe Petra,

    es ist wirklich schön, deine Buchempfehlungen zu lesen und schon längst gelesene Bücher.
    aufzufrischen. Herzlichen Dank dafür!
    Einen guten Start in der neuen Woche wünche ich dir. Geht’s dir besser?

    Liebe Grüße aus Bonn
    Dina

  9. buechermaniac schreibt:

    Ich habe „Madame Bovary“ damals verschlungen. Ein Klassiker der Weltliteratur, den man einfach gelesen haben muss.

  10. Tobi schreibt:

    Madame Bovary ist einfach ein spitzen Buch. Habe es auch erst gelesen und meine Rezension gebloggt. Alleine sprachlich ist das Buch ein Genuss und irgendwie liebe ich diese Ehebrecherinnen Geschichten. Klasse das in diesem Blog solche Bücher vorgestellt werden!

    Liebe Grüße
    Tobi

  11. Pingback: Side Effects | Nebenwirkungen | puzzle ❀

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