Thomas Bauer zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten

Kürzlich habe ich euch Thomas Bauers Reisebericht Frankreich erfahren. Eine Umrundung per Postrad empfohlen – und konnte den Autor für ein Interview zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten gewinnen.

Thomas Bauer wurde 1976 in Stuttgart geboren. Seit Ende seines Studiums (Public Policy and Management) ist er für das Goethe-Institut in München tätig. Über seine ausgedehnten Reisen, vor allem nach Südamerika, Osteuropa und Südostasien hat er mehrere Bücher geschrieben. Darüber hinaus ist er Gründer der Stuttgarter Autorengruppe „Wortjongleure“, Sänger der französisch-spanischen Musikgruppe „mariposa“. Mitglied des BVjA und der 42er-Autoren. Mehr Infos über den Autor findet ihr auch auf seiner Website www.literaturnest.de.

Foto von Thomas Bauer

Thomas Bauer, Foto © Thomas Bauer

Was sind deine Lieblingsreiseziele und warum?

Thomas Bauer: Mich zieht es an außergewöhnliche Orte, an denen man gezwungen ist, den Radius seiner Gewohnheiten zu erweitern. Besonders spannend war zum Beispiel, als ich im nordindischen Himalayagebiet einen Schneeleoparden beobachten konnte, per Hundeschlitten durch Nordostgrönland fuhr und zu Fuß die unbekannten Ecken Europas kennenlernte. Touristisch erschlossene Sehenswürdigkeiten interessieren mich eher weniger, weil ich der Meinung bin, dass sich dort der eigentliche Charakter eines Landes nur selten zeigt.

Gibt es ein Sehnsuchtsziel, das du noch irgendwann bereisen willst?

Thomas Bauer: Eines? Es gibt Hunderte! Und mit jeder Reise werden es ein paar mehr … Toll wäre eine richtig lange Wanderung durch Madagaskar, die Fauna dort muss unglaublich spannend sein. Traumhaft schön stelle ich mir auch eine Schiffstour um Spitzbergen herum vor. Mal sehen, was die Zukunft bringt …

Machst du auch manchmal „ganz normale Reisen“, also beispielsweise zwei Wochen Griechenland, ein bisschen Strand, ein bisschen Kultur und viel Erholung?

Thomas Bauer: Ja, das kommt schon vor. Ich muss mich ja ab und zu von meinen Reisen erholen … J

Wie gründlich bereitest du dich auf eine „normale“ Reise vor – einfach buchen und los oder mit Reiseführern, Internet etc.?

Thomas Bauer: Ich lese vor einer Reise meistens Romane und Reiseberichte, die mit dem zu bereisenden Land zu tun haben. Auch surfe ich viel im Internet, um an Hintergrundinfos zu kommen. Reiseführer lese ich eigentlich nie. Dafür rufe ich zuweilen Reisebuchautoren an, die das Land bereist haben, um deren Informationen und den ein oder anderen nicht-veröffentlichten „Geheimtipp“ zu bekommen. Buchen tue ich praktisch nie etwas: Wenn ich losziehe, weiß ich zwar recht viel über das Land, alles Weitere aber lasse ich bewusst offen und schaue, was tagtäglich so passiert. Darum buche ich weder Hotels noch sonstige Angebote im Voraus.

Und wie viel mehr Aufwand ist es, eine Reise zu planen, wie etwa die Frankreichumrundung per Postrad?

Thomas Bauer: Das ist schon aufwändig. Man sollte das Gelände kennen, wissen wann es bergauf geht, sich eine realistische Gesamtstrecke vornehmen, Übernachtungs- und Nahrungsengpässe antizipieren und wissen, was man tun muss, wenn eine Schraube bricht oder man einen Platten hat. Für mich aber beginnt die Reise eigentlich schon mit dieser Vorbereitung. Im Kopf reise ich dann praktisch schon mal los – das ist pure Vorfreude!

Gibt es Reiseschriftsteller, die du besonders magst? Wenn ja, warum?

Thomas Bauer: O Gott, wo fange ich da an? Vielleicht wirklich so: Herodot, weil er als einer der ersten authentische Reiseberichte mit hohem literarischem Anspruch verfasste, die bis heute spannend und gut lesbar sind. Nicolas Bouvier, weil es schlichtweg genial ist, eine komplette Reiseerzählung („Die Erfahrung der Welt“) nach dem Verlust der Aufzeichnungen aus dem Kopf heraus nachzuerzählen – und das so packend und unmittelbar, als sei man leibhaftig dabei! Walter Bonatti, weil er alles auf sich nimmt, um das zu erreichen, was ihm wichtig ist – der Natur wirklich nahe sein und sich als ein Teil von ihr erfahren. Alfred E. Johann, weil kaum jemand den Zustand des Reisens so gekonnt beschreibt wie er. Ryszard Kapuściński, weil er Spannung mit Humor verbindet und es schafft, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ilja Trojanow, weil er fremde Welten in persönlichen Geschichten erlebbar macht. Cees Nooteboom, weil er seine beeindruckende Bildung mit dem persönlichen Erleben verbindet. Und ganz, ganz viele zu Unrecht unbekanntere Reiseschriftsteller, die es ebenfalls schaffen, in ihren Büchern Gegebenheiten, Erlebnisse und Begegnungen so zu schildern, dass sie weit über die Reise hinausdeuten.

Liest du auf Reisen, was am liebsten?

Thomas Bauer: Ja, am liebsten die oben genannten Autoren …

Schreibst du auf Reisen? Eher Privates (Briefe, Tagebuch) oder an deinen Reiseberichten?

Thomas Bauer: Natürlich, Reisen wirkt wie ein Katalysator auf den Schreibprozess. Ich schreibe eine erste Version meiner Reiseberichte grundsätzlich noch auf der Reise – selbst bei minus vierzig Grad in einem Zelt in Nordostgrönland!

Was darf in deinem Reisegepäck, von Kleidung, Hygieneartikeln etc. einmal abgesehen, niemals fehlen?

Thomas Bauer: Ein gutes Buch und mein Netbook, mit dem ich meine Eindrücke unmittelbar festhalte.

Herzlichen Dank, lieber Thomas, für das Interview!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Thomas Bauer zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten

  1. Susanne Haun schreibt:

    Ich denke auch, der erste Eindruck ist fast der wichtigste. Nie wieder wird der Schreiber genau diesen ersten spüren und beschreiben können!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das denke ich auch, liebe Susanne. In meinen Recherchen damals zu Ganz weit weg stieß ich auf in diesem Zusammenhang interessante Erfindungen, die den Reisenden das frühestmögliche Festhalten ihrer Eindrücke ermöglichen sollten. So entwickelte Zacharias Konrad von Uffenbach bereits im frühen 18. Jh. für sich eine Schnellschreibmethode, mit der er, sogar in seiner Manteltasche und von anderen unbemerkt, seine Eindrücke festhalten konnte. Im weiteren schreibe ich dazu:
      „Heute würden wir, vorausgesetzt, wir strebten nach simultaner Dokumentation, unsere Videokameras, Fotoapparate oder -handys zücken, uns Notizen machen, twittern oder simsen. Bei Reiseberichten ist es allerdings fraglich, ob es wichtig ist, alles direkt und ungefiltert festzuhalten oder ob nicht erst die Reflexion des Autors zu tieferen Erkenntnissen beiträgt. Dann mag sich zwar das Erlebte ein wenig verwischt haben, aber der Leser ist ohnehin nur zeitversetzt in der Lage, gedanklich mitzureisen. Schließlich ist die Reise längst vorbei, wenn er den Reisebericht in Händen hält oder Fotos und Filme betrachtet.“ [Aus: Ganz weit weg, S. 141f.]
      So sind sicher die schnellen Aufschriebe wichtig, um möglichst „frische“ Eindrücke zu bewahren, aber diese werden wahrscheinlich, wenn sie in ein Buch fließen, nochmals vom Autor oder der Autorin „bearbeitet“, reflektiert, sodass sich eine um zusätzliche Gedanken angereicherte Version dieser ersten Gedanken in ihren Büchern findet.

  2. Pingback: Reisenews

  3. wildgans schreibt:

    Ob er wohl auch Andreas Altmann liest oder den Büscher?
    Jedenfalls eine Bereicherung – dieses Interview. Danke.
    Gruß von Sonja

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Freut mich, dass es dir auch gefällt, liebe Sonja!

    • Thomas Bauer schreibt:

      Hallo Sonja, klar lese ich die auch – Wolfgang Büscher noch lieber als Andreas Altmann. „Berlin – Moskau“ habe ich verschlungen! Es gibt wirklich einige richtig gute Reiseschriftsteller in Deutschland – umso trauriger, dass „Reiseliteratur“ in unseren Buchläden so gut wie gar nicht vorkommt, finde ich.

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Bei uns in Karlsruhe gibt es zwei sehr gute Buchhandlungen, die eine, der Reisebuchladen, ist natürlich sowieso auf Reiseliteratur aller Art (also auch Führer, Karten etc.) spezialisiert. Die andere, der Stephanus, bietet immer wieder auch interessante Reiseliteratur zum Entdecken. Klassiker, aber auch neue Bücher – da habe ich Glück gehabt, weil ich das Genre sehr mag : )

  4. Frau Blau schreibt:

    die Unmittelbarkeit des Erlebens später aufzuschreiben entspricht einer Nacherzählung, dies wirklich lebendig zu können ist dann wohl ein Meisterwerk.
    Und ja, da ich gerade Cees Noteboom Buch für Buch lese, wird es als nächstes von ihm eins seiner Reisebücher sein! Danke für die Erinnerung und dieses tolle Interview.

    liebe Grüße
    Ulli

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