Alles über Sally

Einen „Abenteuerroman über die Ehe“ nannte einer der Rezensenten diesen Roman von Arno Geiger. Das trifft es ganz gut. Es ist eine langjährige Ehe, die Partner sind über 50, hatten aufregende Zeiten zu Beginn ihrer Liebe in Kairo, dann kam das typische Eheleben, das Kinderkriegen, das Kompromisse-Eingehen und Zusammenraufen. Inzwischen droht die Ehe ganz im Alltag zu versinken.

Sally ist genervt von ihrem Mann Alfred, der sie bedingungslos zu lieben scheint, vor allem von seinem Thrombosestrumpf, eine Art Metapher für seine selbstbespiegelnde Jammerei. Im Gegensatz zu früher hat sich Alfred für ihren Geschmack gar zu gemütlich eingerichtet, schreibt fleißig Tagebuch – sie fragt sich, worüber eigentlich – und ist entsprechend erschüttert, als die Grundfesten seines Lebens ins Wackeln geraten, weil in ihr Haus eingebrochen und vieles zerstört wurde. Sally scheint das eher als eine gewisse Abwechslung ihres Trotts zu empfinden. Um weitere Abwechslung in ihr Leben zu bringen, beginnt sie eine Affäre, doch sie wird auch keine Lösung dafür sein, mit dem Älterwerden und dem Leben an sich zurecht zu kommen.

Sehr gut geschrieben, auch die unterschiedlichen Perspektiven auf Sally (aus Alfreds Blickwinkel, dem ihrer Schüler etc.) sind spannend. Arno Geiger meinte dazu in einem Radiointerview, dass eine einseitige Perspektive eher was für Fundamentalisten oder Radikale sei … Der Rundumblick verrät zwar viel, aber nicht „alles über Sally“. Darüber erfahren wir am meisten von ihr selbst. Irgendwie gut zu wissen, dass man auch mit über 50 noch nicht so richtig erwachsen und nüchtern sein muss.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Alles über Sally

  1. buchstabenchaos schreibt:

    Als ich deine Beschreibung gelesen habe musste ich gleich an Alan Bennetts „Cosi fan tutte“ denken, englischer Humor vom feinsten, wäre sicher auch etwas für dich (wenn du es nicht ohnehin schon kennst!).
    Viele Grüße,
    Christine

  2. Frau Blau schreibt:

    Liebe Petra,
    du schreibst: Irgendwie gut zu wissen, dass man auch mit über 50 noch nicht so richtig erwachsen und nüchtern sein muss.
    meine Lehrerin aus der Weiterbildung zur naturorientierten Prozessbegleiterin sagte immer: es gibt immer noch etwas, das erwachsen werden will 😉
    und … ja, wir haben Zeit!

    Danke für diese feine Rezension. Ich komme oft gar nicht nach bei all den Büchern, die du vorstellst und die ich zum größten Teil noch nicht gelesen habe. Danke auch dafür.

    liebe Grüße Ulli

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