Die Korrekturen

Diesen hochgerühmte Roman von Jonathan Franzen las ich, nachdem ich das ebenfalls und völlig zu Recht hochgerühmte Middlesex von Eugenides gelesen hatte. Ich muss sagen, dass mir Letzteres deutlich besser gefiel: Es war ungewöhnlicher, spannender und flüssiger erzählt und hat mich persönlich auch einfach mehr interessiert. Vielleicht wäre mein Urteil über die Korrekturen positiver ausgefallen, wenn ich es vor Middlesex gelesen hätte, wer weiß.

Auch in Korrekturen geht es um das beliebte Thema Familie und ihre Dramen. Franzen fallen dazu jede Menge, größtenteils auch sehr gelungene Variationen ein. Aber sie sind für meinen Geschmack etwas langatmig erzählt. Ich las parallel noch drei andere Bücher, und jedes zu Ende, ehe ich endlich auch die Korrekturen beendete. Das mag für sich sprechen.

Zur Story: Es geht um eine Familie aus dem Mittleren Westen. Mutter Enid möchte ein letztes Weihnachtsfest mit allen drei Kindern und am liebsten auch deren Familien, so weit vorhanden, feiern. Ihr geht es stark um Außenwirkung und sie hätte es auch gern ein klein bisschen besser gehabt, als sie es an der Seite ihres herrischen, nach außen hin etwas gefühlsarmen Mannes Alfred hatte. Mittlerweile ist Alfred sehr krank: Demenz, Parkinson, dazu ist er noch verstockter als früher.

Während sich Enid um ein letztes äußeres Zeichen von Familie bemüht, driften ihre Kinder immer weiter ab. Die Tochter Denise, Meisterköchin in einem Nobelrestaurant, verliert sich in sinnlosen Affären, der mittlere Sohn, Chip, hat wegen einer Affäre seine Stelle als Literaturdozent verloren und schlägt sich als unbekannter Drehbuchautor durchs Leben. Nur der älteste Sohn, Gary, scheint ein mustergültiges Leben zu führen. Dass der Preis dafür von seiner Frau bestimmt wird, erfährt man erst nach und nach.

Und so, wie Enid zum Sammeln neigt und selbst vergammeltes Essen oder unsinnige Gegenstände nicht wegschmeißen kann, sind auch die anderen Familienmitglieder in ihren Mustern und Zwängen gefangen, die sie nicht abschütteln können. Sie zu erkennen hilft zumindest einigen von ihnen, besser damit zurecht zu kommen. Weder können die Kinder das Leben der Eltern korrigieren, noch kann Enid ihren Mann Alfred korrigieren oder das Mittel Korrektal seine Krankheit. Das einzige, was unablässig korrigiert wird, ist das Drehbuch von Chip, das bis zum Ende des Romans nicht zur Verfilmung gelangt.

Der Roman ist keineswegs schlecht, aber auch nicht so berauschend, wie mich die Kritik damals glauben ließ.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Die Korrekturen

  1. buchstabenchaos schreibt:

    Mir ging es auch so, ich war von „Die Korrekturen“ enttäuscht, aber meine Erwartungen waren durch die vielen begeisterten Kritiken wohl auch etwas zu hoch gesteckt. Ich war richtig froh, als ich endlich damit fertig war und habe zwischendurch anderen Büchern den Vorzug gegeben.

  2. Valeat schreibt:

    Einspruch: Ich war damals begeistert von den „Korrekturen“ und freue mich immer wieder über ein neues Werk von Jonathan Franzen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, eine Gegenstimme : ) Ich habe bisher nichts mehr von Franzen gelesen, vielleicht sollte ich … Tipps?

      • Valeat schreibt:

        Darf ich noch antworten, nach all den Tagen? Fast alles habe ich von Franzen gelesen, aber „Die Korrekturen“ waren meine erste Begegnung – und die ist ja bekanntlich prägend. „Freiheit“ habe ich hier im Blog vorgestellt. Wenn Du nach Tipps fragst, dann ist das für mich als Franzen-Fan schwierig. Vielleicht zwei Geheimtipps: Die Essays in „Anleitungen zum Alleinsein“ sind vortrefflich, die autobiografischen Geschichten in „Die Unruhezone“ anrührend und sehr lesenswert.

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Die Essays klingen sehr gut, die werde ich mir mal ansehen. Lieben Dank für die Tipps!

  3. caterina schreibt:

    Ich schließe mich Valeats Meinung an, auch mich haben Die Korrekturen damals sehr beeindruckt. Leider war es bisher meine einzige Begegnung mit Franzen, aber weitere werden sicher noch folgen.

  4. laura schreibt:

    Noch um Längen besser als „Die Korrekturen“ fand ich „Freiheit“, das auch eine ausführliche Familiengeschichte beinhaltet, aber um einiges spannender und tiefer recherchiert, sowie besser erzählt ist als der Vorgänger. „Freiheit“ ist für Katja und mich ein Jahreshighlight gewesen. Ansonsten kann ich mich nur Valeat anschließen und dir seine Essays empfehlen. Sowohl „How to be alone“, als auch „Farther Away“. Winterliche Grüße!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Laura, ich erinnere mich, das Buch spielt auch bei euren Leseplätzchen eine Rolle : ) Ich habe jetzt die Essays und werde sie demnächst lesen, ich bin gespannt! Liebe Grüße aus dem eiskalten Karlsruhe

  5. cogitarre schreibt:

    Ich finde Frantzens Stil (soweit man sich das Urteil bei einer Übersetzung erlauben darf) sehr gut lesbar, war aber von der Geschichte etwas enttäuscht, was aber auch an den von der Kritik hoch geschürten Erwartungen liegen dürfte.
    „Freiheit“ liegt schon auf meinem Nachttisch. Nachdem ich Kehlmann (Kaminski und ich) ausgelesen habe,werde ich mich zwischen Franz Hohler und Frantzen entscheiden.
    Letzte Frühjahrsgrüße vor dem erneuten Wintereinzug!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Manchmal sollte man vielleicht gar nicht so viele Jubelrezis im Feuilleton lesen, damit man sich von den Superlativen nicht beeinflussen lässt. „Freiheit“ scheint sehr lesenswert zu sein, das werde ich vielleicht mal lesen. Den Kehlmann fand ich ganz gut, gefällt er dir bisher? Liebe Grüße!

      • cogitarre schreibt:

        Kehlmann finde ich genial. Ich bin immer auf der Suche nach neuen deutschsprachigen Autoren, um der Problematik mit der Übersetzung aus derm Weg zu gehen. „Die Vermessung der Welt“ und vor allem auch „Ruhm“ haben mich begeistert. „Ich und Kaminski“ stehen dem bisher nicht nach. Ob danach zuerst Frantzens „Freiheit“ oder Hohlers „Es klopft“ an die Reihe kommt, werde ich aus dem Bauch heraus entscheiden.
        Viele Grüße!

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        „Die Vermessung“ und „Ruhm“ haben mir auch besonders gut gefallen : )

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s