Der Prinzipal

Der Prinzipal ist eine runde, modern gelungene Novelle von Bodo Kirchoff, die mich sprachlich und inhaltlich sofort in ihren Bann schlug. Das liegt auch an der interessanten Inszenierung: Die Geschichte entspinnt sich zwischen einem Großvater, der es gewohnt ist, sich ins Bild zu setzen, zu inszenieren und der von der Öffentlichkeit meist über den Filter aufnehmender/wiedergebender Medien wahrgenommen wird, und seinem Enkel, der fast die ganze Novelle lang seinen Großvater filmt. Selbst Teile der Familie scheinen sich mit einem vermittelnden Gerät zwischen sich und dem jovialen „Prinzipal“, wie der einst erfolgsverwöhnte Geschäftsmann sich gern nennen lässt, wohler zu fühlen. Die Tochter ist Fotografin geworden. Die Gattin hat sich mit allem arrangiert, hält trotz allem gemeinsam mit dem Großvater an der Ehe fest. Vielleicht hat sie sich zu sehr an den Luxus, das gute Leben gewöhnt, das ihr Mann ihr bieten kann.

Der Großvater ist über eine Bestechungsaffäre gestürzt: Er hat seinen Spezis eine Reise nach Kuba inklusive Liebesdiensten spendiert. Die Parallelen zu tatsächlichen Ereignissen sind durchaus zu erkennen. Doch der Großvater wäre eben nicht jener großspurige Prinzipal, wenn ihm das die Laune und das Selbstbild verderben würde. Zumindest gibt er sich so vor der Kamera seines Enkels, mit dem er bislang kaum Kontakt hatte. Vigo, der Enkel, möchte an einer Filmhochschule aufgenommen werden und man ahnt beim Lesen, dass der Film über seinen Großvater für die Aufnahmeprüfung gedacht ist.

Die beiden begeben sich auf das Boot des Großvaters. So still, wie Vigo ist, so laut und fast unentwegt redend, plaudernd, neckend gibt sich der selbstgefällige Großvater. Er schwadroniert über sich, das Leben, die Liebe und die Frauen, die Familie, Arbeit und Politik, erfreut sich bester Gesundheit, zeigt sich als Genussmensch, trinkt, schwimmt, zeigt und erzählt, was er hat und kann. Ein Typ, der sich auch aus den übelsten Geschichten, dem dicksten Schlamm selbst am Schopfe herauszuziehen vermag. Immer noch, an seinem 64. Geburtstag, voller Vitalität und ungebrochen vom Skandal, der ihn gesellschaftlich vom Sockel stürzte. Warum auch nicht, seine Schäfchen hat er schon lange im Trockenen, er hat auch viel Gutes bewirkt, davon ist er überzeugt. Aber es wird ihn noch treffen, ganz am Ende. Aus dem innersten Kreis trifft es ihn und stellt alles in Frage, sein Leben, sich selbst.

Der Kniff mit dem Enkel und der Kamera ist genial, schon die ersten Zeilen lesen sich wie Regieanweisungen: „Ein Tag im Spätsommer am größten oberitalienischen See, dort, wo er sich nach Süden weitet, ein Garten mit Olivenbäumen. Endloses Tönen zweier Zikaden in der Stille über einem Ort mit steinernem Uhrturm und blassroten Schindeln, mit Zypressen wie Federkiele vor zittrigem Wasser; ein Haus in bevorzugter Lage.“ [S. 7] Auch frisch, die „Zypressen wie Federkiele“, die zum einen ein altmodisches Bild – passend zu dem „Principale“, dem renaissancehaften Genussmenschen – evozieren, zum anderen auf eine Dokumentation hindeuten. Nur, dass hier mit der Kamera dokumentiert wird, nicht mit dem Federkiel. Immer wieder auch Zooms auf den Großvater, Wechsel auf den See … man kann sich die Novelle bereits beim Lesen wie einen Film vorstellen.

Was aber ist des Enkels Motiv? Rache, Lieblosigkeit? Obwohl mir der Großvater nicht gerade sympathisch war, tat er mir am Ende leid. Er wurde an seinem einzigen Schwachpunkt getroffen, seine Reaktion zeigt, dass er durchaus nicht kalt oder gefühllos ist. Dagegen kommen mir die Tochter und der Enkel ziemlich gefühllos vor. Was erhoffte sich der Enkel von seinem Film? Den Großvater zu demaskieren? Das allerdings gelingt ihm kaum, erst „off the record“ kann zumindest der Leser hinter die Fassade schauen. Die Rache funktioniert, sie mag die Tochter und den Enkel befriedigen, mich hat sie eher traurig gemacht.

Unbedingt lesenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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