Der Außenseiter

Dieser Roman von Sadie Jones ist meisterlich: In präziser, fast emotionsloser Sprache – und vielleicht gerade deshalb besonders eindringlich – wird die Geschichte von Lewis erzählt. Es beginnt mit seiner Gefängnisentlassung 1957. Zwei Jahre saß der inzwischen 19jährige wegen einer noch nicht näher benannten Tat ein. Dann folgt ein Rückblick ab dem Jahr 1945, in dem sein Vater Gilbert aus dem Krieg zurückkehrte. Die Beziehung zu seinem Vater ist von Anfang an schwierig. Sie haben sich vier Jahre nicht gesehen und in diesen Jahren hat sich Lewis natürlich eng seiner Mutter angeschlossen, die an der Enge des englischen Dorfs zu ersticken scheint. Auch sie ist im Grunde eine Außenseiterin, die allerdings gerade noch so von der dörflichen Gemeinschaft akzeptiert wird. Lewis liebt die Ausflüge mit seiner Mutter, die Picknicks am Ufer des Flusses, doch eines ertrinkt sie und Lewis Leben nimmt einen verhängnisvollen Lauf.

Der Vater heiratet bald darauf eine junge Frau, die sich um den kleinen Lewis bemüht, aber er zieht sich immer mehr zurück und wird schließlich aufs Internat geschickt. Lewis gerät immer wieder in Schwierigkeiten, niemand spricht mit ihm, niemand interessiert sich wirklich für seine Probleme, und bei der scheinbar unbeschwerten Dorfjugend macht er sich keine Freunde. Er beginnt zu trinken.

Sehr gut beschrieben ist die bedrückende Atmosphäre im Dorf, der Einfluss dieser diffusen Gemeinschaft auf das Schicksal ihrer Mitglieder, insbesondere auf diejenigen, die sich den ungeschriebenen Gesetzen nicht beugen, und das gesellschaftliche Leben, das von dem Industriellen Dicky beherrscht wird, dem Chef von Gilbert. Doch der selbstgefällige, frömmlerische Dicky ist in Wirklichkeit ein grausamer Ehemann und Vater. Besonders seine Tochter Kit leidet unter dem bigotten Doppelleben.

Lewis indessen taumelt von einer Katastrophe in die nächste. Jede Hoffnung, die in ihm aufkeimt, wird zunichte gemacht. Beim Lesen ahnt man ständig, dass gleich wieder etwas grässlich schief gehen wird, und so ist es dann meist auch, aber immer etwas anders als erwartet. Ich finde den Roman äußerst empfehlenswert!

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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