Let the Great World Spin

Das ist ein ganz wunderbarer Roman von Colum McCann, den ich besonders all denen ans Herz legen möchte, die sich schon für Kate Atkinson (als sie noch keine Krimis schrieb) begeistern konnten.

Dreh- und Angelpunkt der zunächst unabhängig scheinenden Miniatur-Biographien, die dann aber doch alle miteinander verbunden sind, ist der berühmte Hochseilakt von Philippe Petit. 1974 spannte er ein Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Centers und balancierte über den Abgrund, ja, er ging nicht nur, er lief, er hüpfte, er legte sich sogar auf das Seil. Das ist an sich schon eine irre Story, aber natürlich nur der Anfang.

Der Roman spielt im selben Jahr und es geht um lauter höchst verschiedene Menschen, die Zeugen dieses Ereignisses wurden – oder es verpassten. Dabei wird weniger die Wirkung des Kunststücks auf die Menschen in den Mittelpunkt gestellt, es geht vielmehr um ihre persönlichen Schicksale: Ein Ordensbruder aus Irland, der im heruntergekommensten Viertel von New York zwischen Prostituierten und Zuhältern lebt und versucht, das Leben wenigstens im Kleinen ein bisschen besser zu machen, sein Bruder, der ihn „retten“ will und fast bis zum Ende nicht versteht, worum es ihm geht. Eine Frau, die ihren Sohn im Krieg verloren hat, und sich einer Selbsthilfegruppe von Müttern angeschlossen hat, die das gleiche Schicksal teilen (übrigens eine interessante Geschichte darüber, dass es nicht nur Vorteile hat, auf der Upper East Side zu leben). Eine Prostituierte, die ihre Tochter bei einem Unfall verloren hat und während ihres Gefängnisaufenthalts in kleinen Schnipseln von sich, ihrem Leben und ihrer Lebensphilosophie erzählt. Ein Richter, der sich wünscht, den Fall des verrückten Hochseilkünstlers zu vertreten. Der Künstler selbst, der sich auf seinen großen Moment vorbereitet – das sind nur einige der Storys, die dem Leser begegnen.

Das Faszinierende an dem Roman ist, abgesehen vom Inhalt, dass es der Autor versteht, jeder Figur ihre eigene und absolut authentisch klingende Stimme zu geben. Sprachlich und inhaltlich ein Meisterwerk!

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s