Risiken & Nebenwirkungen

Wieder ein ungewöhnlicher, fantastischer Roman von Enrique Vila-Matas, der sich besonders gut für all jene eignet, die ein bisschen unter der gleichen „Krankheit“ leiden, wie die Hauptfigur: an Literaturbesessenheit.

Von Enrique Vila-Matas habe ich schon einige Bücher gelesen, zum Beispiel Dada aus dem Koffer, Paris hat kein Ende und Bartleby & Co., das ich euch bereits empfohlen habe. Nun also Risiken & Nebenwirkungen. Auch dieses Buch wieder, wie die vorgenannten, ein überaus geistreiches Spiel um Literatur und Schriftsteller. Diesmal bezieht sich der Autor nicht nur auf andere Autoren, sondern auch auf sich selbst, auf sein eigenes literarisches Schaffen. Und damit erfüllt er perfekt jenen „literarischen Vampirismus“, dessen sich der Erzähler Rosario selbst bezichtigt. Doch zunächst zur Handlung des in fünf Teile gegliederten Romans.

I. Risiken & Nebenwirkungen

Der erste Teil, betitelt mit „Risiken & Nebenwirkungen“, ist eine Erzählung aus Sicht eines literaturkranken Literaturkritikers (Rosario) mit schreibblockiertem Schriftstellersohn (Montano). Montano führt eine Buchhandlung in Nantes und hat eine Schreibblockade, nachdem er ein Buch über Schriftsteller mit Schreibhemmung veröffentlicht hat – Bartleby & Co. lässt grüßen. Rosario geht ganz auf in der Literatur, zieht ständig literarische Vergleiche und denkt quasi in Literatur, womit er seiner Gefährtin Rosa und seinem Freund Tongoy zunehmend auf den Wecker fällt. Am liebsten will sich Rosario selbst in Literatur verwandeln, um ihr Schicksal aufzuhalten, nämlich ihre Zerstörung. Dazu reist er umher, doch anstatt sich zu heilen, steigert sich seine Literaturbesessenheit. Er führt darüber Tagebuch – und das ist es, was wir als Lesepublikum gerade lesen. Seine Aufzeichnungen ergeben die Erzählung, kein „echtes“ Tagebuch, sondern ein fiktives, wie man im zweiten Teil des Romans erfährt.

II. Lexikon der zaghaften Liebe zum Leben

Im zweiten Teil erklärt Rosario, der eigentlich José heißt (sein Pseudonym entlieh er dem Namen seiner Mutter), wie er seine Erzählung entwickelt hat, wie bestimmte Szenen aus seinem wirklichen Leben ihn beeinflusst oder inspiriert haben, literarisch wurden – wie also sein Leben Literatur geworden ist. Außerdem erstellt er ein Lexikon berühmter Tagebuchschreiber, die ihm viel bedeuteten und die ihn in seiner schriftstellerischen Entwicklung beeinflusst haben. Allerdings hier weniger in der Art von Bartleby & Co., da man am Ende mehr über Rosario zu wissen glaubt als über die Tagebuchschreiber. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass manche der Autoren fiktiv sein könnten (wie schon bei den Bartlebys) und hatte Gombrowicz in Verdacht. Doch nach Klick auf Wikipedia stellte ich nicht nur fest, dass es Witold Gombrowicz sehr wohl gab, sondern auch, dass Vila-Matas mit der Nennung bestimmter Autoren gleichzeitig Spuren streut für die Lesart seines Romans. So heißt es bei Wikipedia zu Gombrowicz:

„Den Bruch mit den Konventionen und steifen Formen vollzieht Gombrowicz in seinen Werken nicht nur inhaltlich, sondern überträgt ihn auch auf die Werkform und Werksprache. Er experimentiert mit historisch bewährten literarischen Gattungen, vermischt sie miteinander und übersetzt sie in seine persönliche Sprache. Die daraus resultierende Form ist eine „Unform“, seine Romane werden zu „Antiromanen“.

Diesen Vorwurf könnte man auch Vila-Matas machen, wenn man eine derart schon fast religiös-dogmatische Ausdrucksweise mag – Antiroman! Nur, weil ein Roman sich nicht an die traditionelle Machart hält. Vermutlich von Literaturpuritanern erfunden für alles, was nicht in ihren Kanon passt. Well. Kritik wird ja häufig negativ mit „Beanstandung“ statt mit der neutraleren „Beurteilung“ konnotiert. Interessanter Gedanke, übrigens: Vielleicht sind manche Literaturkritiker eigentlich gar keine Literaturliebhaber, sondern wollen die Literatur lieber beanstanden?

Zurück zum zweiten Teil. Immer wieder erzählt Rosario von seiner Mutter, deren geheimes Tagebuch er nach ihrem Tode fand und das sein Bild von seiner Mutter in den Grundfesten erschütterte. Sie war zutiefst unglücklich mit ihrem Leben, sie schrieb Gedichte und einen Essay mit dem Titel „Budapester Theorie“, worin es übrigens weder um Budapest noch um eine Theorie geht.

III. Budapester Theorie

Im dritten Teil geht es um einen Vortrag, den Rosario in Budapest halten soll – und wieder verschwimmen literarische Fakten mit seinem eigenen Leben und dem literarischen Schaffen Vila-Matas‘. Denn dieser Teil ist zugleich der Vortrag selbst, etwas, was Vila-Matas bereits in Paris hat kein Ende durchgespielt hat. Eigentlich soll es in dem Vortrag um Tagebücher – Rosarios Lebensthema – gehen, doch er driftet immer weiter ab zu seinem eigenen Leben, vor allem zu seiner Überzeugung, dass ihn seine Gefährtin Rosa gerade jetzt mit seinem besten Freund betrügt.

IV. Tagebuch eines Betrogenen

Im vierten Teil verlieren sich die gewohnten Verlässlichkeiten bis zur Auflösung. Obwohl es hier um Rosarios Tagebuch geht, wie er weiterlebt nach dem vermuteten Betrug, um seine Flucht aus seinem bisherigen Leben, wechselt der Erzähler die Stimme von der ersten Person Singular in die zweite. Zeitangaben sind nicht mehr verlässlich, Dreh- und Angelpunkt ist der 11. September, ein Datum, das alle Leser kennen werden, und das „Tagebuch“, das chronologisch geführt zu sein scheint, springt vor und zurück und wechselt ständig den Ort. Erst als Rosario von einem Bekannten entdeckt wird und nach Hause zu Rosa zurückkehrt, wechselt die Erzählperspektive wieder in die erste Person Singular, als sei er zu Hause „Ich“, er selbst, und nicht das beobachtete Gegenüber. Während seiner Flucht besucht er Orte, an denen er sich einst wohlfühlte, sowie Orte des Todes, etwa das Zimmer, in dem Kafka starb.

V. Erlösung des Geistes

Der letzte, im Verhältnis zu den vorherigen Teilen sehr kurze Teil beschreibt Rosarios Besuch eines Literaturkongresses in den Alpen und endet mit seiner Begegnung mit Robert Musil. Überhaupt begegnen einem beim Lesen viele gute Bekannte: Sebald, Walser, Musil, Canetti, Kafka, Jünger und etliche mehr.

Literarischer Vampirismus

Faszinierend fand ich Rosarios Gedanken um den „literarischen Vampirismus“. Rosario bezeichnet sich selbst mehrfach als Vampir, als literarischen Parasiten, der sich von den Sätzen und Gedanken bewunderter Autoren nährt und schließlich sogar zum literarischen Parasiten seines eigenen Lebens wird, indem er beschließt, sein Tagebuch über seine Literaturbesessenheit in eine Erzählung zu verwandeln. Dies ist nicht nur ein interessanter erzählerischer Schachzug, sondern überhaupt ein interessanter Gedanke: Sind nicht alle Leser in gewisser Weise literarische Parasiten, die von den Geschichten und Gedanken der Autoren zehren? Die Autoren wiederum von jenen Autoren, die sie literarisch beeinflussten? Denken sie manchmal, wenn sie eine bestimmte Formulierung schreiben „ist das wirklich von mir oder habe ich das irgendwo gelesen und für so gut befunden, dass ich es mir einverleibt habe und nun denke, es gehöre mir?“ (Ich denke das manchmal und hoffe dann immer, dass es wirklich „nur“ meine eigenen Sätze und Gedanken sind.) Und die Literaturwissenschaftler und -kritiker, die davon profitieren, sich mit der Interpretation von oder der Kritik an Büchern ihr Brot verdienen – also auch im physischen Sinne von Literatur ernähren? Leiden wir nicht alle an literarischem Vampirismus?

Rezeption

Nicht alle Kritiker waren begeistert von Risiken & Nebenwirkungen. Es ist in der Tat kein leicht plätscherndes Lesevergnügen, aber deshalb liest man Enrique Vila-Matas nicht. Ich zumindest bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von seinen Einfällen, Literatur, literarische und literaturgeschichtliche Versatzstücke zu etwas Neuem zu komponieren. Man warf dem Erfolgsautor vor, Metafiktion sei out und die Reihung literarischer Reflexionen ergebe nicht genug Stoff für einen Roman. Einige waren schlichtweg gelangweilt. Natürlich, es ist anstrengend, Vila-Matas zu lesen, aber es lohnt sich jedes Mal. Überdies sollte man sich klar machen, dass Schriftsteller nicht für Kritiker schreiben, sondern für Leser. Nicht jeder für alle, aber jedes Buch findet seine Leser, die davon begeistert sind. De gustibus et coloribus …

Nur wenige erkennen den spielerischen Umgang mit Erinnerung, Wahrheit und Fantasie an, Vila-Matas‘ Schreiben über das Schreiben (das eigene und das anderer Autoren). Und was ist denn die Basis, um „Metafiktion“ schreiben zu können, zu wollen? Literaturbegeisterung! Und Rosario wie sein Erdenker Enrique Vila-Matas sind auf jeden Fall Männer mit großem Herz und Geist für die Literatur. Wer dies von sich selbst glaubt, findet sicher seinen Zugang zu diesem lesenswerten Roman.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Risiken & Nebenwirkungen

  1. Frau Blau schreibt:

    „Sind nicht alle Leser in gewisser Weise literarische Parasiten, die von den Geschichten und Gedanken der Autoren zehren? Die Autoren wiederum von jenen Autoren, die sie literarisch beeinflussten? Denken sie manchmal, wenn sie eine bestimmte Formulierung schreiben „ist das wirklich von mir oder habe ich das irgendwo gelesen und für so gut befunden, dass ich es mir einverleibt habe und nun denke, es gehöre mir?“
    diese Frage möchte ich mit einem schlichten JA beantworten … ich nenne es Inspiration

    gut gefällt mir auch dieser Satz: „Überdies sollte man sich klar machen, dass Schriftsteller nicht für Kritiker schreiben, sondern für Leser. „, sowie die Vermutung ob manche Literaturkritiker nicht literaturbesessen sind, sondern verkappte Literaturgegner-

    insgesamt wieder einmal ein toller Artikel, der neugierig aufs Werk macht

    herzliche Grüße
    Ulli

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Ulli! Wenn du auch ein bisschen literaturbesessen bist, gefällt dir das Buch hoffentlich auch : )

      • Frau Blau schreibt:

        manchmal denke ich, dass ich schon fast ZU literaturbesessen bin und ehrlich … ich komme kaum nach mit meiner Wunschliste und schon gar nicht sie abzuhaken … gerade lese ich von Sabine Bode: die vergessene Generation- passt sehr zu meinem GroßMütterProjekt
        ich wünsche dir ein feines WE
        herzliche Grüße Ulli

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Kann man ZU literaturbesessen sein? ; ) Ja, sicher, wenn man aus Bibliophilie kriminell wird, ist das sicher schlecht, aber wir sind ja zum Glück von den Texten besessen, nicht von den materiellen Werten.
        Ist es nicht wunderbar, wie man immer die Bücher findet, die zum Leben, zur aktuellen Situation passen? Oder verändern wir – in unserer Literaturbesessenheit – unser Leben unter Einfluss der Bücher?
        Auch dir ein wunderschönes Wochenende, liebe Ulli!

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich schließe mich Ulli an, dir ist wieder einmal ein toller, spannender und sehr lesenswerter Artikel gelungen. Chapeau! 🙂

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Ach, danke liebe Petra,
    dass ich mal wieder feststellen durfte, an der beschriebenen Kankheit zu leiden.
    Risiken und Nebenwikungen werden dabei gerne in Kauf genommen, zumal diese Erkrankung bei mir ja eher im Verborgenen wirkt … 😉
    Danke für diesen feinen Artikel,
    herzlich, mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich freue mich, liebe mb, dass dir der Artikel gefällt und dich offenbar persönlich betrifft : ) Ja, diese Krankheit – ist sie nicht herrlich? Die angenehmste Krankheit, die ich mir vorstellen kann! Liebe Grüße!

  4. Sofasophia schreibt:

    bin fast sicher, dass mir das gefallen könnte. ein bisschen muss ich an gaarders geschichtenerzähler denken, der sich an seinen eigenen geschichten ja auch irgendwie immer wieder sattgegessen hat. nur anders.
    danke für die spannende rezension!
    herzlich, soso

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Soso, freut mich, dass die der Tipp gefällt. Allerdings ist Gaarders Roman dagegen ein „richtiger“ Roman mit einer üblichen Struktur, Vila-Matas ist schon „ausgefallener“, aber unbedingt lesenswert. Liebe Grüße!

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