Die Tagebücher des Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz‘ Tagebücher, die die Jahre 1982 bis 2001 umfassen, kann ich sehr empfehlen. Auf dem Buchrücken ein vollmundiges Zitat von Frank Schirrmacher: „Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik!“ Ich hatte also durchaus hohe Erwartungen an die Tagebücher, die sich bestens erfüllten.

Raddatz – what a man! Jahrgang 1931 mit hochinteressantem Lebenslauf: Er studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Amerikanistik, promovierte und habilitierte, war von 1953 bis 58 Leiter der Auslandsabteilung beim Ost-Berliner Verlag Volk und Welt, kehrte anschließend zurück in die Bundesrepublik, war von 1960 bis 69 stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags, von 1977 bis 85 Chef des ZEIT-Feuilletons, wo er über eine Kleinigkeit/Kleinlichkeit stolperte, dennoch wohl dort „gebraucht“, da er bis 2001 weiter für die ZEIT als Kulturkorrespondent tätig war. Außerdem seit 1969 Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung, Herausgeber, Übersetzer, Autor – ein Homme de lettres in vielerley Hinsicht.

Sicher kein „leichter“ Typ, in keiner Hinsicht. Feinsinnig, mit scharfer Zunge, auch arrogant, sehr kritisch – gegenüber Freunden wie Feinden. Raddatz kennt den Literaturbetrieb wie vielleicht kein Zweiter. Geistreich, witzig, hochempfindlich, wenn es um ihn selbst geht, aber eiskalt, wenn es um andere geht, bergen seine Tagebücher Literaturtratsch vom Feinsten. Da er alle persönlich kennt, sind seine Spitzen nicht nur von purer Literaturkritik, sondern eben auch und vor allem von den persönlichen Eindrücken geprägt, die er über die Jahrzehnte gewinnen konnte.

Einerseits ist er ein großzügiger Gastgeber, der seine Gäste gern mit den besten Speisen und Getränken bewirtet. Andererseits rechnet er kleinlich auf, wer ihm nun gerade nicht die gleiche Ehre zuteil werden ließ, bei wem der Sekt schlecht war, das Essen lieblos, wer ihn seine Rechnungen selbst (und manchmal auch die des „Einladenden“) begleichen ließ. Es liest sich viel Einerseits und Andererseits über Raddatz heraus.

Finanzielles gehört überhaupt zu den Themen, die ihn immer wieder beschäftigen. Obwohl gut situiert mit mehreren Wohnungen, u. a. auf Sylt, später auch in Nizza, Kunst sammelnd und im Rufe eines Dandys stehend, viel reisend, gern gut essend und logierend, lassen ihn die Geldsorgen niemals ruhen. Für „Normalverdienende“ klingt das zuweilen nach Jammern auf sehr hohem Niveau. Doch wer will schon den einmal erreichten Status aufgeben.

Unbarmherzig deckt Raddatz Intrigen, Egozentrik, Geklüngel, Empfindlichkeiten, Missverständnisse und Eitelkeiten des Literaturbetriebs auf, deren Teil er selbst ist. Grass, Karasek, Rühmkorf, Enzensberger, Helmut Schmidt, Marion Dönhoff, Ulrich Wickert – um nur ein paar Namen zu nennen – sie alle spießt Raddatz‘ spitze Feder auf. Meine Lieblingsanekdote aus den Tagebüchern ist die von seinem Gespräch mit einem Schriftsteller, der zunächst lange über sich selbst schwadroniert und sich dann an Raddatz wendet mit den Worten: „Und nun zu Ihnen – haben Sie mein neustes Buch gelesen?“ (S. 715).

Eine sehr amüsante, manchmal traurige Mischung aus ernsten und weniger ernsten Themen, Selbstbespiegelung, Tratsch, voller genial aufblitzender Gedanken und hellsichtiger Analysen. Ich hätte gern noch mehr in seinen Tagebüchern, auch früherer Jahre, gelesen. Jedenfalls machten sie mir Lust auf Raddatz‘ Bücher über Karl Marx, Heinrich Heine, William Faulkner und viele weitere. 2012 ist übrigens sein Bestiarium der deutschen Literatur erschienen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Die Tagebücher des Fritz J. Raddatz

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Ach, ich habe dieses Buch, komme aber nie dazu es zu lesen. Obwohl mir der Anfang, den ich dann doch einmal gemacht habe, sehr gefallen hat.

  2. kormoranflug schreibt:

    Nichts für mein Gemüt.

  3. nweiss2013 schreibt:

    Ich habe mein Exemplar in einem Rutsch, vom 5.-31.12.2012, durchgelesen. Ein sehr spannendes Buch! Ganz anders, aber eine sehr schöne Ergänzung ist Hans Werner Richters Tagebuch „Mittendrin“, in dem es um die Gruppe 47 geht, deren Mitglieder ja auch prominent bei FJR vorkommen.

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