Meine Amélie-Nothomb-Phase

Geht es euch auch manchmal so: Ihr lest ein Buch, das euch so gut gefällt, sodass ihr gleich alle weiteren Bücher der Autorin oder des Autors lesen wollt? So ging es mir schon oft. Früher passierte mir das beispielsweise mit Stephen King, Françoise Sagan oder Walter Satterthwait. Und vor ein paar Jahren hatte ich meine Amélie-Nothomb-Phase. Die kleinen, unterhaltsamen Geschichten lesen sich schnell weg. Amélie Nothomb sprüht vor Phantasie und ungewöhnlichen Einfällen und übertreibt gekonnt, ohne ins völlig Surreale abzugleiten. Ihre Bücher lassen sich zwar rasch verschlingen, aber nicht leicht vergessen. Nachfolgend stelle ich euch ein paar ihrer Bücher vor.

Quecksilber

Auf einer kleinen Insel haust ein Kapitän mit seinen Schergen und seiner jungen Ziehtochter Hazel. Er ist 77 und sie wird 23. Der Altersunterschied hält den Kapitän nicht davon ab, dem Mädchen seine Liebe und seinen Körper aufzudrängen. Zudem hat er um sie beide einen großen Kokon aus Lügen gesponnen, um Hazel nicht zu verlieren. Den will die junge Krankenschwester Francoise zerstören, um das Mädchen zu befreien. Aber ist alles so einfach? Will Hazel befreit werden? Ist der Kapitän ein Ungeheuer? Oder ist alles viel komplexer? Ein kleiner Geniestreich mit spannenden Enden.

Der Professor

Ein Paar im Rentenalter hat sich seinen Lebenstraum mit dem Kauf eines abgeschiedenen Hauses auf dem Lande erfüllt. Sehr einfühlsam wird die Beziehung des Paares aus der Sicht des Mannes beschrieben, wie sie sich als Kinder kennen lernten und sofort wussten, dass sie zueinander gehören – ohne je einen Zweifel zu haben. Ihre Ehe ist geprägt von ruhiger Harmonie und einem Ineinander-Aufgehen, so dass sie sich selbst genug sind. Umso schlimmer für sie, dass der einziger Nachbar in der Umgebung sich als ungeliebter Dauergast entpuppt, dessen Besuchen und Ansprüchen man kaum entrinnen kann.

Wer je einen nervigen Nachbarn hatte, der alle naslang an der Tür klingelt unter dem Vorwand, sich etwas leihen zu wollen, oder der ständig auf einen Kaffee eingeladen werden will, kann dem alten Ehepaar seinen Unmut sicher bestens nachfühlen. Aber, wie schon in Quecksilber, kommt auch diesmal alles etwas anders als vermutet.

Mit Staunen und Zittern

Auch dieses schmale Bändchen unterhält ausgezeichnet: Eine junge Belgierin erzählt von ihrem Versuch, bei einer japanischen Firma zu arbeiten und vielleicht ein bisschen Karriere zu machen. Doch da in Japan alles ganz anders funktioniert als in einem europäischen Unternehmen, macht sie alles falsch, ohne genau zu wissen, worin ihre verschiedenen Fehler bestehen. Nach und nach muss sie immer abstrusere Tätigkeiten ausführen und wird immer weiter degradiert. Aber statt zu kündigen, hält sie durch, um nicht völlig ihr „Gesicht zu verlieren“. Interessant hierbei ist es zu sehen, dass es auch von Stärke zeugen kann, wenn man sich selbst unter den widrigsten Umständen nicht geschlagen gibt, sondern einfach immer weiter macht. Beim Lesen versteht man irgendwann die fatalistische Haltung der Antiheldin und hofft nur noch für sie, dass sie das Jahr irgendwie übersteht.

Unverständlich bleibt meist das Verhalten ihrer Vorgesetzten, die sich durchaus nicht einig sind, wie man mit dieser Europäerin am besten umgehen sollte. Aber letztlich siegt doch der „Ehrenkodex“ innerhalb des Konzerns, absoluten Gehorsam bei selbst unsinnigsten Anweisungen zu leisten und nicht zu versuchen, sich gegen uralte Traditionen aufzulehnen. Egal, wie unsinnig und schikanös die Anweisungen sind, oder wie tief man fällt.

Die Erzählerin steht diese merkwürdige Zeit durch, indem sie auf jede weitere Demütigung eher mit Erstaunen als mit Wut reagiert und sich durch eine beobachtende Haltung von dem Geschehen und dem eigenen Tun distanziert. So wird ihr Abstieg durch ihre amüsante Beschreibung so stark gefedert, dass man fast bedauert, als ihr Vertrag ausläuft. Ein bisschen, als hätte ein Held von Kafka sich in einer japanischen Firma verirrt.

Im Namen des Lexikons

Sie heiraten sehr jung, die kapriziöse Lucette und der etwas langweilige Fabien. Vielleicht sind sie noch ein wenig unreif und allzu verträumt in das Abenteuer Ehe geschlittert, Fabien auf jeden Fall. Lucette kann es gar nicht schnell und aufregend genug gehen, so ist sie auch überglücklich, als sie merkt, dass sie schwanger ist. Fest davon überzeugt, dass ihr Kind etwas ganz Besonderes sein wird, sucht sie nach einem entsprechend außergewöhnlichen Namen. Entzückt findet sie ihn in einem alten Lexikon: Plectrude.

Nachdem die Mutter alles tut, wovon sie glaubt, dass es wichtig für die Entfaltung des kleinen Genies ist, macht Plectrude ihrem ungewöhnlichen Namen alle Ehre. Sie wird eine extravagante kleine Diva, die den Menschen Kopfschütteln, aber auch Bewunderung abnötigt. Sie lebt genauso extrem und intensiv, wie es der Wunsch ihrer Mutter war, ein unwirkliches Feenleben, dem selbst die Scheußlichkeiten der Wirklichkeit kaum etwas anhaben können.

Mir hat die Geschichte sehr gefallen, auch wenn das Ende ein wenig abfällt. Aber das sollte niemanden abhalten, das Buch zu lesen. Vor allem, wenn es gerade im Freundeskreis darum geht, wie denn ein neues kleines Leben benamst werden soll. Erwägungen, dem Kind einen möglichst selten gehörten, wunderschönen und klangvollen Namen zu geben, führen in gewissen Kreisen gelegentlich zu bizarren Ausrutschern und man hofft auf Zeiten, in denen Kinder einfach wieder Claudia oder Thomas heißen dürfen. Mit Plectrude könnte ich mich aber auch anfreunden ; )

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Meine Amélie-Nothomb-Phase

  1. Susanne Haun schreibt:

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen, liebe Petra, ich höre gerade alles von Asa Larsson, was ich in der Bibliothek bekommen kann. Es sind interessante Krimis. Im Moment stocke ich bei der zweiten CD des 4. Buchs, ich muss mich beim Zeichnen konzentrieren und meine Gedanken gleiten weg.
    Einen schönen Abend wünscht dir Susanne
    Ich werde die Bücher auf meine Wunschliste setzen….

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, das stelle ich mir auch nicht ganz einfach vor, Zeichnen und Zuhören – ich glaube, das würde mich überfordern. Musik beim Zeichnen, ja. Oder ein Hörbuch und dabei Staub wischen oder so. Aber gleich zwei Dinge auf einmal, die Konzentration erfordern – puh, so multitasking-fähig bin ich vermutlich nicht ; ) Freut mich, dass dich die Empfehlungen angesprochen haben, liebe Susanne! Dir auch noch einen schönen Abend & liebe Grüße!

      • Susanne Haun schreibt:

        Guten Morgen, liebe Petra,
        bei mir ist es meistens genau umgekehrt, Musik strengt mich unerhört beim Zeichnen an! Das ist anders beim Malen, wenn ich große Flächen auf die Leinwand setze, dann nutze ich den Schwung der Musik.
        Beides gibt mir eine gewisse Lockerheit beim Arbeiten. Mein Handwerk, das zeichnen oder malen, das beherrsche ich, wenn ich arbeite, muss ich Kraft und Lockerheit in die Zeichnung einfliessen lassen, damit die Zeichnungen dynamisch werden und Ausstrahlung besitzen. So schafft mir das Hörbuch Distanz zum Handwerk.
        Und wenn ich an schwierigen Passagen bin, dann kann ich die Stimme des Sprechers völlig vergessen.
        Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Guten Morgen : ) Das finde ich ja total interessant, vielleicht hörst du Musik ja viel intensiver als ich? Bei mir ist die Musik, meist je nach Schreiberei/Tätigkeit ausgewählt, eher wie ein Soundtrack. Sie unterstützt z. B. die Stimmung/Atmosphäre, aber ich kann auch mal darüber hinweghören.
        Einen schönen Tag wünsche ich dir : )

  2. Martina Wald schreibt:

    Vielen Dank für diese umfangreichen Zusammenfassungen. War sehr interessant zu lesen. Ich habe vor Jahren „Der Professor“ gelesen und an diese Stimmung, welche die Autorin zu erzeugen vermochte, kann ich immer noch sehr gut erinnern. Es war eines dieser Bücher, bei denen man, während man sie liest, vergißt, dass man überhaupt liest. Alles geschieht um einen herum. Das ist faszinierend, aber manchmal auch ein bisschen gruselig. Das ist eben die Magie der Literatur.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      So ist es, liebe Martina : ) Von den vorgestellten Büchern passt diese Atmosphäre besonders auch zu „Quecksilber“. Sehr gut gefallen, wenn auch auf ganz andere Art, hat mir auch „Mit Staunen und Zittern“, die beiden würde ich dir noch besonders empfehlen, falls du mit Amélie Nothomb weitermachen willst. Liebe Grüße!

  3. Jarg schreibt:

    Das Phänomen kenne ich auch. Derzeit geht es mir mit norwegischen Autoren so – lese ich eines, will ich alle von einem Autor lesen.
    Nothomb klingt lesenswert – bin ich bisher immer aus unerfindlichen Gründendran vorbeigegangen, werde mir aber mal eines schnappen …

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Guten Morgen, lieber Jarg! Schön zu sehen, dass das so ein verbreitetes Phänomen ist. Es ist auch sehr interessant, nach einer Weile einen Überblick zu bekommen, über die Hauptthemen und wie sie angegangen werden. Besonders spannend finde ich dabei Autorinnen und Autoren, die ganz umterschiedliche Themen bearbeiten, etwa auch Paul Auster. Liebe Grüße!

  4. Dina schreibt:

    Liebe Petra,
    ja, das kenne ich sehr gut sogar! Wenn ich ein sehr gutes Buch gelesen habe, greife ich oft zum gleichen Autor. Nothomb war mir völlig unbekannt, danke für den Tipp!

    Sag mal, wann habt ihr, du und deinen Mann, so ganz grob udn unverbindtlich den Urlaub nächstes Jahr eingeplant? Ich denke jetzt Norfolk… 🙂
    Viele Grüße aus Bonn! Dina

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Gern, liebe Dina, ich könnte mir vorstellen, dass dir ihre Bücher gefallen.
      Wir könnten uns das mit dem Treffen 2014 gut vorstellen : ) Kommt natürlich auf den Termin an, aber schön wäre es. Liebe Grüße!

  5. buechermaniac schreibt:

    Das habe ich auch schon erlebt mit dem „alles von einem Autor lesen wollen“, aber natürlich nicht hintereinander. Von Amélie Nothomb liegt auch noch ein Roman auf meinem Bücherstapel. „Quecksilber“ erinnert mich an einen Film von früher und „Der Professor“ könnte mir auch gefallen.

    Vielen Dank für die Vorstellung 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Sehr gern, liebe Büchermaniac. Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich die Bücher dann in Serie lese und weniger andere Romane dazwischen, nur Sachbücher (weil ich sowieso immer parallel an mindestens zwei Büchern lese). Liebe Grüße!

  6. Sofasophia schreibt:

    ich habe die nothomb auch mal im blog vorgestellt, denn auch ich gehöre zu ihren fans. nicht eben leichte kost, was die nachhaltigkeit betrifft, genau. das sehe ich auch so.

    toll, dass du sie auch so magst. manchmal denke ich: hilfe, mein leben ist zu kurz für all die guten bücher, die ich noch lesen muss/will!

    herzlich, soso

  7. buzzaldrinsblog schreibt:

    Dieses Phänomen kenne ich auch, so erging es mir mit James Salter oder auch Philip Roth – dann möchte man einfach alles lesen von dem Schriftsteller und das am liebsten so schnell wie möglich. So ging es mir zumindest. 🙂 Amelie Nothomb kenne ich nur vom Namen her, gelesen habe ich aber noch nichts von ihr. Vor beinahe zehn Jahren habe ich einen Fußballspieler bewundert, dessen Lieblingsschriftstellerin Amelie Nothomb war. Ich habe mir aus diesem Grund damals ein Buch von ihr gekauft, es aber nie zu Ende gelesen. Vielleicht sollte ich noch einmal einen Neuanfang mit ihr wagen … 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Aha, was war das für ein Fußballspieler? Probier’s noch mal mit ihr : ) Für zwischendurch wirklich empfehlenswert. Ich habe jetzt schon länger nichts mehr von ihr gelesen, aber die im Beitrag erwähnten Bücher haben mir gut gefallen. Liebe Grüße!

      • buzzaldrinsblog schreibt:

        Das war der französische Spieler Johan Micoud, heutzutage sicherlich kaum noch jemand ein Begriff. 😉 Die von dir erwähnten Bücher werde ich mir auf jeden Fall mal notieren und in der Bibliothek einen Blick hineinwerfen!

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Ja, den kenne ich in der Tat nicht – aber ich habe sowieso nicht sehr viel Ahnung von Fußball … Bin gespannt, wie dir die Bücher gefallen – das kann ich dann ja sicher auf deinem Blog lesen : ) Dir noch einen schönen Abend!

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