Rebecca Miller: Pippa Lee

Miller, Miller, der Name kommt mir bekannt vor – nein, kein Witz, denken wir beispielsweise an Schriftsteller wie Henry Miller (der mit den Wendekreisen und Anaïs Nin) oder Arthur Miller (der mit Marilyn Monroe, sowie u. a. dem Tod eines Handlungsreisenden und der Hexenjagd). Und tatsächlich: Rebecca Miller ist die Tochter von Arthur Miller und der Fotografin Inge Morath. Außerdem ist sie, wo wir schon bei den biografischen Informationen sind, Schauspielerin, Filmemacherin, Malerin, Bildhauerin, Schriftstellerin natürlich und verheiratet mit Daniel Day-Lewis. Klingt nach einem sehr interessanten Leben.

Gleiches lässt sich auch über Pippa Lee, die Hauptfigur ihres Romans, sagen, die zu dessen Beginn ein sehr gesetztes und scheinbar beneidenswertes Leben führt. Sie ist verheiratet mit einem äußerst erfolgreichen und deutlich älteren Verleger, wird für ihre Schönheit, ihre Gastgeberinnenqualitäten und ihre Haltung geschätzt und hat sich sogar damit abgefunden, ihrem mittlerweile 80jährigen Mann zuliebe in eine Seniorensiedlung zu ziehen. Dabei ist sie selbst erst 50 und damit nach heutigen Maßstäben noch immer im besten Alter. Doch vieles an dieser Idylle stimmt nicht. Pippa führt ein Leben, zu dem sie sich bewusst entschieden hat. Dem Leser dämmert bald, dass es mit der wahren Pippa nicht viel zu tun haben kann. Es ist zu perfekt, sie ist zu altruistisch und bald erfährt man per Rückblenden aus Pippas Sicht, warum sie so geworden ist.

Pippa hat eine Menge Erfahrungen gesammelt, darunter eine Menge schlechte. Die destruktive Beziehung zu ihrer tablettenabhängigen Mutter, die zwischen übertriebener Liebe und Verachtung oszilliert, und die Gleichgültigkeit ihrer Brüder und ihres Vaters, einem Pfarrer, der nur um seine Schäfchen, nicht aber um seine Frau besorgt ist, treiben sie früh aus dem Haus. Zunächst strandet sie bei ihrer Tante, deren Partnerin Pippa den Weg in existenzielle und sexuelle Randgebiete ebnet. Es folgen Jahre voller Drogen und Männer, in denen Pippa ziellos einem Ende als Junkie entgegenzutreiben scheint. Sie ist voller Schuldgefühle wegen all der Dinge, die sie geliebten Menschen angetan hat, sie versucht zu beten, aber von oben kommt keinerlei Hilfe. In dieser Situation lernt sie ihren späteren Mann Herb kennen, der sie offenbar retten will und Pippa lässt sich retten. Sie beginnt, ihr wahres Selbst mehr und mehr zu unterdrücken, als halte sie das Ganze für eine Art Sühne ihrer „Schuld“. Statt sich nun, unter den idealen Umständen, zu entfalten, führt sie eine Bilderbuch-Ehe und lebt für ihren Mann und ihre Kinder. Erst am Ende merkt sie, dass sie dabei auf der Strecke geblieben ist.

Was zunächst klingt wie ein Hausfrauenroman oder Midlifecrisis-Ding, ist tatsächlich ein guter Roman, der jede Menge Fragen nach dem Leben aufwirft: Was macht das Leben aus, wie soll man es führen und wann fängt es eigentlich an? Dabei geht es weniger um Antworten als um Analysen, die Rebecca Miller genau und voll frischer Bilder durchführt. Spannend, überraschend und oft witzig.

Rezension erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Rebecca Miller: Pippa Lee

  1. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra, die Fragen, nach dem „Wann das Leben anfängt“ ist spannend.
    Ist es nicht „gemein“, dass man mit jedem Jahr, das man älter wird, auch mehr weis (weiser wird)? Fängt das Leben gar am Ende erst an?
    Ich wünsche dir einen schönen Abend nach Karlsruhe (ich vergesse nun nie wieder, wo du wohnst *grins*) liebe Grüße Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Susanne, tja, man hätte sich die ein oder andere Jugendtorheit gut sparen können, wenn man vorher schon so weise gewesen wäre ; ) Aber das gehört wohl zur Jugend und die Erfahrungen machen uns ja erst „weise“ … oder zumindest erfahrener ; )
      Liebe Grüße & dir auch noch einen gemütlichen Abend!

  2. Klappentexterin schreibt:

    Liebe Petra,
    es ist langelangelange her, dass ich „Pippa Lee“ in den Händen hielt, dennoch erinnere ich mich noch gut daran, dass ich bei der Lektüre viel Freude hatte. Und das unerwartet. Beinah hätte ich den Roman gar nicht gelesen, weil mich dieses komische Buchcover abgeschreckt hatte. Das passt irgendwie so gar nicht zum Buch, fand ich. Was sagst du?

    Viele liebe Wochenendgrüße,
    Klappentexterin

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Klappentexterin, stimmt, das Cover fand ich auch nicht so toll. Ich weiß gar nicht mehr genau, was mich zum Kauf bewog – entweder hat mir der Buchhändler meines Vertrauens gut zugeredet oder ich habe angefangen, die ersten Seiten zu lesen und dachte, das Buch könnte mich interessieren. Ich glaube, es ist verfilmt worden, hast du zufällig den Film gesehen? Liebe Grüße & ein schönes Wochenende!

  3. Dina ♥ schreibt:

    Danke für den Bericht, liebe Petra. Das Buch hole ich mir! Den Film habe ich nicht gesehen, Pippa Lee ist aber verfilmt worden wurde bei der Berlinale vor ein paar Jahren vorgestellt.

    „Über Strecken ist der Film mit glänzenden Nebenrollen amüsant, Winona Ryder, Julianne Moore, Monica Bellucci tauchen auf und ab. […] Aber irgendwie ist The Private Lives of Pippa Lee viel zu lieb, zu glatt, zu vorhersehbar und auch zu lang.“

    Ja, die großen vertrauten Namen, die Kinder… Neulich sah ich „Die große Illusion“ von Jean Renoir und eine Woche oder so später im Kino dann den großartigen „Renoir“. Dann rücken sie alle etwas näher… werden menschlicher.

    Ganz liebe Grüße dir
    Dina

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Dina, ich freue mich, dass dir der Buch-Tipp Lust macht, das Buch selbst zu lesen. Interessant, dass der Film so schlecht abgeschnitten hat – vielleicht war er nicht „skandalös“ genug (weil sie von „viel zu lieb, zu glatt“ sprechen). Skandalös ist auch das Buch nicht, aber das sollte auch kein Kriterium sein. Vorhersehbar fand ich das Buch auch nicht. Natürlich wundert man sich, warum eine fünfzigjährige Frau in eine Seniorensiedlung zieht, aber man erwartet nicht automatisch eine derart bewegte Vorgeschichte.
      Die beiden Filme, die du erwähnst, kenne ich nicht, muss ich mal ergoogeln.
      Liebe Grüße!

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