Sunset Park

Lauter traurige Geschichten erzählt Paul Auster in seinem Roman Sunset Park, der mir trotz seiner deprimierenden Stimmung gefallen hat. Das lag vor allem an der einfühlsamen Beschreibung der Personen: Einzelne Leben, die alle miteinander verbunden sind, ohne dass dieses Netz die Personen auf Dauer tragen würde. Der Roman spielt im Krisenjahr 2008 in den USA, ein Roman der Depression in vielfacher Hinsicht.

Da ist zunächst Miles, ein vielversprechender junger Mann, der sich für schuldig am Tod seines Stiefbruders hält. Er gibt alles auf, zieht von Staat zu Staat und nimmt irgendwelche Jobs an. Inzwischen ist er in Florida, wo er Häuser entrümpelt, deren einstige Besitzer oft Hals über Kopf ihre Bleibe verlassen mussten. Bevor er mit seinen Kollegen die zurückgelassenen Gegenstände ausräumt, fotografiert er sie, eine Dokumentation der Depression. Sein Leben scheint sich zum Besseren zu wenden, als er sich in Pilar verliebt. Doch Pilar ist erst 17 und nach einem Erpressungsversuch ihrer Schwester kehrt Miles nach New York zurück, um auf Pilars Volljährigkeit zu warten, die ihre Beziehung legalisieren würde. Er nimmt das Angebot seines Freundes Bing an, mit ihm in ein besetztes Haus am Sunset Park zu ziehen.

Bing ist der einzige Freund, zu dem Miles Kontakt in den über sieben Jahren hält, die er schon von zu Hause fort ist. Bing wiederum hält Miles‘ Eltern auf dem Laufenden, die sich große Sorgen um ihren Sohn machen. Aber auch Bing hat seine Geschichte: Er ist übergewichtig, ein liebenswerter Elefant im Porzellanladen, der wenig Glück in Liebesdingen hat und zeitweise in seiner sexuellen Ausrichtung schwankt. Schlagzeug zu spielen ist seine Art zu schreien. Er arbeitet im „Hospital for Broken Things“ und man spürt, dass er am liebsten seine gebrochenen Freunde „reparieren“ würde.

Ellen arbeitet bei einem Immobilienmakler und ist eine Freundin von Bing. Sie ist es auch, die das verlassene Haus am Sunset Park entdeckt, in das sie sich einquartieren wird, um in den extrem schlechten Zeiten Geld zu sparen. Eigentlich ist sie Künstlerin und leidet unter depressiven Stimmungsschwankungen. Im Laufe des Romans wird sie sich künstlerisch weiterentwickeln und einen Mann finden, mit dem sie glücklich werden könnte.

Alice ist die vierte Bewohnerin des Hauses. Sie steckt mitten in ihrer Dissertation und in einer Beziehung, die dem Ende nahe ist. Auch Alice entwickelt sich weiter, schließt ihre Dissertation ab und bringt Ordnung in ihr Liebesleben. Doch das gewaltsame Ende der WG am Sunset Park stellt ihre Bemühungen auf einmal in Frage.

Schließlich sind da noch die Eltern von Miles, sein Patenonkel, Pilar und ihre Schwestern, die alle wiederum ihre eigenen traurigen Geschichten mit sich herumtragen. Interessanterweise entwickelt sich die Hauptfigur am wenigsten, Miles scheint es nicht zu schaffen, seine Schuldgefühle und schließlich sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Viele der Figuren beschäftigen sich geradezu manisch mit bestimmten Themen: Ellen damit, Körperteile zu zeichnen, viele nach Fotovorlagen, besonders aus Pornoheften, bis sie schließlich „ganze“ Menschen zeichnen kann; Alice mit dem Film The Best Years of Our Lives, der für sie exemplarisch für das Leben der Kriegsheimkehrer nach dem 2. Weltkrieg wird und für deren Unfähigkeit, darüber zu sprechen, was sie erlebt haben, und sich wieder „ganz normal“ in die Gesellschaft einzufügen. Die Passagen, die diese Obsessionen beschreiben, empfand ich als besonders gelungen, vielleicht weil sie mich selbst ganz nervös machten.

Das Haus selbst, kurz vor dem Verfall und nur vom Willen der WG noch am Leben erhalten, wird zu einer – vielleicht etwas zu offensichtlichen – Metapher. Ebenso wie das unbedingte Festhalten von Ellen, Alice und Bing an diesem Haus, obwohl sie genau wissen, dass sie es über kurz oder lang verlassen müssen. Solche „Metaphern mit dem Holzhammer“ gibt es mehrere, das ist man von Auster eigentlich subtiler gewöhnt. Gestört hat es mich nicht. Ebenso wenig wie die vielen Baseball-Anekdoten – dabei bin ich nun wirklich kein Sportfan. Aber selbst diese Geschichten haben ihren Sinn: Sie ergeben eine Art Sammlung von „Familienlegenden“ von Miles, seinem Vater und seinem Großvater und zeigen die Willkür des mitleidlosen Schicksals, dem Menschen zu allen Zeiten unterworfen sind. Überhaupt könnten die vielen, vielen Geschichten der Grund sein, weshalb ich den Roman insgesamt positiver bewerte als manch andere Rezensenten. Ich liebe Geschichten:

„the pull of the stories, always the stories, the thousands of stories, the millions of stories, and yet one never tires of them, there is always room in the brain for another story, another book, another film” (Aus: Sunset Park, S. 198)

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Sunset Park

  1. buchpost schreibt:

    Auster gehört noch zu den weißen Flecken meiner „Leselandkarte“, aber deine Besprechung macht mich neugierig und das Schlusszitat ist unwiderstehlich. Hättest du etwas dagegen, wenn ich es für meine Rubrik ‚Zitate‘ übernehme? LG Anna

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Lieben Dank, Petra, für diese absolut feine Besprechung!
    Besonders dieser Satz: “ … die Willkür des mitleidlosen Schicksals, dem Menschen zu allen Zeiten unterworfen sind.“
    dm und mb

  3. Andreas Wolf schreibt:

    „Mond über Manhattan“ ist der einzige Auster-Roman, den ich bisher gelesen habe. Aber der hat mich damals ziemlich umgehauen. Vielleicht sollte ich mal wieder einen Auster lesen…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh ja, der ist fantastisch, das war auch mein erster Roman von Auster. Besonders gefielen mir auch „Mr. Vertigo“, „Das Buch der Illusionen“ und „Invisible“ – die drei würde ich dir besonders empfehlen, falls du gelegentlich weitermachen willst mit Auster.

  4. juneautumn schreibt:

    Tolle Besprechung und ein tolles Zitat, danke dafür! Wird sofort ins Notizbuch übertragen…

  5. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    ich mochte das Buch auch, ich bin Auster Fan und mag die Erzählweise.
    Ich wünsche dir ein schönes WE und liebe Grüße von Susanne

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