Zeitungsfrühstück, Folge 63

Willkommen zum 63. Zeitungsfrühstück, meine Lieben! Diesmal serviere ich euch Häppchen aus dem Dossier (aha), dem Wirtschaftsteil (oho) und dem Zeitmagazin der aktuellen Ausgabe der Zeit vom 28.02.2013. Wohl bekomm’s!

Foto: (c) Gerda Kazakou

Foto: (c) Gerda Kazakou

Die aktuelle Kolumne von Harald Martenstein ist eine vergnügliche Antwort auf einen wenig vergnüglichen Leserbrief und liest sich wie eine Lektüre-Therapie für Aufgeregte. Die Seite „Heiter bis glücklich“ präsentiert aus dem gleichnamigen Blog ein Buch des Künstlers Max Kersting, der Fotos, die er auf einem Flohmarkt fand, beschriftete. Das Buch heißt Drei unbeschwerte Tage, die Idee erinnerte mich im Kern an Clemens Waltes Artur&Artur-Geschichten, die ich euch neulich empfohlen habe. Klingt gut! Aber da ich derzeit darauf verzichte, neue Bücher anzuschaffen, bis ich die, die ich bereits habe, endlich alle (oder wenigstens größtenteils) gelesen habe, kommt dieses Buch bei mir auf die endlose Wunschliste. Man muss ja auch noch Ziele haben.

Und dies ist doch gleich ein prima Übergang zum Thema des Dossiers „Wie viel braucht der Mensch?“. Wie ich Mitte Februar schrieb, bin ich mal wieder im Entrümplungsmodus. Dabei stellte sich mir die Frage, ob der Wunsch nach Reduktion aufs Wesentliche so ein Altersding ist – oder ob ich damit einfach nur Platz schaffe für Neues. Manches davon werde ich zweifellos in einer künftigen Entrümplungsphase wieder aussortieren. Ein Teufelskreis?

Um das Wollen und Brauchen heute und einst geht es in Wolfgang Uchatius‘ Artikel „Jan Müller hat genug“. Jan Müller ist ein durchschnittlicher 18 Jahre alter Konsument mit Computer, Flachbildschirmfernseher, Playstation, mehren Kleidungsstücken, Deos etc. Verglichen mit Wilhelm Müller, seinem Pendant vor 120 Jahren, besitzt er etwa 500 Produkte, Wilhelm dagegen maximal 30. Er führt auch ein völlig anderes Leben, schläft in einer Kammer, die er mit Eltern und Geschwistern teilt, hat nur wenige Kleidungsstücke und arbeitet vielleicht 11 Stunden am Tag in einer Fabrik. Seine Bedürfnisse werden naturgemäß hoch sein. Aber nicht unbedingt höher als die von Jan, denn der Markt, die Wirtschaft, die Werbung fordern uns auch weiterhin, obwohl wir alles haben, zum Konsum auf, weil sonst ja die Wirtschaft nicht wachsen kann. Die wächst deutlich langsamer: Waren es in den 60er Jahren in Deutschland noch 5,4% im Jahr, so ist es heute nur noch 1%. Und die Menschen wollen sich auch nicht mehr unbedingt abrackern bis zum Umfallen, sondern Zeit für ihre Freunde und Hobbys haben. Eigentlich logisch, bei all den Maschinen, die uns den Alltag erleichtern, bleibt mehr Zeit, um das Leben zu genießen. Und doch kaufen wir noch immer so viel, dass unglaubliche Mengen an Lebensmitteln weggeworfen und riesige Mengen an Kleidern in der Altkleidersammlung landen. Die Waren wurden mit Emotionen und Status aufgeladen, damit wir sie, trotz allen Überflusses, weiter kaufen. Die älteste Glühbirne der Welt brennt seit 112 Jahren – dass unsere eigenen das nicht tun, liegt an ihrer „Sollbruchstelle“ – wäre ja doof für die Industrie, wenn man nur alle drei Generationen neue Leuchtkörper anschaffen müsste.

Der sehr lesenswerte Artikel sowie das Interview mit dem Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky und seinem Sohn, dem Philosophen Edward Skidelsky, die gerade ein Buch geschrieben haben (Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens) sind leider noch nicht online. Der Kauf der Zeit lohnt sich schon wegen des Dossiers, auch wenn sie hinterher im Altpapier landen wird.

Apropos Bücher: Im Wirtschaftsteil gibt es einen interessanten Artikel von Jana Gioia Baurmann mit dem Titel „Zähne zeigen“, auch noch nicht online, in dem sie berichtet, wie es kleine Buchhändler schaffen, trotz Amazon und großen Ketten zu überleben. In Karlsruhe gibt es kaum noch unabhängige Buchhandlungen, die Braunsche, das Braunsche Antiquariat, Kellner + Moessner, Buch Kaiser, die kleine Buchhandlung in der Nähe des Bahnhofs – sie alle sind weg. Schon lange. Dafür gibt es gleich zwei Thalias mit jeder Menge Schnickschnack. Zum Glück haben sich auch einige Buchhandlungen gehalten, etwa meine Lieblingsbuchläden, der Stephanus und der Reisebuchladen. Hier finden die Kunden kompetente Beratung, keine abtörnenden Bestseller-Büchertürme, eine angenehme Atmosphäre und eine wirklich gute Auswahl.

Meine derzeitige Bücherdiät machte mir beim Lesen des Artikels allerdings ein schlechtes Gewissen, weil die natürlich für meine Lieblingsbuchläden gar nicht gut ist. Immerhin hilft es den kleinen Buchhandlungen vielleicht, dass Amazon gerade in die Kritik geraten ist und einige nun wieder lieber in einer echten Buchhandlung Bücher kaufen, die sich nicht durch solches Geschäftsgebaren auszeichnet …

Euch noch einen schönen Sonntag, ihr Lieben!

Rosen im Glas, Foto: (c) Petra Gust-Kazakos

Rosen im Glas, Foto: (c) Petra Gust-Kazakos

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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28 Antworten zu Zeitungsfrühstück, Folge 63

  1. muetzenfalterin schreibt:

    ich bin noch nicht dazu gekommen, viel zu lesen in der aktuellen zeit, aber den artikel über die jan müller und das daran anschließende interview mit vater und sohn habe ich ebenfalls mit großen gewinn gelesen. die fragen anders stellen, wäre schön, wenn politik und gesellschaft endlich damit beginnen würden, statt weiter an geiz ist geil zu glauben.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja genau, das wäre schon mal hilfreich. Das Dossier fand ich schon wegen des Titels so interessant, dass ich gleich als Erstes las. Liegt das Thema gerade in der Luft oder sind wir bereits durch viele Jahre „Simplify“ u. ä. Bücher darauf konditioniert?

  2. Lakritze schreibt:

    Gut, daß es Dein Zeitungsfrühstück gibt. Mir hat schon wieder jemand den Briefkasten »entrümpelt« …
    (Und ich hoffe auch, daß es wieder eine Wende hin zu Buchläden gibt. Mein Saarbrücker Lieblingsbuchladen etwa ist nie und nimmer durchs Netz zu ersetzen; der ist von den Persönlichkeiten seiner Betreiber geprägt. Gibt’s nur einmal.)

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, wie ärgerlich : ( Eine zeitlang kam unsere Zeit einfach nicht mehr – lag am Auslieferer. Vielleicht liegt der Fall bei dir ähnlich?
      Was die Buchhändlerpersönlichkeiten angeht, gebe ich dir aus vollstem Herzen Recht! Persönlichkeit und persönliche Beratung – das kann kein Online-Buchhandel leisten oder ersetzen.

    • B.ee schreibt:

      Saarbrücker Buchladen?!?!?!?? Hui! Bitte um Namen und genaue Adresse!

  3. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    danke für den Hinweis auf den Metrolit Verlag, ich habe sofort den Newsletter aboniert, sie sitzen ja in Berlin.
    Ich empfinde das ständige Entrümpeln und Neuanschaffen als einen Kreislauf des Lebens. Zum einen verändern wir uns selber, das was mir gestern gefiel und was mir wichtig war, muss mir heute noch lange nicht gefallen. Und zum anderen, lernen wir Entscheidungen zu fällen, da wir täglich aufs neue überlegen müssen von was wir uns trennen.
    Ich bin eine typische 2nd Hand Käuferin und auch Verkäuferin. Gerade bei Kleidung ist der finanzielle Unterschied so enorm, dass ich es nicht übers Herz bringe, etwas neu zu kaufen (naja, bis auf Unterwäsche). Selbst Schuhe erhalte ich 2nd Hand so neu … ich bin auch kein Schuh-Fetischischt (ich hoffe, es ist korrekt geschrieben).
    Danke für das Sonntags-Gespräch, ich werde mich gleich mit meinen noch ungelesenen Tagesspiegel auf die Couch zurückziehen.
    Einen schönen Restsonntag von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Gern, liebe Susanne!
      Das mit dem Kreislauf des Lebens gefällt mir, Mein Gewissen bessert sich ; ) Ich stöbere zwar gern in 2nd-Hand-Läden (oder auf Flohmärkten etc.), werde aber weder bei Klamotten noch bei Schuhen fündig, die Sachen scheinen für kleinere Frauen genäht zu sein (mir sind immer die Ärmel zu kurz) und Schuhe in meiner Größe finde ich leider auch nie. Aber andere Sachen schon, zum Beispiel mein hübsch altmodisches „Oma-Portemonnaie“, das mir mein Liebster mal auf dem Flohmarkt gekauft hat, oder alte Broschen (die mag ich sehr), auch Ohrringe, schöne alte Blechdosen, Gläser, Möbelstücke, sogar einen kleinen, sehr bezahlbaren Kronleuchter fanden wir mal auf einem Antikmarkt … Ich mag es sehr gern, in alten Sachen zu stöbern und mir Gedanken zu ihrer Vorgeschichte zu machen.
      Ich hoffe, du hattest einen guten Wochenstart : ) Liebe Grüße!

      • Susanne Haun schreibt:

        Guten Morgen, liebe Petra,
        ich habe da wirklich Glück mit meiner alltäglichen Kleidergröße. Mit Größe 40 bekomme ich viele Kleidungsstücke, denn es ist eine Größe, die Frauen viel aussortieren, wenn ein paar Pfunde mehr hinzukommen.
        Auf den Flohmärkten und in den Trödelläden sammel ich gerne schrille 70ziger Jahre Vasen und Skurilitäten für meine Stilleben. Die Kunst beginnt schon beim Arrangieren der Gegenstände.
        lg Susanne

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        „Die Kunst beginnt schon beim Arrangieren“ – schöner Gedanke, liebe Susanne! Die schrillen Vasen würden mich jetzt schon interessieren …?

  4. Georg schreibt:

    Vielen Dank für deine öffentliche Zeit-Lese – ich habe es vor vielen Jahren aufgegeben, sie zu kaufen, ich kam ja doch nie durch.
    Übrigens ist, um genau zu bleiben, der Reisebuchladen erst nach dem Ende von BuchKaiser gegründet worden, er hat also nicht das Buchhandelssterben überlebt, sondern hat trotz allem erst angefangen zu leben. Und wenn du mal jemanden fragst, der in den fünfziger oder sechziger Jahren in Karlsruhe lebte, der kann dir noch ganz andere Buchhandlungen aufzählen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Dank dir für den Hinweis, lieber Georg. Aber ich fürchte schon, dass das Buchhandelssterben weitergeht, hat nicht die kleine Buchhandlung am Bahnhof damals nach der BuchKaiser-Übernahme zugemacht? Ich erinnere mich nicht mehr genau … Wenn es allerdings auch Buchhandlungen gibt, die ich gar nicht mehr kenne (aktiven Bücherkauf – also ohne Elterns – habe ich vermutlich erst ab den mittleren 80ern betrieben), dann müsste das Elend ja noch vor Amazon et al. eingesetzt haben. Erstaunlich & erfreulich jedenfalls, dass in Berlin eine umgekehrte Situation festzustellen ist, also dass sich dort wieder Leute trauen, Buchhandlungen zu eröffnen. Vielleicht schwappt das ja eines Tages bis zu uns …

      • Georg schreibt:

        Bei „BuchKaiser-Übernahme“ musste ich kurz stutzen – hat BuchKaiser diese kleine Buchhandlung übenrommen? Nein, nein. – Die alte Dame hat schon länger versucht, ihre schöne Buchhandlung zu verkaufen, niemand wollte sie.
        Das Elend gibt es schon viel länger, es ist ein leider normaler Konzentrations- und Verdrängungsprozess gewesen. Und auch in Karlsruhe hat ja der Reisebuchladen den umgekehrten mutigen Trend initiiert: Kleine unabhängige inhabergeführte Läden. Dass die Stadt das nicht honoriert und fördert, sondern im Gegenteil auf der Kaiserstraße horrende Mieten gestattet, ist nur eines der vielen absurden Dinge dieser Welt.
        In Stuttgart allerdings hat die Krimibuchhandlung jetzt schließen müssen, weil die Leute sich dort beraten lassen und dann in den Kaufhäusern kaufen oder bei Amazon. Wer mir das mal erklären kann…

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Mit der Übernahme meinte ich, dass BuchKaiser von den Thalianern übernommen wurde – oder? Von der Dame wusste ich nur, dass sie den Laden aufgeben musste und leider niemanden fand, der ihn übernehmen wollte – mir auch unverständlich. Aber andererseits gibt’s natürlich gleich gegenüber die Buchhandlung im Bahnhof, da ist die Konkurrenz vielleicht zu nah gewesen. Ich hab allerdings immer bei ihr geschaut und so gut wie nie im Bahnhof. Aber das reicht natürlich nicht.
        Ja, das war wirklich mutig vom Reisebuchladen, aber ich glaube, er hat’s richtig gemacht, da sind immer viele Leute drin, wenn ich reinkomme oder vorbeispaziere. Gut so! Hoffentlich kaufen sie auch fleißig ; )
        Was du von der Krimibuchhandlung erzählst, erinnert mich an ähnliches Gebaren im Elektronikbereich oder auch bei Möbeln etc. Traurige Entwicklung : (

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Die Frisörisierung und Handyladisierung der Innenstadt ist ein Jammer. Aber vielleicht wird es besser, wenn der doofe Tunnel fertig ist. Momentan ist das ja alles höchst unanttraktiv. Immerhin gibt es noch meine Lieblingsboutique, aber die liegt auch nicht direkt auf der Lauf- und Kaufmeile …

      • Lakritze schreibt:

        Sich im Fachhandel beraten lassen und dann online kaufen?? Sehr armselig.

  5. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    @Lakritze: Ja, nicht wahr? Die Werbung hat viele Leute wohl überzeugt oder ihnen aus dem kalten Herzen gesprochen (Geiz ist geil, grrrrr)

  6. B.ee schreibt:

    Ihr Lieben! Wie habt Ihr es geschafft, die Zusammenfassung zu Ende zu lesen? Ich bin über Martenstein gestolpert und hänge seitdem in seinen Kolumnen fest…kicher…ich als Psychotherapeutin würde ja sagen: „Lieber Wolfgang, ich fürchte, ein Psychotherapeut sieht es nicht ganz als seine Aufgabe an, die Meinung seiner Patienten zu europapolitischen Fragen zu beeinflussen. Es sei denn, er hat keine Meinung dazu und hätte gerne eine…“ …dann könnte ich mit ihm daran arbeiten, was ihn daran hindert, eine zu entwickeln…Ich lese jetzt Deinen Beitrag zu Ende, liebe Petra. Der ist nämlich gut und ich lasse mich nun nicht mehr von Herrn Martenstein oder Wolfgang oder beiden ablenken…

  7. tanjaernst schreibt:

    Liebe Petra, lieben Dank fürs Vorbeischauen und den Sternenregen! und Dein Zeitungsfrühstück! Finde auf Deine Art vielleicht wieder den Einstieg in „die Zeit“ – interessant wofür wir uns immer einbilden „keine Zeit“ zu haben… liebe Grüße Tanja

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