Man Walks into a Room

Nachdem ich von Nicole Krauss’ Roman Die Geschichte der Liebe so begeistert war, war ich sehr gespannt auf ihr eigentliches Debüt, Man Walks into a Room. Der Roman beginnt mit einem Prolog, der einen Atombombentest in der Wüste Nevadas beschreibt. Scheinbar zusammenhanglos fängt das erste Kapitel mit einem offenbar verwirrten Mann an, den zwei Polizisten in der Wüste finden.

Der Mann ist Professor Samson Greene – und er hat 24 Jahre seines Lebens vergessen. Schuld daran ist ein Tumor, der zwar entfernt wird, aber seine Erinnerungen kehren nicht zurück. Das ist besonders bitter für Anna, seine Frau, die ihn natürlich immer noch liebt. Samson bringt für sie allerdings nicht viel mehr als höfliches Interesse auf. Er kann sich einfach an nichts und niemanden mehr erinnern, alles nach seinem 12. Lebensjahr ist ausgelöscht. Schließlich beschließt er, sein altes Leben aufzugeben und sich einem Experiment zu unterziehen, bei dem ihm die Erinnerung eines fremden Mannes eingepflanzt werden soll. Eine Entscheidung, die er bald bedauert.

Nicole Krauss beschreibt aus allen möglichen Blickwinkeln den Zustand des Nicht-Erinnern-Könnens, mal scheint eine Last verloren zu sein, mal ist die Amnesie selbst die Last. Dazu die Einsamkeit, die Gebundenheit an die Gegenwart, die Schwierigkeit, mit Menschen umzugehen, kein Mitgefühl zu empfinden, weil man vergessen hat, wie es sich anfühlte, als man selbst etwas Ähnliches erlebte. Auch philosophiert sie darüber, inwiefern Erinnerungen wichtig für eine Beziehung und die Liebe sind, Gemeinsamkeiten, die man sich über die Jahre geschaffen hat, und von denen immer wieder die Liebe genährt wird. Das ist zwar alles ganz faszinierend zu lesen, aber mit der Zeit verliert die Geschichte an Spannung. Insgesamt ein guter Roman, aber mich hat er nicht so begeistert wie Die Geschichte der Liebe.

Rezension erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Man Walks into a Room

  1. flattersatz schreibt:

    … dann ist dies als ein beispiel dafür, daß sich eine autor, bzw. eine autorin in ihrem zweiten werk gegenüber dem ersten gesteigert hat. oft ist es ja umgekehrt, man wird vom erstling überwältigt, geht mit hohen erwartungen an den nachfolger und wird enttäuscht…

    lg
    fs

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Stimmt, lieber Flattersatz. Wobei ich mal irgendwo las, dass das, was wir für das Debüt halten, nicht unbedingt der erste Roman einer Autorin oder eines Autors sein muss, sondern der soundsovielte, der Rest liegt in der Schublade oder findet nach dem erfolgreichen Debüt dann doch noch einen Verlag.

  2. caterina schreibt:

    The History of Love hat auch mich begeistert, Man Walks Into a Room habe ich noch vor mir. Schade, dass es dir nicht ganz so gut gefallen hat wie Krauss‘ zweiter Roman, aber ich habe schon befürchtet, dass er ein klein wenig schlechter ist. Alles andere hätte mich gewundert, ist doch Die Geschichte so unendlich bewegend und rührend und klug und…

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