Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit

Wo ich gerade bei meinem Blognachbarn auf Mein-Lesesessel.de die Empfehlung zu Gustave Flauberts Bouvard und Pécuchet gelesen habe, fiel mir meine schöne Ausgabe der Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit aus dem Eichborn Verlag wieder ein. Denn selbige ist sozusagen ein Beiprodukt Flauberts dreißig Jahre währender Recherchen zu Bouvard und Pécuchet.

Dreißig Jahre lang – manche Quelle sprechen sogar von fünfunddreißig Jahren – sammelte Flaubert Unmengen von Zitaten, die menschliche Dummheiten, Stilblüten, Peinlichkeiten und alberne Allgemeinplätze in allen Facetten vorführen. Der Untertitel seiner Enzyklopädie lautet Ein Sottisier, also eine „Stilblütensammlung“. Unter einer Sottise wiederum – lauter hübsche Wörter, die heute kaum noch jemand verwendet – versteht man eine Dummheit, Unsinnigkeit, Grobheit oder auch eine freche, stichelnde Äußerung oder Rede laut Duden. Diese Sammlung erstellte Flaubert offenbar mit einer unglaublichen Wut auf seine Zeit:

„Ich empfinde Hass auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Hass, die mich ersticken. Scheiße steigt in mir hoch wie bei einem eingeklemmten Bruch, bis in den Mund. Aber ich will sie bei mir behalten, sie eindicken und daraus einen Brei machen, mit dem ich das 19. Jahrhundert beschmieren werde.“ (Zitiert nach: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/271703/)

Was für ein Blick auf seine Welt! Dieser Blick macht mich beklommen, aber die Enzyklopädie ist eine tolle Fundgrube unglaublicher Vorurteile und Dämlichkeiten aller Art, die seine negative Einstellung zu rechtfertigen scheinen. So ist unter der Überschrift „Große Männer“ über Shakespeare zu lesen:

„Seine Mischung von burlesken und grausamen Szenen wird einen aufgeklärten Geschmack nie zufrieden stellen.“ (S. 212)

Na, das gilt wohl eher für Anhänger des französischen Klassizismus, der lange Zeit, auch in Deutschland, eine positive Rezeption Shakespeares erschwerte. Das Zitat stammt von 1815, da war das negative Shakespeare-Bild bereits zum Geniekult umgeschlagen (auch u. a. durch den Begeisterungssturm und -drang Goethes und anderer).

Oder unter „Hass auf Romane“:

„Nicht weniger verhängnisvoll für die Frau ist die Lektüre von Romanen, nämlich ebenso schädlich wie die der schlechtesten Bücher“ (S. 302)

Nun könnte man leicht dazu verführt werden, Zitat um Zitat anzuhäufen, aber ich denke, die beiden Beispiele sollen erst einmal genügen. Diese Sammlung teilweise höchst absurder Zitate macht immer wieder Spaß, die Akribie ihres Sammlers, so misanthropisch ihre Wurzel sein mag, nötigt einem großen Respekt ab. Sollte in keinem Bücherschrank fehlen (könnte auch aus der Enzyklopädie stammen).

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit

  1. eulenausathen schreibt:

    Der gute Mann war wohl etwas schlecht gelaunt… aber der Titel alleine hört sich schon vielversprechend an.

  2. Karo schreibt:

    Ist doch irgendwie beruhigend, dass jeder Künstler denkt, seine Zeitgenossen seien die Dümmsten…ich glaube, ich beginne auch mal so eine Enzyklopädie über meine Mitmenschen, um „die ganze Sch*** einzudicken“. Irgendwie erschreckend, dass Flaubert solche Worte in den Mund nehmen konnte.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, nicht wahr? Wo er doch immer als großer Stilist gefeiert wird, denkt man eigentlich, er hätte seine Aufregungen in anderem Stil formuliert. Aber irgendwie beruhigend, dass auch große Stilisten mal das „Sch-Wort“ benutzen (und sich geradezu darin suhlten).

  3. B.ee schreibt:

    Mir war gar nicht klar, dass Flaubet so ein Menschenhasser war. Sicherlich, ich kann mich auch gut über die zunehmende Dummheit im Volk aufregen, aber zum einen wäre mir meine Zeit zu kostbar, darüber dann auch noch Buch zu führen; zum anderen sind die Menschen einfach wie sie sind. Hm. Und das Zitat über Frauen hat mich böse gemacht. Ich mag Flaubert nicht mehr. So. Grummel.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Halt, halt, Flaubert sammelte nur diese Dummheiten, wie die beiden erwähnten Zitate, die repräsentieren also gerade nicht seine Ansicht, sondern Ansichten, die er dumm fand. Brauchst also Flaubert nicht zu grollen, liebe B.ee : )

      • B.ee schreibt:

        Achsoooo….das erklärt das natürlich…puh…ich war schon ganz enttäuscht. Das habe ich beim Lesen ganz falsch verstanden. Danke für die Richtigstellung!

  4. Frau Blau schreibt:

    „Ich empfinde Hass auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Hass, die mich ersticken. Scheiße steigt in mir hoch wie bei einem eingeklemmten Bruch, bis in den Mund. Aber ich will sie bei mir behalten, sie eindicken und daraus einen Brei machen, mit dem ich das 19. Jahrhundert beschmieren werde.“
    und was fürs 19. Jahrhundert galt, ist im 21. nicht wirklich besser – auch wenn ich nicht mehr so hasse und schäume, aber unmutig und ungehalten bin ich auch immer wieder über so viel Dummheit und Ignoranz …

    herzlichst Ulli

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Ulli, ja, es gibt eine Menge Dummheiten, übrigens in jedem Jahrhundert, über die man sich aufregen kann … Erstaunlich, dass eine Enzyklopädie darüber wiederum eher erheiternd wirkt. Vielleicht, weil man es gar nicht fassen kann. Liebe Grüße!

  5. ramblingbrother schreibt:

    Die Reibung an Dummheit erzeugte in seinem Fall großartige Literatur. Wir sollten der Dummheit dankbar sein 🙂
    Gruss

    Achim

  6. leopoldsleselampe schreibt:

    Hallo, jetzt will ich mich als bisher stiller Leser auch mal zu erkennen geben und zu Wort melden. Ich lese immer wieder gerne bei Dir. Das mit der Dummheit ist so eine Sache. Was man heute Dumm nennt, ist es in einige Jahren nicht mehr, und umgekehrt. Grüße. Leo

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