Erinnerung, sprich

Eine empfehlenswerte Autobiographie für alle, die Vladimir Nabokov lieben (und/oder gern Biographien lesen). Detailreich, anschaulich und sprachlich wie gewohnt ausgezeichnet erzählt Nabokov von Sommern auf dem Lande und Wintern in St. Petersburg, von den diversen Reisen mit der Familie, von Hauslehrern und ergebenen Dienern, der ersten Liebe, der Flucht auf die Krim, den Jahren im Exil und dröselt die Geschichte seiner weitläufigen Verwandtschaft auf. Wobei er einige ihrer besonders sonderbaren (in gewisser Weise sind sie alle ein wenig sonderlich) Mitglieder für die Leserinnen und Leser wieder auferstehen lässt. Ja sogar die seitenlangen Beschreibungen seiner Vorliebe für Schmetterlinge liest sich interessant, selbst wenn man Schmetterlingen eigentlich kein gesteigertes Interesse entgegenbringt.

Die Autobiographie umfasst den Zeitraum bis zu seiner Abreise nach Amerika 1940 und beschäftigt sich weitgehend mit seinem Leben in Russland, bevor die Revolution seinem gewohnten Leben ein Ende bereitet. Was Nabokov jedoch viel mehr bedauert als den Verlust der irdischen Güter, ist der Verlust der Stätten seiner Kindheit. Fast märchenhaft erschienen sie mir beim Lesen, vielleicht weil die Erinnerung vieles vergoldet. Obwohl die Autobiographie sich vor allem um die vielen Verluste dreht, die Nabokov erlitten hat, gleitet die Wehmut nie in Kitsch ab und wird oft von seiner Selbstironie und seinem Humor aufgefangen.

Die Autobiographie ist übrigens schon einmal erschienen unter dem Titel Andere Ufer. Ein Buch der Erinnerung. Deshalb wohl heißt Erinnerung sprich im Untertitel Wiedersehen mit einer Autobiographie. Übersetzt sind beide von Dieter E. Zimmer, der auch das sehr empfehlenswerte Buch Wirbelsturm Lolita. Auskünfte zu einem epochalen Roman geschrieben hat. Sehr empfehlenswert für Nabokov-Fans!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Erinnerung, sprich

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Herzlichen Dank, liebe Petra, für diesen Buch-Tipp! Seine Selbstironie schätze ich sehr. Und einer Biographie kann das (je nach Autor) sehr gut tun.
    Liebe Grüße, mb

  2. Dina schreibt:

    Vielen Dank für die feine Empfehlung, liebe Petra!
    Liebe Grüße zu dir vom kleinen Dorf am großen Meer
    Dina

  3. Lakritze schreibt:

    Ausgezeichnete Idee. (Meine Buchhandlung müßte Dir allmählich einen Blumenstrauß schicken — bei so vielen umgesetzten Empfehlungen …)

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