Quasikristalle

Roman steht unter dem Titel des neuen Romans Quasikristalle von Eva Menasse. Doch die damit verbundene Erwartungshaltung wird gebrochen – wie ein Lichtstrahl, der auf einen Kristall fällt, quasi. Insofern ist Quasikristalle für mich eher ein „Quasiroman“, der aus lauter Erzählungen besteht, deren verbindendes Element, die „Quasiprotagonistin“ Xane ist.

Xane ist die meiste Zeit über gar nicht die Hauptfigur, denn bis auf ein einziges Mal, wo sie selbst zu Wort kommt, kommt sie eher am Rande vor. Dann geht es in der Hauptsache um die Figuren, die mit ihr in irgendeiner Weise zu tun haben: eine Freundin, die Stieftochter, der Sohn, eine Ärztin, Vermieter etc. So lernt man zwar verschiedene Facetten von Xane kennen, aber sie selbst eigentlich nicht und die anderen auch nur ausschnittsweise im Rahmen der jeweiligen Erzählung. Ein einziges Kapitel erzählt aus Xanes Sicht, da kam sie mir sehr nahe und ich hätte mir gewünscht, dass sie allein ihre Geschichte erzählt und nicht diese anderen Leute, die eher um sich selbst kreisen, wie das so üblich ist, und von Xane im Grunde wenig wissen (auch wenn sie vom Gegenteil überzeugt sind) und entsprechend wenig vermitteln können. Manche Einschätzung Xanes war geradezu herzlos und egoistisch, diese Selbstgerechtigkeit und Egozentrik der anderen Figuren ging mir eher auf den Wecker, als dass sie für mich die Figur der Xane erhellt hätten.

Auch wenn Quasikristalle kein Roman im üblichen Sinne ist, so ist er doch interessant und sehr gut geschrieben. Schon Eva Menasses Lässliche Todsünden hatten mir gut gefallen. Sie hatten, darauf wies kürzlich Claudia in ihrer Rezension hin, einen programmatischen Ansatz – möglicherweise ist dies auch bei Quasikristalle der Fall, vermerkt ist dazu auf dem Klappentext allerdings nichts. Auf dem Umschlagtext heißt es:

„Erst kürzlich wurde entdeckt, dass es nicht nur Kristalle mit klar symmetrischer, sondern auch mit scheinbar ungeordneter Struktur gibt. Genauso verhält es sich mit dem Lebensweg: Er ist verschlungen und schwer berechenbar und nur aus der Ferne als Ganzes erkennbar.“

Das ist zwar wahr, aber nicht die Top-Erkenntnis des Tages und trägt auch nichts Grundlegendes zum tieferen Verständnis bei, lässt sich dies doch im Grunde über jeden Roman sagen, in dem das Leben eines Menschen im Vordergrund steht und über das der Leser dann den kompletten Überblick über das Leben „als Ganzes“ hat. Mich lässt der „Quasiroman“ jedenfalls etwas ratlos zurück. Die Erzählungen als Experiment, als Versuchsanordnung, die eine immer neue Facette von Xanes Persönlichkeit zeigen, das ist zwar nicht uninteressant, aber mir ein bisschen zu experimentell (und kein Roman). Das Ganze ist eben einfach viel mehr als die Summe seiner Teile.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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17 Antworten zu Quasikristalle

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Petra,
    ich habe schon bei Claudia mit Interesse eine Besprechung zu diesem Buch gelesen, die du ja auch hier verlinkst. Ich habe das Buch noch im Regal, bisher noch ungelesen. Wenn ich mich nicht irre, steht es auf der SWR Bestenliste recht weit oben im Moment – die Besprechungen des Feuilletons sind aber recht unterschiedlich ausgefallen. Ich bin gespannt, wie es mir gefallen wird.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Mara, ich bin auch gespannt! Es ist ja nicht so, dass es mir gar nicht gefallen hätte, es hat nur in keiner Weise meine Erwartungen erfüllt. Geschrieben war es stilistisch sehr gut und sonst durchaus spannend. Manche Szenen sind auch herrlich skurril – du siehst es dann ja noch : ) Freue mich jedenfalls schon auf deine Besprechung!

  2. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Petra,
    das ist ja spannend, dass Dich der „Roman“ auch ratlos zurücklässt und dass die Ratlosigkeit vor allem etwas mit dem Ettikett des „Romans“ zu tun hat und dem Titel. Und Deine Begriffe „Quasiroman“ und „Quasiprotagonistin sind toll :-), ganz treffend.
    Es ist wirklich schade, denn ich finde, dass Eva Menasse toll erzählen kann. Aber irgendwas stimmt mit dem Erzählkonzeopt hier nicht.
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Stimmt, liebe Claudia, so habe ich das auch empfunden. Sie schreibt so gut, wenn sie die Experimente wegließe, wäre es vielleicht besser? Das mag dann möglicherweise künstlerisch weniger befriedigend sein, aber für die Leserinnen und Leser wäre es sicher befriedigender ; ) Liebe Grüße!

  3. buchpost schreibt:

    Danke an Petra und Claudia, ich lese bei euch so zwischen den Zeilen, dass ich um das Buch eher einen weiten Bogen machen werde. Und das ist für meine Liste nur gut 🙂 Geht es euch übrigens auch so, dass es oft viel schwieriger ist, eine Besprechung zu einem Buch zu schreiben, das einen nicht hundertprozentig überzeugt hat? Liebe Grüße Anna

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Eigentlich nicht, so oder so sollte man ja begründen, warum einem etwas besonders gut gefällt oder was einem nicht so gut gefallen hat. Manchmal ist das einfach, weil es ganz klar ist, was funktioniert oder nicht. Aber manchmal muss man sich erst selbst darüber klarwerden … Loben ist vielleicht insofern einfacher, weil es schöner ist (für mich zumindest) als zu mäkeln. Liebe Grüße!

  4. Lakritze schreibt:

    Prust: »… zwar wahr, aber nicht die Top-Erkenntnis des Tages …« — schöne Umschreibung für »Binsenweisheit«. .) Danke für die Besprechung; ich überlege noch …

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Auf dem Umschlagstext prangt es, als müsse man es dringend in Stein meißeln oder aufs Kopfkissen sticken, aber es ist ja wirklich ziemlich banal ; ) Lies mal das Buch und sag, wie du’s findest : )

      • Lakritze schreibt:

        Wahrscheinlich sollte man es auf ein Kopfkissen sticken. Vielleicht wird es davon bedeutender? (Das ist überhaupt eine Idee: Paradekissen mit Aufschriften wie »wie das Leben so spielt«, »drehte sich um und nahm einen Löffel aus der«, »Bitte lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt« …)

      • Petra Gust-Kazakos schreibt:

        Kicher, das ist ja eine ganz famose Idee, liebe Lakritze! Weitere Sprüche möglicherweise:
        „Mind the gap“, „Schüttel die Nüss“, „Ende gut und alles“ oder auch „Die Gurken aber schweigen“. Nun müssen wir nur noch jemanden finden, der Paradekissen fertigt … Wir werden reich! ; )

      • Lakritze schreibt:

        (Ich werde das ganze Geld gleich wieder ausgeben. Dieses Paradekissen mit »Schüttel die Nüss«, das muß ich haben –)

  5. B.ee schreibt:

    Ich habe das Buch vor ca. fünf Tagen abgebrochen. Mich konnten die Geschichten so gar nicht packen. Der Klappentext war sprachlich meines Erachtens nach das Beste des Buches. Hm.

  6. Susanne Haun schreibt:

    Ich glaube, ich muss mir langsam ein Zitat heraussuchen, was ich mir auf ein Kissen sticken lasse!
    Ich bekomme gefallen an der Idee… aber das Kissen kommt dann in mein Bett, damit ich das Zitat auch so richtig aufnehme 🙂 🙂 🙂
    Vielleicht sind dann englisch Vokabeln besser, die ich im Schlaf lerne……

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