Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication

Dieser Roman von Steffen Kopetzky gehört zu meinen absoluten Favoriten. Schon der etwas barocke Titel deutet auf die Fabulierlust seines Autors hin und macht in seiner Mischung aus Sehnsuchtsförderndem (Grand Tour!) und Geheimnisvollem (Große Complication?) neugierig. Eine Neugier, die Steffen Kopetzky aufs Schönste stillt, sowohl stilistisch als auch erzählerisch-einfallsreich.

Uhren, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Dem Roman vorangestellt ist der übliche Hinweis aufs frei Erfundene, aber so üblich nun auch wieder nicht, denn das Buch beruhe „auf eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen“. Der Autor nämlich hat, wie man bei Wikipedia lesen kann, in diesem Roman seine Erfahrungen als Schlafwagenschaffner verarbeitet. Auch schön: „Insbesondere möchte der Autor seine geschätzten Leser dringend davor warnen, sich an den im Buch beschriebenen Abfahrts- und Ankunftszeiten und sonstigen Fahrplanangaben zu orientieren. Außer man hat viel Zeit und Lust auf Überraschungen.“

Viel Zeit – unfreiwillig und aufgrund einer höchst unangenehmen Überraschung – hat Leonard Pardell, Student im Urlaubssemester, reizend naiv und gutmütig und daher immer wieder Opfer hinterhältiger Zeitgenossen. Eigentlich wollte er in Buenos Aires einen Sprachkurs und ein Praktikum absolvieren (wunderbar hier: Kopetzkys Verwendung diverser Worthülsen, mit denen der ominöse Kurs nebst Praktikum beworben werden, seine Variationen dieser Werbefloskeln, die ihre Austauschbarkeit und damit ihre Beliebigkeit und Leere zeigen). Doch leider ist Leo einer betrügerischen Anzeige aufgesessen, das Geld für die Fortbildung ist futsch, sein Gepäck auf halbem Weg unterwegs und so entscheidet sich Leo für etwas völlig anderes. Seine Mutter und seine Angebetete lässt er in dem Glauben, in Buenos Aires zu sein, er stellt sogar seine Uhr um, damit er ein Gefühl für die dortige Zeit bekommt, wobei er aus seiner eigenen Zeit herauszufallen scheint. Das ist doppelt paradox, denn sein neuer Job als Schlafwagenschaffner erfordert ein hohes Maß an Pünktlichkeit. Dieser Job bringt ihn kreuz und quer durch Europa, eine Grand Tour, bei der allerdings die Bildung auf gänzlich anderen Schienen abläuft als bei einer traditionellen Bildungsreise.

Die zweite Hauptfigur ist Dr. Friedrich Jasper Baron von Reichhausen, der „Würger“ genannt, von Haus aus stinkreich und meist stockbetrunken. Ein passionierter Uhrensammler, der seine Kanzlei für Erbschaftsangelegenheiten (und seine Angestellten) dazu nutzt, um an ungewöhnliche und wertvolle Uhren zu kommen. So etwa an die „Ziffer à Grande Complication“, die ihre Große Complication zum Jahrtausendwechsel zeigen wird. Um diese Uhr zu besitzen, schreckt der Baron vor fast nichts zurück. Die Uhr ist dem reichen, gelangweilten Trinker geradezu Lebensziel geworden. Hier auch wunderbar und an Thomas Manns Kniff in den Buddenbrooks erinnernd: die immer wiederkehrenden formelhaften Redewendungen, z. B. „Es muss unbedingt mehr getrunken werden“.

Und dann gibt es da noch den mysteriösen Agenten, der einen geheimnisvollen Schmugglerring sprengen will und sich immer mehr an Leos Fahrplänen zu orientieren scheint.

Aus diesen und weiteren Zutaten spinnt Kopetzky ein Netz aus wunderbaren, überraschenden und skurrilen Geschichten und Personen. Es gibt jede Menge Spannung, auch eine Liebesgeschichte, man erfährt viel über Uhren, die Abläufe für Schlafwagenschaffner und so einiges mehr. Alles hervorragend und geistreich geschrieben. Eine tolle Mischung und unbedingt empfehlenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication

  1. puzzle schreibt:

    Danke für den spannenden Tipp – und das Bild zum Blog gefällt mir außerdem sehr!

  2. buchpost schreibt:

    Deine Begeisterung steckt an. Das klingt nach einem erfrischenden „Schmöker“, genau das, auf was ich jetzt Lust hätte. Also, wo war noch gleich meine Liste?! LG Anna

  3. A. L. schreibt:

    Das großartigste Buch wo gibt!!!!!!

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Das klingt nach einer äußerst spannenden, auch wunderbar schrägen und schlauen Schreibe! Danke, liebe Petra, für Deine arg lustmachende Rezension: wie immer sehr nach unserem Geschmack geschrieben!
    Liebe Grüße, Dieter und mb

  5. dasgrauesofa schreibt:

    Ich muss mich meinen Vorschreibern anschließen: Deine Besprechung macht ganz viel Lust aufs Lesen. Ein Schlafwagenschaffner! Das ist ja mal eine tolle Idee. Da bekommt man ja selbst schon ganz viele Ideen, welchen spannenden, abgedrehten, sehr netten, völlig arroganten und total bekloppten Menschen man in dem Beruf wohl alles begegnet. Toll, das Buch will ich sofort haben. (Das ist schon das zweite Buch heute Morgen, das auf meine Leseliste kommt. Ich werde nun für heute mein Internet mit einem Vorhängeschloss abschließen. Das Lesen hier ist wirklich nicht gut :-))
    Viele Grüße, Claudia

  6. Lakritze schreibt:

    … und Wissen über Uhren?? Muß ich haben. (Ich mag das, wenn Autoren irgendein seltsames Wissensgebiet in ihre Geschichte integrieren, so daß man’s immer noch gerne liest.)
    Danke für den Tip!

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