Das Kopfkissenbuch der Sei Shonagon

Handlich und hübsch anzusehen ist die Manesse-Ausgabe des Kopfkissenbuchs oder auch „Makura no Sôshi“, was soviel wie „Skizzenbuch unterm Kopfkissen“ bedeutet, mit Illustrationen von Masami Iwata und dem Text des Kopfkissenbuchs der japanischen Hofdame Sei Shonagon.

Kopfkissen und Nachttischlampe, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Sei Shonagon lebte von etwa 966 bis 1025 während der Heian-Zeit und führte ihr Kopfkissenbuch, das zu den Klassikern der japanischen Literatur zählt, wohl von 1001 bis 1010. Kaiserin Sadako hatte ihr ein Bündel Papier von bester Qualität geschenkt und die Hofdame schrieb Geschichten hinein, die man eigentlich nur dem Kopfkissen anvertrauen würde, wie es in der Einleitung des Übersetzers Mamoru Watanabé heißt. Herausgekommen ist kein Tagebuch der üblichen Art, sondern lauter kurze Beschreibungen des Lebens am Hofe, Klatsch und Alltagsbegebenheiten, Naturbetrachtungen und vieles mehr. Das alles wirkt bemerkenswert modern. Sei Shonagon hat mit ihrem Kopfkissenbuch die Zuihitsu-Literatur – auch Miszellenliteratur genannt – begründet. Am ehesten lässt sich diese Gattung mit unserem Essay vergleichen.

Sei Shonagons Kopfkissenbuch wurde laut Einführung wohl oft kopiert und nie erreicht. Leider hat der Herausgeber meiner allerliebsten Manesse-Ausgabe sich die Freiheit genommen, Passagen auszulassen, die den Lesenden zu fremd vorkommen könnten, sodass die Ausgabe nur zwei Drittel des Originaltextes enthält. Das finde ich persönlich sehr schade, dennoch ist diese Ausgabe insofern empfehlenswert, als sie Lust auf den Gesamttext macht.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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28 Antworten zu Das Kopfkissenbuch der Sei Shonagon

  1. IngridW schreibt:

    Schön, dass Du das „Kopfkissenbuch“ hier besprichst. Ich habe erstmals davon in „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen und das Bändchen auf meiner (leider ziemlich langen) Wunschliste. Grüße, Ingrid

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, fein : ) Es ist wirklich sehr nett zu lesen und wirkt gar nicht „alt“. Erstaunlich auch, wie viel eher so was wie Essays in Japan „erfunden“ wurden als in Europa – und dann noch von einer Frau : )

  2. B.ee schreibt:

    Das ist ja nett! Ich will auch so ein Kopfkissenbuch haben…ob mein Zitatenbuch auch als Kopfkissenbuch durchgehen würde???

  3. Susanne Haun schreibt:

    Ich habe von dem Buch auch das erste mal bei Hanns-Josef Ortheil gelesen, allerdings im Buch Liebesnähe.
    Es ist wohl wie das Skizzenbuch der Maler zu verstehen. Kurze Einblicke in ein intimes Leben.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

  4. Alain Fux schreibt:

    Interessant auch der Film von Peter Greenaway, „The Pillow Book“. http://en.wikipedia.org/wiki/The_Pillow_Book_%28film%29

  5. Rabin schreibt:

    Wie schön, dass zu lesen. Ich habe lange sämtliche Antiquariate abgesucht, bis ich die gewünschte alte Ausgabe gefunden habe. Keine Modernisierung der Sprache und soweit zu sagen, auch keine Kürzungen. Besser kann nur das japanische Original sein.

  6. Rabin schreibt:

    Ich war etwas zu enthusiastisch. Natürlich habe ich auch nur die gekürzte deutsche Variante. Aber eben zu meinem großen Glück keine modernisierte Übersetzung.

  7. Ich hab die Manesse-Ausgabe auch, weil ich sie so hübsch fand. Und das Leben der Dame ist einfach beeindruckend. LG Mila

  8. kormoranflug schreibt:

    Mit so einem Kopfkissenbuch würde ich sofort einschlafen. Bei Deiner Leselampe bekommt man dann nachts eine Beule am Kopf, oder? 😉

  9. Pingback: Das lila Kissen – Aquarell von Susanne Haun | Susanne Haun -> Drawing -> Zeichnung -> Dibujo -> 水彩画

  10. karu02 schreibt:

    Das Buch ist auch in meinem Besitz und ich kann nur zustimmen.

  11. Magister Somnus schreibt:

    Bisher kannte ich „nur“ die erotischen Versionen. Schöne Anthologie bei Phaidon http://www.amazon.com/Stories-Utamaro-Hokusai-Kuniyoshi-Floating/dp/0714849960 und Utamaros Kopfkissenbuch in der Leporello Ausgabe (ausgeklappt vier Meter) aus dem Berlin Verlag, DDR, das 1989 zum 40. Jahrestags der DDR nach einer Originalvorlage aus dem Besitz von Werner Klemke erschien.

  12. Pingback: Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers | DruckSchrift

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