Die Capote-Biographie von Gerald Clarke

Gestern las ich die Biographie über Truman Capote von Gerald Clarke zu Ende. Weit mehr als 700 Seiten stark lässt sie kaum noch eine Frage offen und ist überdies gut geschrieben, was diesen Backstein aus dem Kein & Aber Verlag zu einem großen Lesevergnügen macht (sieht man mal von den vielen Druckfehlern ab). Auf einem Teil dieser Biographie basiert übrigens der sehenswerte Film „Capote“ mit Philip Seymour Hoffman in der Titelrolle. Der Film umfasst zeitlich die Jahre, in denen der Schriftsteller, unterstützt von Nelle Harper Lee, der Autorin von Wer die Nachtigall stört, für seinen Tatsachenroman Kaltblütig recherchiert.

Im Laufe des Buchs bzw. meines Lesens hatte ich den Eindruck, als würde sich die Haltung des Biographen zu Capote ändern. Clarke arbeitete 13 Jahre an der Biographie, er erlebte also vor allem auch die schlechten Zeiten des Schriftstellers, die von Drogen, Tabletten und ungesunden Beziehungen geprägt waren sowie von Capotes Wandlung zur Persona non grata nach seinen indiskreten Erhörten Gebeten. Gegen Ende, eigentlich ab der Arbeit an den Erhörten Gebeten, wurde mir Capote ganz unsympathisch und ich hatte das Gefühl, Clarke ging es ähnlich.

Anfangs tut einem der kleine Truman leid, den die unbekümmerten, unverlässlichen Eltern bei irgendwelchen Tanten in Monroeville, Alabama abstellen oder in Hotelzimmern einschließen, um ihren eigenen Vergnügungen nachzugehen. Die Mutter, eine siebzehnjährige Southern Belle namens Lilli Mae (sie nannte sich später „Nina“ – das erinnert an Lulamae/Holly aus Frühstück bei Tiffany), nimmt es mit der Treue nicht so genau, ihr Mann, Archulus Persons, dafür mit dem Gesetz. In Monroeville lernt Truman Nelle Harper Lee kennen, die ihn später in ihrem Roman als den etwas merkwürdigen kleinen Dill porträtieren wird.

Nach der Scheidung der Eltern und der Wiederverheiratung der Mutter mit einem gewissen Joseph Capote, der Truman adoptierte, zog Truman als Zehnjähriger zu seiner Mutter und seinem neuen Vater nach New York. Die zweite Ehe funktionierte besser, die Verhältnisse stabilisierten sich, doch auf lange Sicht blieb Capotes Verhältnis zu seiner kapriziösen Mutter bis zu ihrem Selbstmord eine Achterbahnbeziehung.

Truman fiel es nicht schwer, Freundschaften zu schließen, vor allem zu Mädchen und jungen Frauen aus besten Verhältnissen, wie Oona O’Neill, der späteren Frau von Charlie Chaplin. Er veröffentlichte mit Anfang zwanzig Erzählungen in Harper’s Bazaar und Mademoiselle und galt als hoffnungsvoller Nachwuchsautor, ohne überhaupt seinen ersten Roman geschrieben zu haben. Das lag unter anderem daran, dass er ein ausgezeichnetes Gespür dafür hatte, wie er sich inszenieren und mit welchen Leuten er sich umgeben sollte.

Es kamen erfolgreiche Jahre. Capote verdiente gut, war gern gesehener Gast, schrieb auch Drehbücher und nach mehreren Jahren intensiver Arbeit einen seiner größten Erfolge, Kaltblütig. Danach schien es nur noch bergab zu gehen. Er ließ sich mit den falschen Männern ein, trank zu viel und nahm zu viele Tabletten, später auch Kokain, und aus dem gerngesehenen Partygast wurde ein anmaßender Spinner. Endgültig verdarb er es sich mit seinen High-Society-Freundinnnen, nachdem die ersten beiden Geschichten aus Erhörte Gebete veröffentlicht worden waren. Er selbst prahlte, damit die Nachfolge Prousts angetreten zu haben, doch dazu braucht es natürlich deutlich mehr. Wer die Geschichten kennt, wird vielleicht wie ich enttäuscht sein von dieser Ansammlung bösartiger Tratschgeschichten über Leute, die längst tot, und Skandale, die lange erloschen sind. Meiner Ansicht nach überhaupt kein Vergleich beispielsweise zu seinen wunderbaren Porträts aus Wenn die Hunde bellen. Geschweige denn zu Proust! Zu jener Zeit jedenfalls reichten die Tratschereien, um von einer Menge Leute fallengelassen zu werden. 1984 verglühte sein Stern endgültig, sein Körper war kaputt von all den Giften, sogar sein Geist war angegriffen, er litt zuweilen an Halluzinationen und Ausfällen. Ein trauriges Ende für so einen hoffnungsvollen Schriftsteller.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Die Capote-Biographie von Gerald Clarke

  1. Karo schreibt:

    Als Biographie liest sich so ein Aufstieg und Fall eines Ausnahmeschrifstellers sicher sehr viel spannender, als eine makellose Erfolgsgeschichte.

  2. Susanne Haun schreibt:

    Ich habe nur den Film gesehen, Petra, aber ich empfinde es als wirklich anmaßend sich selber mit Proust zu vergleichen. Selbst vergleiche zu anderen zu ziehen, geht das nicht auch schon in Richtung „Tratsch“ – jeder Mensch ist ein Individuum und einzigartig…. egal in welcher Weise, ob sie uns gefällt oder nicht…..
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Prinzipiell habe ich eigentlich nichts gegen Vergleiche, liebe Susanne. Ich glaube, das machen wir sowieso oft, um Dinge oder Personen von anderen abgrenzen und immer mehr individualisieren zu können (X ist kleiner, größer, grüner, netter, lauter etc. als Y). Aber mit Proust hat Capote die Messlatte wirklich zu hoch gehängt. Dir noch einen gemütlichen Abend : )

  3. buechermaniac schreibt:

    Ich fand Capotes Bücher immer sehr gut, allen voran natürlich „Kaltblütig“. Die Verfilmung habe ich ebenfalls gesehen, aber nur einmal, da mir der brutale Mord an dieser Familie in einem Masse eingefahren ist, dass ich die Bilder noch heute vor mir sehe. Schade hat das Leben von Capote so enden müssen.

    LG buechermaniac

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Büchermaniac, ich hab weder das Buch gelesen noch den Film gesehen. Aber in dem Film „Capote“ geht es ja darum und da dachte ich mir schon, dass mir das wohl zu heftig sein würde. Kein Wunder, dass du diese Bilder nicht mehr los wirst.
      Ja, schade ist sein Ende schon, nicht mal ganz 60 Jahre ist er geworden …
      Liebe Grüße!

  4. B.ee schreibt:

    Liebe Petra,
    ganz lieben Dank für diese aufschlussreiche Rezension und den damit verbundenen kleinen Eindruck in das Leben Capotes, das ich vorher zugegebenermaßen überhaupt nicht kannte.
    Die Verfilmung zu Kaltblütig hat mich nun neugierig gemacht. Mal sehen, was unsere Stadtbibliothek dazu sagt.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Es ist mir ein Vergnügen, liebe B.ee : ) ich freue mich, dass dir der Tipp gleich Lust auf mehr gemacht hat, vielleicht lese ich ja bei dir noch was zum Film? Liebe Grüße!

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