Der Fall Jane Eyre

Der Fall Jane Eyre von Jasper Fforde ist ein großartiger, intelligenter und doch leichter Lesespaß – ein wunderbar abgedrehtes Buch mit vielen schrägen Ideen. Thursday Next ist Literaturagentin. Doch in ihrer Welt, die sich ein bisschen von unserer unterscheidet, bedeutet das nicht, dass sie Autoren und Verlage zusammenbringt, sondern dass sie Literaturverbrecher jagt. Beispielsweise Leute, die falsche Erstausgaben verkaufen wollen, was ja noch relativ harmlos ist. Dagegen hat es ihr neuester Fall in sich: Sie soll dabei helfen, den Verbrecher Acheron Hades dingfest zu machen, der Romanfiguren entführt und die Regierung erpresst.

Ermöglicht hat ihm dies das Literaturportal, das Thursdays Onkel Mycroft erfunden hat. Überhaupt ist Mycroft sehr einfallsreich, so hat er auch Bücherwürmer erfunden. Darunter kann man sich Datenträger ähnlich unseren USB-Sticks vorstellen, nur eben lebendig, die nach dem Essen auch mal überflüssige Apostrophe oder Großschreibungen ausscheiden, was sich auf die Dialoge im Roman auswirkt. Hilfreich für Texter wären vielleicht auch Mycrofts Thesauruswürmer, die jede Menge Synonyme zu einem Begriff nennen können.

Aber nicht nur Thursday und ihr Onkel haben (für uns) ungewöhnliche Berufe und Begabungen (oder auch Haustiere, Dodos etwa, und die in unterschiedlichen „Versionen“ wie Software). Den Vogel schießt allerdings wohl Thursdays Vater ab, einst Mitarbeiter der ChronoGarde, nun auf der Flucht durch die Zeiten. Er kann die Zeit anhalten, was er immer tut, wenn er seine Tochter besucht, und er versucht unter anderem, historische Ereignisse, die zum Beispiel von den französischen Revisionisten zu ihren Gunsten verändert wurden, wieder gerade zu biegen.

In der Welt von Thursday Next kann es vorkommen, dass ein Baconier an der Tür klingelt wie bei uns die Zeugen Jehovas und sagt: „Haben Sie sich nicht auch schon einmal gefragt, ob Shakespeares wunderbare Stücke auch tatsächlich von ihm stammen?“ Ich wollte, so einer würde auch mal bei mir klingeln. Ihr seht schon, das Buch ist voller bezaubernder Verrücktheiten. Dennoch kommt eine im Rahmen des Romans vernünftige Handlung nicht zu kurz, sogar eine Liebesgeschichte gibt es und am Schluss wird ein unbefriedigendes Romanende verbessert.

Man sollte sich für Literatur, besonders für englische interessieren und kein Problem mit ungewöhnlichen Einfällen haben. Dann wird man diesen Roman lieben. Und vielleicht auch die weiteren Folgen lesen wollen, ich jedenfalls möchte das gern.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Der Fall Jane Eyre

  1. Susanne Haun schreibt:

    Dieses Buch hört sich so schön skurill und schräg an, dass es gleich auf meine Wunschliste gelandet ist.

  2. Harald schreibt:

    Vielen Dank für die schöne Rezension. Ich hatte so meine lieben Probleme mit Jasper Ffordes Romanheldin warm zu werden (siehe meine Rezension ‚Das hat die gute Jane nicht verdient…‘ http://biblionomicon.blogspot.de/2010/06/das-hat-die-gute-jane-nicht-verdient.html ), aber zum Glück sind die Geschmäcker ja verschieden und so bleibt einem das Vergnügen, darüber diskutieren zu können 😉 Ich hatte das englische Original gelesen und es blieben mir am Ende einfach noch zu viele Fragen offen. Dabei muss ich zugeben, dass die Fülle an skurrilen Ideen im Roman wirklich bemerkenswert ist.

    Viele Grüße,
    Harald

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Wie ich schon bei Fb schrieb: Vielleicht warst du nicht „in Stimmung“ für das Buch ; ) Ich war in Urlaubsstimmung, da hat es gut gepasst, deine Besprechung gefällt mir aber trotzdem : )

  3. Klausbernd schreibt:

    Es erstaunlich, wie „Jane Eyre“ z.Zt. die Romanproduktion anregt. Ich las gerade von Diane Setterfield „Die dreizehnten Geschichte“, ein Roman, in dem nicht nur „Jane Eyre“ eine nicht unwesentliche und doch rätselhafte Rolle spielt, sondern der auch auf moderne Weise diesem Roman nachgebildet ist. Dieser Roman, den du beschreibst, scheint ja ganz schön abgeknallt zu sein. Mir geht`s jedoch wie Harald, Jasper Fforde trifft nicht gerade meinen Geschmack.
    Liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer von
    Klausbernd und seinen munteren Buchfeen Siri und Selma

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Der Roman ist schon ziemlich abgefahren, lieber Klausbernd. Ich fand ihn sehr witzig, kann aber verstehen, dass er manchen zu albern ist.
      Wie gefällt dir denn „Die dreizehnte Geschichte“?
      Liebe Grüße aus dem Olivenhain!

  4. jexner schreibt:

    Gleich mal gekauft. Bin gespannt.

    A propos abgefahrene Ideen: Schon „Die Wahrheit über den Fall D“ von Fruttero & Lucentini gelesen?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, fein : ) Pruuust, ich habe gerade die Inhaltsangabe zu dem von dir empfohlenen Buch gelesen, klingt ja allerliebst durchgeknallt. Anscheinend nur noch aus zweiter Hand erhältlich, werde ich bestellen, danke für den Tipp!

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