Von seltsamen Ländern und wunderlichen Völkern

Wie ihr wisst, meine Lieben, reise und lese ich gern – was sich aufs Schönste bei Reiseberichten verbinden lässt. Beispielsweise bei denen des Johann von Mandeville. 1356 legte der Lütticher Autor mit Von seltsamen Ländern und wunderlichen Völkern eine staunenswerte Mischung vor. Die Liste der Länder, die er angeblich bereist haben wollte, ist lang:

„Ich bin gefahren durch die Türkei sowie Groß- und Kleinarmenien, die Tartarei und Persien, durch Syrien und Arabien, durch Ober- und Unterägypten, Libyen und Chaldäa, durch Äthiopien oder das Land der Mohren, durch Amazonien, das Land der Frauen, in dem nur Frauen wohnen, durch Groß- und Kleinindien und manche merkwürdige Insel, die dazugehört.“ [Von seltsamen Ländern und wunderlichen Völkern, S. 21]

In Mandevilles „Reiseberichten“ verweben sich realistische Angaben zu Reiserouten mit Mythen, Aberglaube und religiösen Legenden. Wahres, Gehörtes, Erfundenes und Sagenhaftes steht gleichberechtigt nebeneinander. Er erzählt von einer Giftschlange auf Sizilien, die nur unehelich geborene Menschen beiße, oder auch von Menschen in Äthiopien, die sehr breite Füße hätten: „Wenn sie sich hinlegen, bedecken sie sich mit ihren Füßen, die ihnen Schatten spenden“. [S. 123] Wie das aussehen könnte, sieht man sehr schön bei Vnicornis.

Die Beschreibungen der Dinge und Menschen, denen Mandeville begegnet sein will, lesen sich für heutige Leser bisweilen possierlich, indes konnten die damaligen Leser den Wahrheitsgehalt nur selten überprüfen. Das könnte einer der Gründe sein, warum das fantasievolle Reisebuch zu einer Art frühem Bestseller wurde, obwohl der Autor selbst nie all diese Reisen unternahm, sondern offenbar lediglich eine hervorragende Kenntnis der damals zugänglichen Reiseliteratur besaß, die er mit Geschichten vom Hörensagen und seiner Fantasie mischte. Ironie der Geschichte: Seinen Schilderungen haben die Leser bis ins 19. Jahrhundert hinein Glauben geschenkt, wogegen die von Marco Polo für übertrieben oder unwahr gehalten wurden.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Von seltsamen Ländern und wunderlichen Völkern

  1. Klausbernd schreibt:

    Liebe Philea,
    toll, dass du John de Mandeville vorstellst, diesen Klassiker der Reiseliteratur. Bis ins 17. Jh. hinein haben viele Reiseschriftsteller das berichtet, was andere ihnen erzählt haben, haben Mythen und Fakten gemischt und waren oft nie in den Gegenden, die sie angeblich bereisten. Das sieht man ja auch an den frühen Weltkarten, die mythologische Gebiete und geografische Ort wild mischten. Der geografische Ort war auch stets ein märchenhafter und mystischer Ort. Mandeville war da keine Ausnahme. Die heutige Forschung zweifelt selbst bei Marco Polo an, ob er weiter bis in die heutige Türkei vorgedrungen ist und nicht seine Berichte von den Erzählungen anderer Reisenden übernommen hat. Von Mandeville haben dann auch wieder einige „Reiseschriftsteller“, die lieber am heimischen Herd blieben, abgeschrieben. Aber ehrlich gesagt, ob Alexandra David-Neel als modernere Reiseschriftstellerin alles so wie beschrieben erlebt hat, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Exaktere Reisebeschreibungen, die allerdings gleich zum Kult wurden wegen ihrer sexuellen Komponente wurden (und die Tätowierung in Europa einführten), waren jene von Banks, der Finanzier und Mitreisende von Cook.
    Liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    Klausbernd und seine liebklugen Buchfeen Siri und Selma

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Klausbernd,
      ich könnte mir schon vorstellen, dass manche, auch heute noch, ihre Reiseberichte ein wenig aufpeppen, man will ja gelesen werden und unterhalten. Interessant fand ich, was die Geschichte der Reiseliteratur angeht, dass mit deren Erforschung relativ spät begonnen wurde, nämlich erst in den 1980er Jahren. Sehr empfehlenswert ist hierzu beispielsweise Heinrich Pletichas „Triumph und Tragik der Entdeckungsreisen. Reisen und Entdeckungen im Spiegel der Literatur“ – aber vielleicht kennst du das ja schon?
      Liebe Grüße!

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