Die scheußlichsten Länder der Welt

Nein, keine Sorge, meine Lieben, ich habe keine Liste mit Ländern angefertigt, von deren Bereisung ich abrate. Die scheußlichsten Länder der Welt. Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer lautet der Titel, unter dem vor einigen Jahren die wiederentdeckten „Reiseberichte“ von Favell Lee Mortimer (1802 – 1878) herausgegeben wurden.

Es sind keine echten Reiseberichte, denn die reiseschreibende Engländerin, verbrachte, bis auf Reisen nach Brüssel, Paris und Edinburgh, ihr Leben in England. Das konnte sie dennoch nicht davon abhalten, fleißig über andere Länder zu schreiben und dabei ihre meist negativen Ansichten darüber zu verbreiten. Da sie fast keines der beschriebenen Länder mit eigenen Augen gesehen hat, fragt man sich, wie sie es schaffte, zwischen 1849 und 1854 drei Reisebücher zu veröffentlichen, nämlich The Countries of Europe Described, Far off, Part I: Asia an Australia Described und Far off, Part II: Africa and America Described. Ganz einfach: Sie hat sich durch die Werke anderer Reiseschriftsteller gearbeitet, Wissen gesammelt und sich ihre (Vor)Urteile zusammengereimt. Das hier von mir empfohlene Buch ist eine Art Best-of ihrer Werke.

Mrs. Mortimers Ansichten zu Land und Leuten sind zuweilen sehr bizarr, manchmal gibt sie einen Hinweis, wie sie darauf kommt, etwa bei den Spaniern, die „sehr grausam“ seien (nämlich wegen der Stierkämpfe). Bei vielen anderen ihrer Behauptungen weiß nur der Himmel, wie sie zu ihrem Urteil gelangte. So heißt es bei ihr über die Portugiesen, dass niemand in Europa „so tollpatschig und unbeholfen mit seinen Händen“ sei wie sie. Den Russen könne man „im Allgemeinen nicht trauen“ und die Italiener seien „dumm und gottlos“. Ihr Urteil über die Deutschen ist vergleichsweise milde:

„Sie werden bereits verstanden haben, dass die Deutschen sehr gütig sind und liebenswert in ihren Familien. Sie sind herzlich. Sie sind sorgsam und vorsichtig. Es wäre gut, wenn sie nur etwas ordentlicher wären und sauberer, besonders die armen Leute.“ [Die scheußlichsten Länder der Welt. Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer, S. 80]

Auch die Griechen kommen relativ gut weg:

„Sie sind lebhaft und warmherzig und schwatzen überaus gern. Die Griechen lieben Gesang, obwohl sie sehr schlecht singen. Sie sind begeistert vom Tanz und fröhlichen Feiern.“ [S. 115]

Möglicherweise war die Autorin so sanft gestimmt, weil sie das Land selbst für „eines der lieblichsten Länder – vielleicht […] das allerschönste“ hielt.

Insgesamt ist das Buch eine hübsch misogyne Lektüre für Reiselustige und -unlustige.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Die scheußlichsten Länder der Welt

  1. Dina schreibt:

    🙂 🙂

  2. Lakritze schreibt:

    Ich muß ehrlich sagen, von diesem Buch lese ich am liebsten — die Rezensionen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Es ist durchaus ganz lustig zu lesen, was sich die Dame an Vorurteilen zusammengebraut hat. Aber drei Bände lang hätte ich es auch nicht lesen wollen, schon deshalb kann man sich über „Zusammenfassung“ freuen.

  3. Das klingt total abgefahren. Überhaupt: Reisen ist völlig überbewertet. Wozu gibt’s TV und Internet?
    LG Mila (die sich dann doch auf ihre Sommerreise freut)

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Die Mischung macht’s, wie so oft ; ) Und es ist doch immer wieder interessant, die Vorstellungen vor Ort mit der Realität abzugleichen. Manchmal werden dann allerdings auch Vorurteile zu Urteilen, z. B. zum schlechten Kaffee in den Staaten ; )
      Wohin geht es denn im Sommer, liebe Mila?

  4. Daniel Ludwig schreibt:

    Na, das ist aber ein Buch nach meinem Geschmack. Übrigens, aus dieser Zeit scheint es einiges an Reiseberichten zu geben, deren Autoren zwar die Welt bereisten (oder auch nicht), aber jedes besuchte Land (im Kontrast zum good old England) als gefährlichen und schmutzigen Dschungel, überfüllt mit primitiven Wilden, darstellen.
    Obwohl sie es eigentlich stets ernst meinen, ist es doch sehr amüsant, dies zu lesen, zumindest aus der Perspektive der modernen Zeit.
    Petra, wenn Du weiterhin so spannende Bücher beschreibst, gehen mir irgendwann die Regale aus! Das Buch habe ich natürlich schon bestellt 😉

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Daniel, schön, dass du wieder hier bist : ) Und schön auch, dass dich das Buch angesprochen hat. In jener Zeit haben offenbar besonders englische Frauen gern über andere Länder geschrieben, so gern, dass der „Punch“ damals lästerte: „Wir hatten bisher Die Engländerin in Russland, Die Engländerin in Tibet, Die Engländerin in Amerika, ja, Die Engländerin im hintersten Winkel der Welt. Falls die Reiselust unserer schönen Landsmänninnen anhält, wäre Die Engländerin in England eine willkommene Abwechslung.“

  5. andreabreuer schreibt:

    „Es wäre gut, wenn sie nur etwas ordentlicher wären und sauberer, besonders die armen Leute.“ => Danke, dass mein Morgen mit einem Lacher beginnen durfte. 🙂 Das ist ja ein wahrer Leseschatz; würde ich sehr gerne mal durchblättern…

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